Reiki: Unterschied zwischen den Versionen
Artikel «Reiki» angelegt/aktualisiert |
Artikel «Reiki» angelegt/aktualisiert |
||
| (Eine dazwischenliegende Version von einem anderen Benutzer wird nicht angezeigt) | |||
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
''Reiki wird als | ''Reiki wird als universelle Lebensenergie beworben, die durch Handauflegen heilen soll. Die Methode stammt aus dem Japan des frühen 20. Jahrhunderts, doch ihre Wirkung konnte in klinischen Studien nicht nachgewiesen werden.'' | ||
== | == Entstehung und globale Verbreitung == | ||
[[Datei: | [[Datei:Faktenradar_1580b385_Reiki.jpg|thumb|right|Entstehung und globale Verbreitung]] | ||
Reiki geht auf Mikao Usui | Reiki geht auf Mikao Usui zurück, einen japanischen Buddhisten, der um 1920 eine Handauflegepraxis mit esoterischem Hintergrund entwickelte. Nach seiner Tod 1926 setzte der ehemalige Marineoffizier Dr. Chujiro Hayashi die Lehre fort, indem er Behandlungsabläufe und eine dreistufige Initiation festlegte. 1938 weihte er die US-amerikanische Reiki-Meisterin Hawayo Takata, die das System auf Hawaii etablierte und dort eine Klinik eröffnete. Takata führte ein gestuftes Gebührenmodell ein: 175 US-Dollar für die erste, 500 für die zweite und 10.000 US-Dollar für die dritte Ausbildungsstufe. Zwischen 1970 und 1980 ernannte sie 22 weitere Meister, unter ihnen ihre Enkeltochter Phyllis Furumoto, die 1983 die „Reiki Alliance“ gründete. Heute existieren weltweit zahlreiche Reiki-Linien, die sich in Ritualkenntnissen und Preisgestaltung unterscheiden. | ||
== Grundannahmen und | == Grundannahmen und Praxisformen == | ||
[[Datei: | [[Datei:Faktenradar_1580b385_Reiki1.jpg|thumb|left|Grundannahmen und Praxisformen]] | ||
Reiki setzt sich aus den japanischen | Der Begriff Reiki setzt sich aus den japanischen Schriftzeichen für „universell“ (rei) und „Lebensenergie“ (ki) zusammen. Anhänger gehen davon aus, dass durch sanftes Auflegen oder Halten der Hände über den Körper ein Energiefluss angeregt wird, der Blockaden löst, Selbstheilungskräfte aktiviert und das seelisch-körperliche Gleichgewicht stärkt. Neben der Behandlung von Menschen wird Reiki auch auf Tiere, Zimmerpflanzen und Nahrungsmittel angewendet; dabei reicht nach Überzeugung der Praktizierenden die Handhaltung über das jeweilige Objekt aus, um „Heilenergie“ zu übertragen. Die Methode beansprucht, Stress abzubauen, Gifte auszuleiten und die allgemeine Wahrnehmung zu schärfen, ohne dabei körperliche Manipulationen oder Medikamente einzusetzen. | ||
== | == Ausbildungsgrade und Symbole == | ||
[[Datei: | [[Datei:Faktenradar_1580b385_155px-Reiki2.jpg|thumb|right|Ausbildungsgrade und Symbole]] | ||
In der | Die Reiki-Lehre gliedert sich in drei Stufen. In der ersten Stufe erlernen Teilnehmer grundlegende Handpositionen und erhalten nach Darstellung der Schulen den „Zugang“ zur Energie. Die zweite Stufe umfasst drei Symbolen: ein Kraft-Symbol soll die Energiemenge erhöhen, ein Emotions-Symbol emotionale Ausgleichsprozesse fördern und ein Fernheilungs-Symbol es erlauben, räumlich oder zeitlich getrennte Personen zu behandeln. In der dritten Stufe wird das Master-Symbol übermittelt, das nach Überzeugung der Lehre den dauerhaften Kanal zur Energiequelle öffnet. Wer dieses Symbol erhalten hat, muss nach traditioneller Auffassung ein Jahr lang üben, bevor er selbst Lehrberechtigung erlangt. Die konkreten Anforderungen und Gebühren variieren stark; im Internet werden inzwischen auch kostenlose „Online-Weihen“ angeboten. | ||
== | == Studienlage und physikalische Überprüfung == | ||
Eine nachvollziehbare biophysikalische Grundlage für die postulierte Reiki-Energie liegt nicht vor. In einer randomisiert-kontrollierten Studie mit 100 Fibromyalgie-Patienten zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen echter Behandlung durch Reiki-Praktiker und Scheinbehandlung durch geschulte Schauspieler. Eine systematische Übersichtsarbeit analysierte 2008 alle randomisierten klinischen Prüfungen und fand keinen belastbaren Nachweis für klinische Wirksamkeit. Placebo-kontrollierte Reiki-Studien gelten als methodisch schwierig, weil ein glaubwürdiges Scheinritual kaum umsetzbar ist. Messbare Wärmeentwicklung oder andere physikalische Effekte, die über die normale Körperwärme hinausgingen, konnten nicht festgestellt werden. | |||
