Geistheilen
Etwa 10.000 Personen bieten in Deutschland Heilbehandlungen an, die auf religiösen oder esoterischen Vorstellungen beruhen. Die Branche erzielt jährlich einen Umsatz von mindestens vier Milliarden Euro, während wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweise über den Placeboeffekt hinaus fehlen.
Begriff und Spektrum der Verfahren

Unter Geistheilung – im Englischen auch „faith healing“ – werden Heilversuche verstanden, die ohne medikamentöse oder sonstige medizinische Maßnahmen auskommen und stattdessen auf religiöse oder esoterische Einflussnahme setzen. Anbieter gehen davon aus, dass eine geistige Kraft körperliche oder seelische Beschwerden lindern oder beseitigen kann, selbst bei schweren Erkrankungen wie Krebs. Die Palette der angewandten Techniken reicht von klassischem Handauflegen über Fernheilung, Gesundbeten und Reiki bis zu Formen wie psychischer Chirurgie, Aurachirurgie, Harmopathie oder der brasilianischen Variante „Fogo Sagrado“. Auch schamanische Rituale, Qi Gong, Warzenbesprechung und die katholisch-fundamentaltheologische Hagiotherapie nach Tomislav Ivancic aus Zagreb werden diesem Bereich zugerechnet. Für alle diese Verfahren fehlen bislang gesicherte Nachweise einer über den Placeboeffekt hinausgehenden Wirksamkeit.
Ökonomische Dimension und Patientenkontakte

Nach Schätzungen finden in Deutschland pro Jahr rund 100 Millionen Kontakte zwischen Geistheilern und Ratsuchenden statt. Diese Zahlen ergeben sich aus Erhebungen des Branchenexperten Harald Wiesendanger, Mitorganisator der Basler PSI-Tage. Allein diese Kontakte generieren einen Jahresumsatz von mindestens vier Milliarden Euro. Die Honorare einzelner Anbieter können dabei beträchtlich sein, obwohl eine gesicherte Heilwirkung nicht erwiesen ist. Kritiker weisen darauf hin, dass insbesondere schwerkranke Menschen mit der Aussicht auf schnelle oder vollständige Genesung angesprochen werden und dabei mitunter auf evidenzbasierte Behandlungen verzichten.
Weblinks
- Recherche zu unerlaubten Heilversprechen (correctiv.org)
- Urteilsübersicht zum Werbeverbot für Geistheiler (AGPF)
- Informationen zur rechtlichen Bewertung von Gebetsheilung (scienceblogs.de)
- Kritische Analyse englischsprachiger Angebote (Quackwatch)
Veröffentlichungen
- Asser SM, Swan R. Child fatalities from religion-motivated medical neglect. Pediatrics. 1998;101(4 Pt 1):625-9
- Krucoff MW et al. Music, imagery, touch, and prayer as adjuncts to interventional cardiac care: the MANTRA II randomised study. Lancet. 2005;366(9481):211-7
- Ernst E. Distant healing--an "update" of a systematic review. Wien Klin Wochenschr. 2003;115(7-8):241-5