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Scientology: Unterschied zwischen den Versionen

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Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge)
Artikel «Scientology» angelegt/aktualisiert
 
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''Scientology wurde 1952 von L. Ron Hubbard gegründet und beansprucht, eine moderne Religion zu sein. Die Organisation steht weltweit in der Kritik wegen ihrer Geheimhaltung, ihres Umgangs mit Mitgliedern und Gegnern sowie zahlreicher Gerichtsverfahren.''


== Gründung und Selbstverständnis ==
[[Datei:Faktenradar_b6bbbade_Hubbard_tomate.jpg|thumb|right|Gründung und Selbstverständnis]]


== Bilder ==
L. Ron Hubbard, ein US-amerikanischer Science-Fiction-Autor, veröffentlichte 1950 das Buch „Dianetik“ und begründete damit die Grundlagen für Scientology. Zwei Jahre später etablierte er die Organisation, die sich selbst als religiöse Philosophie versteht. Zentrales Element ist die Annahme, dass die menschliche Seele – der sogenannte Thetan – von sogenannten Engrammen belastet ist, die als schädliche Erinnerungen an traumatische Erlebnisse interpretiert werden. Das Ziel der Scientology-Mitglieder ist es, diese Engramme durch ein mehrstufiges System von Kursen und Auditing-Sitzungen zu lösen und so zu einem Zustand erhöhter geistiger Fähigkeiten – dem sogenannten Clear – zu gelangen. Die Organisation versteht sich als Weiterentwicklung der Dianetik und kombiniert es mit esoterischen, pseudowissenschaftlichen und teils science-fiction-artigen Elementen. Die Schriften Hubbards gelten dabei als unfehlbar und bilden die Grundlage für alle Lehren und Praktiken.
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Scientology_1.jpg|Scientology
== Lehren und Geheimlehre ==
Scientology_2.jpg|Scientology
[[Datei:Faktenradar_b6bbbade_Scientology_Juni_1951.jpg|thumb|left|Lehren und Geheimlehre]]
Scientology_3.png|Scientology
 
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Die Glaubensinhalte von Scientology sind in mehrere Stufen unterteilt, wobei die höheren sogenannten OT-Stufen (Operating Thetan) nur gegen hohe Gebühren und nach erfolgreichem Absolvieren vorheriger Kurse zugänglich sind. In diesen fortgeschrittenen Lehren findet sich unter anderem die Geschichte von Xenu, einem galaktischen Herrscher, der vor 75 Millionen Jahren Milliarden von Thetanen auf die Erde brachte und sie in Vulkanen zerstörte. Die Überreste dieser Thetanen, so die Lehre, haften heute an Menschen und verursachen emotionale und psychische Probleme. Diese Inhalte wurden in den 1980er Jahren durch Gerichtsverfahren öffentlich bekannt, was die Organisation als schweren Schaden für ihr Ansehen betrachtete. Die Scientology-Führung bestreitet jedoch weiterhin, dass diese Lehren Teil ihrer Doktrin seien. Die Geheimhaltung der höheren Stufen wird damit begründet, dass diese Inhalte für Unvorbereitete psychisch schädlich sein könnten. Kritiker hingegen sehen darin ein Mittel, um potenzielle Mitglieder nicht vorzeitig abzuschrecken.
 
== Organisation und Machtstrukturen ==
[[Datei:Faktenradar_b6bbbade_360px-David_Miscavige.png|thumb|right|Organisation und Machtstrukturen]]
 
Die Sea Organization, 1967 von Hubbard gegründet, ist die elitäre Führungseinheit innerhalb der Organisation. Sie zählt nach eigenen Angaben etwa 5.000 Mitglieder, die uniformiert nach militärischem Vorbild organisiert sind und ein Lebensversprechen ablegen. Die Sea Org kontrolliert alle wichtigen Bereiche der Organisation und verfügt über eigene Disziplinareinheiten wie die Rehabilitation Project Force (RPF), in der Mitglieder nach Angaben von Aussteigern unter teils menschenunwürdigen Bedingungen „umerzogen“ werden sollen. Neben der Sea Org existiert mit dem Office of Special Affairs (OSA) ein eigener Geheimdienst, der laut internen Dokumenten dafür zuständig ist, Gegner auszuspionieren, einzuschüchtern und mundtot zu machen. Auch die Beeinflussung von Politik und Behörden zählt zu den Aufgaben des OSA. Die Organisation finanziert sich unter anderem durch die Mitgliedschaftsbeiträge und Kursgebühren ihrer Anhänger, die mit steigendem Fortschritt in den Kursen deutlich ansteigen. Hinzu kommen Einnahmen aus zahlreichen Tarnorganisationen und Unternehmen, die nach außen hin unabhängig wirken, aber von Scientology kontrolliert werden.
 