== Soziale Rahmenbedingungen und Risikodiskussion == | |||
Da Reiki körperlich nicht invasiv ist, geht von der Methode selbst keine unmittelbare Gesundheitsgefahr aus. Kritisiert wird jedoch, dass krankheitsbedingte Symptome aufgrund vermeintlicher Heilerfolge möglicherweise nicht ärztlich abgeklärt werden. Der damit einhergehende Glaube an eine universelle Heilenergie wird nach Einschätzung von Sektenbeobachtern gezielt genutzt, um empfängliche Personengruppen zu identifizieren. Die Stufenweitergabe schaffe ein Pseudokompetenzsystem, das Machtgefälle zwischen Lehrern und Schülern verstetigt. Besonders in settings mit starkem Gruppendruck könne Reiki als Einstieg in psychologisch manipulative Strukturen dienen. Die subjektiv empfundene Wärme während einer Sitzung erklären Forscher mit gesteigerter Selbstwahrnehmung und möglichen vegetativen Reaktionen auf fast-Berührung, vergleichbar dem „roten Ohr“-Phänomen in peinlichen Situationen. | |||
== Weblinks == | == Weblinks == | ||
# [http://www.ekd.de/ezw/dateien/EZW_KI_Reiki_5_2009.pdf Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen: Kompakt-Infos Reiki (Mai 2009)] | # [http://www.ekd.de/ezw/dateien/EZW_KI_Reiki_5_2009.pdf Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen: Kompakt-Infos Reiki (Mai 2009)] | ||
# [http://www.agpf.de/Reiki.htm AGPF Bundesverband | # [http://www.agpf.de/Reiki.htm AGPF-Bundesverband: Reiki – Das Patentrezept des Japaners Mikao Usui] | ||
# [http://www.sueddeutsche.de/wissen/teil-geist-und-wunderheilungreiki-heilsame-haende-1.768375 Süddeutsche Zeitung: Geist- und Wunderheilung – Heilsame Hände (28.08.2007)] | # [http://www.sueddeutsche.de/wissen/teil-geist-und-wunderheilungreiki-heilsame-haende-1.768375 Süddeutsche Zeitung: Geist- und Wunderheilung – Heilsame Hände (28.08.2007)] | ||
== Veröffentlichungen == | == Veröffentlichungen == | ||
* [http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1742-1241.2008.01729.x/abstract Lee MS, Pittler MH, Ernst E. Effects of reiki in clinical practice: a systematic review of randomised clinical trials. Int J Clin Pract 2008 | * [http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1742-1241.2008.01729.x/abstract Lee MS, Pittler MH, Ernst E. Effects of reiki in clinical practice: a systematic review of randomised clinical trials. Int J Clin Pract 2008;62(6):947-954] | ||
* [http://www.liebertonline.com/doi/full/10.1089/acm.2008.0068 Assefi N, Bogart A, Goldberg J, Buchwald D. Reiki for the treatment of fibromyalgia: a randomized controlled trial. J Altern Complement Med 2010;16(11):1191-1200] | |||
[[Kategorie: | [[Kategorie:Pseudomedizin]] | ||
[[Kategorie:Esoterik]] | |||
Aktuelle Version vom 10. Mai 2026, 23:32 Uhr
Reiki wird als universelle Lebensenergie beworben, die durch Handauflegen heilen soll. Die Methode stammt aus dem Japan des frühen 20. Jahrhunderts, doch ihre Wirkung konnte in klinischen Studien nicht nachgewiesen werden.
Entstehung und globale Verbreitung

Reiki geht auf Mikao Usui zurück, einen japanischen Buddhisten, der um 1920 eine Handauflegepraxis mit esoterischem Hintergrund entwickelte. Nach seiner Tod 1926 setzte der ehemalige Marineoffizier Dr. Chujiro Hayashi die Lehre fort, indem er Behandlungsabläufe und eine dreistufige Initiation festlegte. 1938 weihte er die US-amerikanische Reiki-Meisterin Hawayo Takata, die das System auf Hawaii etablierte und dort eine Klinik eröffnete. Takata führte ein gestuftes Gebührenmodell ein: 175 US-Dollar für die erste, 500 für die zweite und 10.000 US-Dollar für die dritte Ausbildungsstufe. Zwischen 1970 und 1980 ernannte sie 22 weitere Meister, unter ihnen ihre Enkeltochter Phyllis Furumoto, die 1983 die „Reiki Alliance“ gründete. Heute existieren weltweit zahlreiche Reiki-Linien, die sich in Ritualkenntnissen und Preisgestaltung unterscheiden.
