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Bioresonanz: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 10. Mai 2026, 20:40 Uhr

Die Bioresonanztherapie beruht auf der Annahme, der Körper sende krankheitsrelevante Schwingungen aus, die sich elektronisch „löschen“ ließen. Verfahren, Geräte und Studienlage im Überblick.

Entstehung und Verbreitung des Verfahrens

Entstehung und Verbreitung des Verfahrens

Anfang der 1970er-Jahre entwickelte der deutsche Arzt Franz Morell gemeinsam mit dem Ingenieur Erich Rasche ein Therapiegerät, das körpereigene elektrische Signale aufnehmen, verstärken, invertieren und dem Patienten rückführen sollte. Die Bezeichnung „MORA-Therapie“ setzte sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen zusammen. Später etablierte sich der Sammelbegriff „Bioresonanz“ oder auch „biophysikalische Informationstherapie (BIT)“. Die Methode knüpft an ältere esoterische Verfahren wie die Elektroakupunktur nach Voll (EAV) und die Radionik an. Heute werden weltweit zahlreiche Geräte unterschiedlicher Hersteller vertrieben, die sich Bioresonanz, elektromagnetische Resonanztherapie oder Multiresonanztherapie nennen. Neben dem menschlichen Einsatz wird Bioresonanz inzwischen auch bei Tieren und Pflanzen angeboten; in Österreich etwa zur Gewichtsreduktion („Abnehmen mit Bioresonanz“).

Funktionsbeschreibung der Geräte

Funktionsbeschreibung der Geräte

Typische Bioresonanzgeräte verfügen über zwei bis vier Kanäle, an die Metallhandstücke, Füßlinge, Kopfhauben oder textile Matten angeschlossen werden. Über diese Elektroden wird eine Wechselspannung abgeleitet, die laut Herstellerangaben „körpereigene Schwingungen“ trage. Das Signal durchläuft Verstärker, Hoch- oder Tiefpassfilter sowie optionale „Separatoren“, die angeblich „pathologische“ von „physiologischen“ Anteilen trennen sollen. Anschließend wird das bearbeitete Signal invertiert und dem Patienten als „Therapiefrequenz“ wieder zugeführt. Die Behandlung dauert einige Minuten bis maximal 30 Minuten; häufig wechseln sich kurze Impuls- und Pausenphasen ab. Zusatzfunktionen erlauben das „Energetisieren“ von Glasampullen mit homöopathischen Substanzen oder die Speicherung frequenzkodierter „Arzneimuster“. Die Geräte erzeugen dabei Spannungen im Millivolt- bis Volt-Bereich, wobei gemessene Spektren hauptsächlich die Netzfrequenz 50 Hz und deren ungerade Vielfache zeigen – ein Hinweis auf technisch eingekoppelte Störsignale.

Physikalische und physiologische Einwände

Physikalische und physiologische Einwände

Die zentrale Annahme, der Organismus strahle charakteristische elektromagnetische Schwingungen aus, die Krankheiten zugeordnet werden können, ist experimentisch nicht belegt. Weder existieren reproduzierbare Frequenzmuster für bestimmte Organe noch für Allergene oder Bakterien. Die behauptete „Inversion“ krankmachender Signale folgt nicht den Gesetzen der Signalverarbeitung: Ein analoges elektrisches Signal lässt sich zwar phasenverschieben oder verstärken, nicht aber selektiv „löschen“, ohne alle anderen Frequenzanteile mit zu beeinflussen. Die Trennung „guter“ und „schlechter“ Anteile durch sogenannte Separatoren oder „Molekularsaugkreise“ ist technisch nicht plausibel. Die dort eingesetzten Materialien wie Chlorophyll oder Hämoglobin besitzen im verwendeten Frequenzbereich keine nachweisbaren Filtereigenschaften. Auch fehlen jegliche Kalibrierstandards, sodass identische Messungen an verschiedenen Geräten oder Standorten zu divergierenden Ergebnissen führen. Insgesamt zeigen Labormessungen, dass die ausgegebenen Signale vor allem Umgebungsstörungen widerspiegeln, nicht aber körpereigene Informationen.