== Tarnorganisationen und gesellschaftliche Aktivitäten ==
Scientology betreibt weltweit ein Netzwerk von Frontorganisationen, die unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche ansprechen. Dazu gehören das Drogenentwöhnungsprogramm Narconon, das Straffälligenprogramm Criminon sowie Bildungsinitiativen wie Applied Scholastics. Diese Programme basieren auf Hubbards Lehren und sind in der Fachwelt vielfach umstritten. So wurde Narconon in mehreren Ländern wegen mangelnder medizinischer Standards und Todesfällen in Einrichtungen untersucht. Auch die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM) ist eine von Scientology initiierte Organisation, die sich gegen die moderne Psychiatrie und insbesondere gegen Medikamente wie Ritalin einsetzt. Hinzu kommt das Unternehmensnetzwerk WISE (World Institute of Scientology Enterprises), das Unternehmer dazu bringt, Hubbards Managementtechniken in ihre Betriebe zu integrieren. WISE-Mitglieder zahlen Lizenzgebühren und müssen sich verpflichten, interne Konflikte nicht vor Gericht, sondern durch Scientology-interne Schiedsverfahren klären zu lassen.
 
== Rechtliche Auseinandersetzungen und staatliche Beobachtung ==
In mehreren Ländern ist Scientology Gegenstand gerichtlicher und behördlicher Prüfung. In Deutschland wird die Organisation seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet, da sie als totalitär organisiert und verfassungsfeindlich eingestuft wird. Das Bundesamt für Verfassungsschutz sieht in der Scientology-Ideologie eine Gefahr für die freiheitliche demokratische Grundordnung, da nur „Clears“ volle Bürgerrechte erhalten sollen und Kritiker „isoliert“ werden sollen. Eine Klage der Organisation gegen diese Beobachtung wurde 2008 vom Oberverwaltungsgericht Münster abgewiesen. In Frankreich wurde Scientology 2009 wegen bandenmäßigen Betrugs verurteilt und als kriminelle Vereinigung eingestuft. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Mitglieder durch irreführende Versprechungen hohe Geldbeträge für Kurse und Materialien abgepresst wurden. Auch in Griechenland wurde eine Scientology-Niederlassung 1996 wegen Gehirnwäsche und Verstoßes gegen Grundrechte geschlossen. Trotz dieser Rückschläge betreibt die Organisation weiterhin ein weltweites Netzwerk von Zentren und Missionen mit Hauptsitzen in London, Berlin, Los Angeles und anderen Großstädten.
 
== Sprache und Indoktrination ==
Ein zentrales Merkmal von Scientology ist der umfangreiche eigene Jargon mit über 3.000 Begriffen, der sich aus Neologismen, Abkürzungen und Umdefinitionen besteht. Begriffe wie „Thetan“, „E-Meter“, „Clear“ oder „Sea Org“ sind für Außenstehende kaum verständlich und dienen laut Kritikern nicht nur der Abgrenzung, sondern auch der Gedankenkontrolle. Das sogenannte „Wortklären“ ist ein zentrales Element in der Ausbildung von Mitgliedern. Dabei wird angenommen, dass jede Unklarheit im Verständnis eines Textes auf nicht verstandene Wörter zurückzuführen ist. Diese Methode führt dazu, dass Texte nicht inhaltlich, sondern nur auf Wortebene erschlossen werden, was kritisches Denken erschwert. Auch der Vergleich mit dem fiktiven „Neusprech“ aus George Orwells Roman „1984“ wird von Beobachtern gezogen, da die Sprache gezielt eingesetzt wird, um bestimmte Denkmuster zu verstärken und abweichende Meinungen zu unterdrücken. Die Verwendung von technischen Begriffen für Menschen – etwa „potentielle Schwierigkeitsquelle“ für Kritiker oder „Produkt“ für Mitglieder – trägt zur Entmenschlichung und zur Stärkung der hierarchischen Struktur bei.
 
== Weblinks ==
# [http://www.berlin.de/sen/inneres/scientology Berliner Senatsverwaltung für Inneres – Informationen zu Scientology]
# [http://www.verfassungsschutz-bw.de/so/start_so.htm Verfassungsschutz Baden-Württemberg – Scientology]
# [http://www.spiegel.de/panorama/razzia-bei-scientology-klinik-narconon-a-898725.html Der Spiegel: Razzia bei Scientology-Klinik Narconon]
 
== Veröffentlichungen ==
* Frank Nordhausen, Liane von Billerbeck: Scientology. Wie der Sektenkonzern die Welt erobern will.
* Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology.
 