Grundannahmen und Praxisformen

Der Begriff Reiki setzt sich aus den japanischen Schriftzeichen für „universell“ (rei) und „Lebensenergie“ (ki) zusammen. Anhänger gehen davon aus, dass durch sanftes Auflegen oder Halten der Hände über den Körper ein Energiefluss angeregt wird, der Blockaden löst, Selbstheilungskräfte aktiviert und das seelisch-körperliche Gleichgewicht stärkt. Neben der Behandlung von Menschen wird Reiki auch auf Tiere, Zimmerpflanzen und Nahrungsmittel angewendet; dabei reicht nach Überzeugung der Praktizierenden die Handhaltung über das jeweilige Objekt aus, um „Heilenergie“ zu übertragen. Die Methode beansprucht, Stress abzubauen, Gifte auszuleiten und die allgemeine Wahrnehmung zu schärfen, ohne dabei körperliche Manipulationen oder Medikamente einzusetzen.
Ausbildungsgrade und Symbole

Die Reiki-Lehre gliedert sich in drei Stufen. In der ersten Stufe erlernen Teilnehmer grundlegende Handpositionen und erhalten nach Darstellung der Schulen den „Zugang“ zur Energie. Die zweite Stufe umfasst drei Symbolen: ein Kraft-Symbol soll die Energiemenge erhöhen, ein Emotions-Symbol emotionale Ausgleichsprozesse fördern und ein Fernheilungs-Symbol es erlauben, räumlich oder zeitlich getrennte Personen zu behandeln. In der dritten Stufe wird das Master-Symbol übermittelt, das nach Überzeugung der Lehre den dauerhaften Kanal zur Energiequelle öffnet. Wer dieses Symbol erhalten hat, muss nach traditioneller Auffassung ein Jahr lang üben, bevor er selbst Lehrberechtigung erlangt. Die konkreten Anforderungen und Gebühren variieren stark; im Internet werden inzwischen auch kostenlose „Online-Weihen“ angeboten.
Studienlage und physikalische Überprüfung
Eine nachvollziehbare biophysikalische Grundlage für die postulierte Reiki-Energie liegt nicht vor. In einer randomisiert-kontrollierten Studie mit 100 Fibromyalgie-Patienten zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen echter Behandlung durch Reiki-Praktiker und Scheinbehandlung durch geschulte Schauspieler. Eine systematische Übersichtsarbeit analysierte 2008 alle randomisierten klinischen Prüfungen und fand keinen belastbaren Nachweis für klinische Wirksamkeit. Placebo-kontrollierte Reiki-Studien gelten als methodisch schwierig, weil ein glaubwürdiges Scheinritual kaum umsetzbar ist. Messbare Wärmeentwicklung oder andere physikalische Effekte, die über die normale Körperwärme hinausgingen, konnten nicht festgestellt werden.
Soziale Rahmenbedingungen und Risikodiskussion
Da Reiki körperlich nicht invasiv ist, geht von der Methode selbst keine unmittelbare Gesundheitsgefahr aus. Kritisiert wird jedoch, dass krankheitsbedingte Symptome aufgrund vermeintlicher Heilerfolge möglicherweise nicht ärztlich abgeklärt werden. Der damit einhergehende Glaube an eine universelle Heilenergie wird nach Einschätzung von Sektenbeobachtern gezielt genutzt, um empfängliche Personengruppen zu identifizieren. Die Stufenweitergabe schaffe ein Pseudokompetenzsystem, das Machtgefälle zwischen Lehrern und Schülern verstetigt. Besonders in settings mit starkem Gruppendruck könne Reiki als Einstieg in psychologisch manipulative Strukturen dienen. Die subjektiv empfundene Wärme während einer Sitzung erklären Forscher mit gesteigerter Selbstwahrnehmung und möglichen vegetativen Reaktionen auf fast-Berührung, vergleichbar dem „roten Ohr“-Phänomen in peinlichen Situationen.
Weblinks
- Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen: Kompakt-Infos Reiki (Mai 2009)
- AGPF-Bundesverband: Reiki – Das Patentrezept des Japaners Mikao Usui
- Süddeutsche Zeitung: Geist- und Wunderheilung – Heilsame Hände (28.08.2007)
Veröffentlichungen
- Lee MS, Pittler MH, Ernst E. Effects of reiki in clinical practice: a systematic review of randomised clinical trials. Int J Clin Pract 2008;62(6):947-954
- Assefi N, Bogart A, Goldberg J, Buchwald D. Reiki for the treatment of fibromyalgia: a randomized controlled trial. J Altern Complement Med 2010;16(11):1191-1200