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Das offene Wiki zur kritischen Einordnung von Pseudowissenschaft, Verschwörungserzählungen und Desinformation im deutschsprachigen Raum — 401 Artikel mit transparenten Quellen und dokumentiertem Korrekturrecht.

Verschwörungstheorien um den 11. September 2001

Aus Faktenradar

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 kursieren alternative Deutungen, denen zufolge US-Stellen involviert oder zumindest vorab informiert gewesen sein sollen. Eine Übersicht zeigt zentrale Behauptungen, ihre Verbreitung und den wissenschaftlichen Kenntnisstand.

Verbreitung und Grundmuster der ‚Inside-Job‘-These

Verbreitung und Grundmuster der ‚Inside-Job‘-These

Bereits kurz nach den Anschlägen veröffentlichten einzelne Autoren und Internetforen alternative Szenarien, denen zufolge nicht allein die damals genannte Terrorzelle al-Qaida verantwortlich sei. In zwei Varianten wird eine Beteiligung oder zumindest ein Wissen US-amerikanischer Behörden postuliert: MIHOP („Made it happen on purpose“) unterstellt eine aktive Planung durch Regierungsstellen, während LIHOP („Let it happen on purpose“) eine bewusste Duldung des Anschlags behauptet. Eine 2006 erhobene Meinungsumfrage ergab, dass rund 40 Prozent der befragten US-Bürger einer LIHOP-Variante zuneigten; eine 2007 durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass etwa zwei Drittel der Befragten der Auffassung waren, die Regierung Bush habe Beweise zurückgehalten, die der offiziellen Darstellung widersprächen. Als Prominente, die sich in verschiedener Weise für alternative Erklärungen einsetzten, werden unter anderem der damalige venezolanische Präsident Hugo Chávez und der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad genannt.

Flugzeugpräparierung und Pentagon-Einschlag: zwei zentrale Streitpunkte

Flugzeugpräparierung und Pentagon-Einschlag: zwei zentrale Streitpunkte

Eine früh kursierende Behauptung besagte, die am 11. September eingesetzten Verkehrsflugzeuge seien in den Monaten zuvor gar nicht regulär geflogen, sondern in geheimen Hangars technisch umgerüstet worden. Anhänger dieser These beriefen sich auf ein 2009 veröffentlichtes Dokument des U.S. Bureau of Transportation Statistics, demzufolge drei der vier Jets zuletzt im Dezember 2000 registrierte Flugbewegungen aufwiesen. Tatsächlich existieren jedoch zahlreiche Fotos und Flugverkehrsdaten, die alle vier Maschinen bis unmittelbar vor dem 11. September im Linienbetrieb zeigen: So wurde eine Boeing 767 (Flug AA11) am Vortag des Anschlags noch auf dem Flughafen Boston geortet, eine weitere (Flug UA175) mehrfach im Sommer 2001 von sogenannten Plane-Spottern fotografiert. Gleiches gilt für die Maschinen der Flüge UA93 und AA77. Ebenfalls wiederholt aufgegriffen wurde die These, ins Pentagon sei keine Boeing 757, sondern eine Lenkflugkörper-Rakete eingeschlagen. Gegen diese Annahme sprechen Wrackteile, die eindeutig zu einer Boeing 757 gehören, sowie der gefundene Flugdatenschreiber von Flug AA77. Ein 2009 verbreiteter Einwand, im Aufzeichnungsgerät fehlten Informationen zur Cockpit-Tür, wurde zurückgewiesen: Die verwendete Baugruppe erfasse diese Parameter grundsätzlich nicht, wie Technikunterlagen des Flugzeugtyps belegen.