Studienlage und regulatorische Stellungnahmen

Randomisierte, placebokontrollierte Studien zur Bioresonanztherapie finden konsistent keinen Nutzen über den Placeboeffekt hinaus. Bei Kindern mit atopischer Dermatitis führte eine dreimonatige Bioresonanzbehandlung zu keiner Verbesserung des Ekzemscores im Vergleich zur Scheintherapie. Auch für die Diagnostik von Allergien erwies sich das Verfahren als unzuverlässig: In doppelten Tests reproduzierten Geräte weder IgE-vermittelte noch nicht-immunologische Sensitivierungen. Einzig eine kleine Pilotstudie zur Rauchentwöhnung berichtete einen leichten Vorteil für Bioresonanz; die Autoren selbst wiesen jedoch auf methodische Limitationen hin. Infolge des mangelnden Wirksamkeitsnachweises stufen der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) und die Schweizerische Gesellschaft für Allergologie das Verfahren als nicht erstattungsfähig bzw. als „diagnostischen und therapeutischen Unsinn“ ein. Die Kosten tragen daher ausschließlich die Patienten selbst, wobei Einzelsitzungen zwischen 60 und 150 Euro liegen können.

Risiken und ethische Aspekte

Schwere direkte Nebenwirkungen sind selten, weil nur geringe Ströme fließen. Indirekt kann die Methode jedoch gesundheitsschädlich sein, wenn eine wirksame Behandlung verzögert oder ganz unterbleibt. Dies gilt besonders für Infektionen, Tumorerkrankungen und schwere Allergien. Die suggerierte wissenschaftliche Seriosität – Geräte tragen CE-Kennzeichnung, Anbieter nennen sich „Institute“ oder „Zentren“ – verunsichert Patienten zusätzlich. In der Tiermedizin führt der Einsatz zu ähnlichen Problemen: So wurden Pferde mit chronischem Husten ausschließlich bioresonanztherapeutisch behandelt, während eine bakterielle Infektion unerkannt fortbestand. Verbraucherschützer kritisieren zudem aggressive Vermarktung, etwa die Empfehlung von Geräten zur „Corona-Prophylaxe“, für die keinerlei Daten vorliegen.

Fazit

Die Bioresonanztherapie basiert auf physikalisch nicht nachweisbaren Annahmen und bietet weder eine valide Diagnostik noch eine über Placebo hinausgehende therapeutische Wirkung. Die behaupteten „körpereigenen Schwingungen“ lassen sich nicht reproduzierbar messen, die eingesetzten Geräte verarbeiten ausschließlich technische Störsignale. Obwohl keine direkten gesundheitlichen Schäden durch schwache elektrische Ströme zu erwarten sind, bergen Fehldiagnosen und verzögerte Behandlungen erhebliche Risiken. Die Methode ist daher weder von gesetzlichen Krankenkassen noch von medizinischen Fachgesellschaften anerkannt. Patienten sollten bei Beschwerden evidenzbasierte Verfahren wählen und Ärzte über etwaige Alternativmethoden offen informieren.

Weblinks

  1. GWUP-Dossier zur Bioresonanztherapie
  2. AOK-Bundesverband: Bioresonanztherapie (2014)
  3. SRF: Esoterischer Humbug – Viel Geld für keine Wirkung

Veröffentlichungen

  • Stiftung Warentest: Die Andere Medizin – Bioresonanztherapie (2006)
  • Edzard Ernst: Bioresonance, a study of pseudo-scientific language. Forsch Komplementärmed Klass Naturheilkd. 11(3):171-173
  • Schöni MH et al.: Efficacy trial of bioresonance in children with atopic dermatitis. Int Arch Allergy Immunol. 112(3):238-246

Einzelnachweise

  1. Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses, Anlage II Nr. 17: Ausschluss von Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (Stand 2014)
  2. Fachkommission SGAI: Bioresonanz – diagnostischer und therapeutischer Unsinn. Schweiz Ärzteztg 2006;87(2):50-54