== Einzelnachweise ==
# [http://www.verwaltung.bayern.de/Anlage4015418/DasSystemScientology.pdf Bayerisches Staatsministerium des Innern: Das System Scientology (PDF)]
 
[[Kategorie:Sekte]]
[[Kategorie:Esoterik]]

Aktuelle Version vom 10. Mai 2026, 22:04 Uhr

Scientology wurde 1952 von L. Ron Hubbard gegründet und beansprucht, eine moderne Religion zu sein. Die Organisation steht weltweit in der Kritik wegen ihrer Geheimhaltung, ihres Umgangs mit Mitgliedern und Gegnern sowie zahlreicher Gerichtsverfahren.

Gründung und Selbstverständnis

Gründung und Selbstverständnis

L. Ron Hubbard, ein US-amerikanischer Science-Fiction-Autor, veröffentlichte 1950 das Buch „Dianetik“ und begründete damit die Grundlagen für Scientology. Zwei Jahre später etablierte er die Organisation, die sich selbst als religiöse Philosophie versteht. Zentrales Element ist die Annahme, dass die menschliche Seele – der sogenannte Thetan – von sogenannten Engrammen belastet ist, die als schädliche Erinnerungen an traumatische Erlebnisse interpretiert werden. Das Ziel der Scientology-Mitglieder ist es, diese Engramme durch ein mehrstufiges System von Kursen und Auditing-Sitzungen zu lösen und so zu einem Zustand erhöhter geistiger Fähigkeiten – dem sogenannten Clear – zu gelangen. Die Organisation versteht sich als Weiterentwicklung der Dianetik und kombiniert es mit esoterischen, pseudowissenschaftlichen und teils science-fiction-artigen Elementen. Die Schriften Hubbards gelten dabei als unfehlbar und bilden die Grundlage für alle Lehren und Praktiken.

Lehren und Geheimlehre

Lehren und Geheimlehre

Die Glaubensinhalte von Scientology sind in mehrere Stufen unterteilt, wobei die höheren sogenannten OT-Stufen (Operating Thetan) nur gegen hohe Gebühren und nach erfolgreichem Absolvieren vorheriger Kurse zugänglich sind. In diesen fortgeschrittenen Lehren findet sich unter anderem die Geschichte von Xenu, einem galaktischen Herrscher, der vor 75 Millionen Jahren Milliarden von Thetanen auf die Erde brachte und sie in Vulkanen zerstörte. Die Überreste dieser Thetanen, so die Lehre, haften heute an Menschen und verursachen emotionale und psychische Probleme. Diese Inhalte wurden in den 1980er Jahren durch Gerichtsverfahren öffentlich bekannt, was die Organisation als schweren Schaden für ihr Ansehen betrachtete. Die Scientology-Führung bestreitet jedoch weiterhin, dass diese Lehren Teil ihrer Doktrin seien. Die Geheimhaltung der höheren Stufen wird damit begründet, dass diese Inhalte für Unvorbereitete psychisch schädlich sein könnten. Kritiker hingegen sehen darin ein Mittel, um potenzielle Mitglieder nicht vorzeitig abzuschrecken.

Organisation und Machtstrukturen

Organisation und Machtstrukturen

Die Sea Organization, 1967 von Hubbard gegründet, ist die elitäre Führungseinheit innerhalb der Organisation. Sie zählt nach eigenen Angaben etwa 5.000 Mitglieder, die uniformiert nach militärischem Vorbild organisiert sind und ein Lebensversprechen ablegen. Die Sea Org kontrolliert alle wichtigen Bereiche der Organisation und verfügt über eigene Disziplinareinheiten wie die Rehabilitation Project Force (RPF), in der Mitglieder nach Angaben von Aussteigern unter teils menschenunwürdigen Bedingungen „umerzogen“ werden sollen. Neben der Sea Org existiert mit dem Office of Special Affairs (OSA) ein eigener Geheimdienst, der laut internen Dokumenten dafür zuständig ist, Gegner auszuspionieren, einzuschüchtern und mundtot zu machen. Auch die Beeinflussung von Politik und Behörden zählt zu den Aufgaben des OSA. Die Organisation finanziert sich unter anderem durch die Mitgliedschaftsbeiträge und Kursgebühren ihrer Anhänger, die mit steigendem Fortschritt in den Kursen deutlich ansteigen. Hinzu kommen Einnahmen aus zahlreichen Tarnorganisationen und Unternehmen, die nach außen hin unabhängig wirken, aber von Scientology kontrolliert werden.

