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Lichtnahrung

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 18:46 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Lichtnahrung» angelegt/aktualisiert)
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Anhänger der Lichtnahrung behaupten, ohne feste Nahrung und oft sogar ohne Wasser auszukommen – getragen von der Vorstellung, „kosmische Energie“ oder „Prana“ aufnehmen zu können. Die Praxis endete für mehrere Menschen tödlich.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Lichtnahrung“?

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Lichtnahrung“?

Lichtnahrung, auch Breatharianismus, Lichtfasten oder endogene Ernährung genannt, ist die Annahme, der menschliche Körper könne allein durch „Licht“ oder eine universelle Lebensenergie – häufig als Prana, Chi oder Äther bezeichnet – überleben. Die Idee ist nicht neu: Bereits um 1900 bezeichnete sich der italienische Hungerkünstler Giovanni Succi als „Mann des Lichts“ und finanzierte sich durch öffentliche Fastenkuren. Dabei wurde er jedoch beim Verzehr eines Beefsteaks ertappt. Die moderne Variante des Lichtfastens wurde vor allem durch die Australierin Ellen Greve, bekannt unter dem Pseudonym Jasmuheen, populär. Sie propagiert ein 21-tägiges Ritual, bei dem in der ersten Woche weder Essen noch Trinken erlaubt ist – mit dem Ziel, den Körper auf „Lichtnahrung“ umzustellen. Doch was als spirituelle Praxis verkauft wird, basiert auf esoterischen Vorstellungen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind.

Prominente Anhänger und ihre Erklärungsversuche

Prominente Anhänger und ihre Erklärungsversuche

Neben Jasmuheen gibt es eine Reihe von Personen, die behaupten, sich ausschließlich von Licht zu ernähren – darunter der Deutsche Rico Kolodzey, die Schweizer Anthroposophen Michael Werner und Judith von Halle sowie die deutsche Steuerfachangestellte Gaby Teroerde. Auch der Basler Privatdozent Dr. med. Jakob Bösch schrieb ein Vorwort zu einem Buch über Lichtfasten und berichtete von eigenen Erfahrungen mit dem 21-Tage-Prozess. Er beschreibt, dass er während der ersten sieben Tage ohne Flüssigkeit tanzte und dabei voller Energie war. Bösch behauptet, dass drei Viertel der menschlichen Energieübertragung über elektromagnetische Strahlung erfolgen und die Nahrung nur eine untergeordnete Rolle spiele. Diese Aussage stützt sich unter anderem auf den esoterischen Autor Ulrich Warnke, der in pseudowissenschaftlichen Publikationen behauptet, der menschliche Energiehaushalt werde primär über Strahlung geregelt. Die medizinische Fachwelt widerspricht diesen Thesen eindeutig.

Wissenschaftliche Fakten: Warum Lichtnahrung unmöglich ist

Wissenschaftliche Fakten: Warum Lichtnahrung unmöglich ist

Der menschliche Organismus benötigt Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Proteine, Fette, Vitamine und Mineralstoffe, um zu überleben. Bei völliger Nahrungskarenz tritt nach etwa 21 Tagen der Tod ein – bei ausreichender Wasserzufuhr kann ein gesunder Erwachsener maximal 50 bis 80 Tage überleben. Der vollständige Verzicht auf Wasser verkürzt diese Zeit auf etwa zehn Tage. Ein zentrales Argument gegen Lichtnahrung ist der Kohlenstoffhaushalt: Jeder Mensch atmet täglich rund 270 Gramm Kohlenstoff in Form von CO₂ aus. Dieser Verlust kann nicht durch Atmung oder „Licht“ kompensiert werden, da die CO₂-Konzentration in der Luft nur 0,03 % beträgt – ein Ausgleich über die Atemluft ist biologisch unmöglich. Auch die Wasserbilanz ist negativ: Täglich gehen etwa 800 ml Wasser durch Haut und Atem verloren, nur 300 ml werden durch Stoffwechselprozesse gebildet. Ohne Zufuhr von Flüssigkeit und Nahrung ist ein längeres Überleben nicht möglich.

Todesfälle und betrügerische Praktiken

Die realen Folgen des Lichtfastens sind dramatisch. Mehrere Menschen starben, weil sie die Lehren der Lichtnahrung wörtlich nahmen. Der Münchner Kindergärtner Timo Degen verstarb 1997 im Alter von 31 Jahren nach zwölf Tagen ohne Nahrung und Wasser. Die Engländerin Verity Linn wurde 1999 tot in der schottischen Wildnis aufgefunden – neben ihr lag das Buch „Lichtnahrung“ von Jasmuheen. Die Australierin Lani Morris erlitt während des 21-Tage-Prozesses einen Hirnschlag und starb an Nierenversagen; ihre Betreuer wurden wegen Totschlags verurteilt. Auch ein Säugling in Russland namens Kosmos verstarb 2024 an Hunger, nachdem sein Vater – ein Influencer für „Lichtnahrung“ – die Mutter vom Stillen abhielt. In mehreren Fällen wurden angebliche Lichtesser beim heimlichen Essen beobachtet, darunter Jasmuheen selbst und der US-amerikanische Breatharianer Wiley Brooks. Der Schweizer Anthroposoph Michael Werner wurde 2008 wissenschaftlich überprüft: Unter kontrollierten Bedingungen verlor er innerhalb von zehn Tagen 2,6 kg Gewicht und zeigte eindeutige Hungerstoffwechselwerte.

Seminare, Mythen und gesellschaftliche Resonanz

Trotz der offensichtlichen Gefahren gibt es ein florierendes Angebot an kostenpflichtigen Seminaren und „Begleitungen“ zum Lichtnahrungsprozess. Die Elternzeitschrift „Lichtfokus“ des Esoterikverlags Elraanis gilt als zentrales Organ der Szene. In anthroposophischen Kreisen wird das Thema kontrovers diskutiert: Judith von Halle hielt sogar einen Vortrag im Goetheanum in Dornach. Die Medizinische Sektion des Goetheanum veröffentlichte eine Stellungnahme, in der sie eine mögliche Erklärung für Lichtnahrung über „subatomare Informationsübertragung“ andeutet – ein Modell, das weder belegt noch in der wissenschaftlichen Physik akzeptiert ist. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung warnt eindringlich vor dem Versuch, sich von Licht zu ernähren. „Ein Motor braucht Treibstoff, und unser Körper braucht Nahrung“, erklärte die Kieler Ernährungswissenschaftlerin Petra Schulze-Lohmann. Der Verzicht auf essenzielle Nährstoffe führe zwangsläufig zu Mangelerscheinungen mit potenziell tödlichem Ausgang.

Weblinks

  1. BR Bayern 2: Esoterik und Lichtnahrung
  2. Medwatch: Fernsehdoku zu Lichtnahrung
  3. Tagesanzeiger: Studie entlarvt Schweizer Lichtesser

Veröffentlichungen

  • Heusser P et al.: Nutrition with 'light and water'? – A critical case study
  • Vandereycken W.: Hungerkünstler, Fastenwunder, Magersucht

Einzelnachweise