Sprengvorwürfe im Zusammenhang mit dem Einsturz des World Trade Centers

Sprengvorwürfe im Zusammenhang mit dem Einsturz des World Trade Centers

Die Türme 1 und 2 des World Trade Centers stürzten nach den Flugzeugeinschlägen und den daraus resultierenden Großbränden noch am Vormittag ein; das nicht direkt getroffene Gebäude 7 kollabierte am späten Nachmittag infolge von Feuer und Trümmerlast. Alternativen zu dieser Darlage postulieren, zusätzlich zu den Flugzeugen seien Sprengladungen angebracht worden, um ein kontrolliertes Einstürzen zu erreichen. Befürworter verweisen unter anderem auf Beobachtungsvideos, in denen Trümmerteile schneller fallen als die Fassade, was nach ihrer Auffassung auf einen freien Fall und damit auf eine „kontrollierte Sprengung“ hindeute. Fachgutachten des National Institute of Standards and Technology (NIST) belegen jedoch, dass die Konstruktion der drei Gebäude durch längere Brandeinwirkung geschwächt wurde und anschließend progressive Einsturzmechanismen einsetzten. Beispiele für Hochhäuser, die ohne Fremdeinwirkung durch Brand einstürzten, sind das Plasco-Gebäude in Teheran (2017) und das Wilton-Paes-de-Almeida-Hochhaus in São Paulo (2018). Auch die Windsor-Tower in Madrid erlitt 2005 ein Teileinstürzen nach einem Großbrand.

Ökonomische und ideologische Anreize einer ‚Verschwörungsindustrie‘

Seit 2001 entstand ein regelrechter Markt für Bücher, Vorträge, Filme und Internetkanäle, die alternative 9/11-Szenarien verbreiten. Verlage wie der Peace Press oder Plattformen wie KenFM, Nuoviso (heute Nuoflix) und das Portal Rubikon stellen entsprechende Inhalte bereit, häufig verbunden mit weiteren Themen wie angeblichen Chemtrail-Programmen oder der These einer „Neuen Weltordnung“. Zu den publizistisch aktivsten Akteuren zählen der Schweizer Historiker Daniele Ganser, der deutsche Buchautor Andreas von Bülow, der ehemalige US-Theologieprofessor David Ray Griffin sowie der dänische Chemiker Niels Holger Harrit. Letzterer vertritt die These, in Stäuben des World Trade Centers seien Spuren von Nanothermit gefunden worden, was auf eine Sprengung hindeute. Diese Interpretation wurde von mehreren Fachlaboren als nicht belegbar eingestuft. Auch der Mathematiker und Physiker Ansgar Schneider veröffentlichte Berechnungen, nach denen das Dach des Nordturms schneller einstürzte, als ein einfaches Kollapsmodell erwarte; daraus folgerte er eine „aktive menschliche Intervention“. Fachseiten wie 911myths.com oder Popular Mechanics wiesen mehrfach nach, dass die verwendeten Geschwindigkeitswerte vereinfachte Annahmen enthalten und Trümmerteile, die sichtbar schneller fallen als die Fassade, einen freien Fall gerade nicht bestätigen.

Stand wissenschaftlicher und aufsichtsrechtlicher Untersuchungen

Die bislang umfangreichsten Untersuchungen stammen von der 9/11-Kommission des US-Kongresses (Abschlussbericht 2004) sowie von technischen Instanzen wie dem NIST. Sie kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass 19 Entführer der Gruppe al-Qaida die Anschläge durchführten, wobei Mängel in der Informationsweitergabe zwischen US-Behörden bestehen, jedoch keine Anhaltspunkte für eine Beteiligung oder ein Vorauswissen auf höherer Regierungsebene vorlägen. Internationale Geheimdienste, darunter der deutsche Bundesnachrichtendienst, lieferten den US-Ermittlern ergänzende Hinweise auf die Vorbereitung der Attentate durch die al-Qaida-Zelle um Mohamed Atta. Keine der alternativen Theorien konnte bislang vor Gericht oder in unabhängigen Fachpublikationen belastbare Beweise für eine Beteiligung US-amerikanischer Stellen vorlegen. Dennoch bleibt das Thema in sozialen Netzwerken und auf bestimmten Internetplattformen präsent, was Experten mit dem allgemeinen Zunahmeverschwörungstheoretischer Erzählformen in digitalen Öffentlichkeiten verbinden.

Weblinks

  1. Offizieller Abschlussbericht der 9/11-Kommission (engl.)
  2. Technische Analysen des NIST zu den Gebäudeeinstürzen (engl.)
  3. Popular-Mechanics-Serie „Debunking 9/11 Myths“ (engl.)
  4. Kritische Aufarbeitung von Verschwörungsbehauptungen auf 911myths.com (engl.)