Tarnorganisationen und gesellschaftliche Aktivitäten

Scientology betreibt weltweit ein Netzwerk von Frontorganisationen, die unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche ansprechen. Dazu gehören das Drogenentwöhnungsprogramm Narconon, das Straffälligenprogramm Criminon sowie Bildungsinitiativen wie Applied Scholastics. Diese Programme basieren auf Hubbards Lehren und sind in der Fachwelt vielfach umstritten. So wurde Narconon in mehreren Ländern wegen mangelnder medizinischer Standards und Todesfällen in Einrichtungen untersucht. Auch die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM) ist eine von Scientology initiierte Organisation, die sich gegen die moderne Psychiatrie und insbesondere gegen Medikamente wie Ritalin einsetzt. Hinzu kommt das Unternehmensnetzwerk WISE (World Institute of Scientology Enterprises), das Unternehmer dazu bringt, Hubbards Managementtechniken in ihre Betriebe zu integrieren. WISE-Mitglieder zahlen Lizenzgebühren und müssen sich verpflichten, interne Konflikte nicht vor Gericht, sondern durch Scientology-interne Schiedsverfahren klären zu lassen.

Rechtliche Auseinandersetzungen und staatliche Beobachtung

In mehreren Ländern ist Scientology Gegenstand gerichtlicher und behördlicher Prüfung. In Deutschland wird die Organisation seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet, da sie als totalitär organisiert und verfassungsfeindlich eingestuft wird. Das Bundesamt für Verfassungsschutz sieht in der Scientology-Ideologie eine Gefahr für die freiheitliche demokratische Grundordnung, da nur „Clears“ volle Bürgerrechte erhalten sollen und Kritiker „isoliert“ werden sollen. Eine Klage der Organisation gegen diese Beobachtung wurde 2008 vom Oberverwaltungsgericht Münster abgewiesen. In Frankreich wurde Scientology 2009 wegen bandenmäßigen Betrugs verurteilt und als kriminelle Vereinigung eingestuft. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Mitglieder durch irreführende Versprechungen hohe Geldbeträge für Kurse und Materialien abgepresst wurden. Auch in Griechenland wurde eine Scientology-Niederlassung 1996 wegen Gehirnwäsche und Verstoßes gegen Grundrechte geschlossen. Trotz dieser Rückschläge betreibt die Organisation weiterhin ein weltweites Netzwerk von Zentren und Missionen mit Hauptsitzen in London, Berlin, Los Angeles und anderen Großstädten.

Sprache und Indoktrination

Ein zentrales Merkmal von Scientology ist der umfangreiche eigene Jargon mit über 3.000 Begriffen, der sich aus Neologismen, Abkürzungen und Umdefinitionen besteht. Begriffe wie „Thetan“, „E-Meter“, „Clear“ oder „Sea Org“ sind für Außenstehende kaum verständlich und dienen laut Kritikern nicht nur der Abgrenzung, sondern auch der Gedankenkontrolle. Das sogenannte „Wortklären“ ist ein zentrales Element in der Ausbildung von Mitgliedern. Dabei wird angenommen, dass jede Unklarheit im Verständnis eines Textes auf nicht verstandene Wörter zurückzuführen ist. Diese Methode führt dazu, dass Texte nicht inhaltlich, sondern nur auf Wortebene erschlossen werden, was kritisches Denken erschwert. Auch der Vergleich mit dem fiktiven „Neusprech“ aus George Orwells Roman „1984“ wird von Beobachtern gezogen, da die Sprache gezielt eingesetzt wird, um bestimmte Denkmuster zu verstärken und abweichende Meinungen zu unterdrücken. Die Verwendung von technischen Begriffen für Menschen – etwa „potentielle Schwierigkeitsquelle“ für Kritiker oder „Produkt“ für Mitglieder – trägt zur Entmenschlichung und zur Stärkung der hierarchischen Struktur bei.

Weblinks

  1. Berliner Senatsverwaltung für Inneres – Informationen zu Scientology
  2. Verfassungsschutz Baden-Württemberg – Scientology
  3. Der Spiegel: Razzia bei Scientology-Klinik Narconon

Veröffentlichungen

  • Frank Nordhausen, Liane von Billerbeck: Scientology. Wie der Sektenkonzern die Welt erobern will.
  • Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology.

Einzelnachweise

  1. Bayerisches Staatsministerium des Innern: Das System Scientology (PDF)