Quantica
Seit 2009 wirbt das Unternehmen Quantica mit Kursen, Geräten und Fernsehsendungen für ein „ganzheitliches“ Gesundheitsverständnis. Die wissenschaftliche Evidenz bleibt dabei aus, behördliche Verbote häufen sich.
Gründung, Firmensitze und ständige Neuorientierung

Die Quantica GmbH wurde im Februar 2009 in Brandenburg gegründet und nannte sich in ihrer Anfangsphase „Fritz-Albert-Popp-Institut“. Mit dieser Referenz knüpfte das Unternehmen an die Arbeiten des Physikers Fritz-Albert Popp zur Biophotonik an, ohne jedoch offiziell Teil seines Internationalen Instituts für Biophysik (IIB) zu sein. Alexander Popp, Sohn des Wissenschaftlers und zahntechnischer Angestellter, fungierte zeitweise als Geschäftsführer. Bereits in den ersten Jahren verlegte die Firma wiederholt ihren Sitz und wechselte die Geschäftsschwerpunkte: Nach einer Phase, in der Regulationsdiagnostik und Biophotonik-Angebote im Vordergrund standen, richtete sich das Interesse verstärkt auf Seminarveranstaltungen und Produkte für den Alternativmedizinmarkt. 2015 erlosch die Quantica Marketing GmbH in Uffenheim (Bayern), während in der Schweiz die Quantisana Gesundheitszentrum AG sowie die Quantisana Produkts & Finanz GmbH entstanden. Ob und in welchem Umfang diese Gesellschaften heute noch mit der ursprünglichen Quantica GmbH verflochten sind, lässt sich öffentlich nicht eindeutig klären.
Veranstaltungen, Medienangebote und ein TV-Sender mit kurzer Laufzeit

Quantica etablierte sich als Veranstalter von mehrtägigen Kongressen. Im Mai 2011 bewarb das Unternehmen ein Symposium mit dem Slogan „18 der renommiertesten Wissenschaftler aus aller Welt“. Tatsächlich sprachen dort Persönlichkeiten wie der Physiker Hans-Peter Dürr und der Maschinenbau-Professor Robert Jahn, deren Ausführungen jedoch überwiegend außerhalb des wissenschaftlichen Konsenses lagen. Es folgten Veranstaltungen mit Titeln wie „Quantenphysik und Selbstheilung“ (2012) und „Mysterium Bewusstsein“ (2013). Parallel betrieb Quantica das Videoportal „Quantica InfoThek“, in dem Vorträge zu Themenbereichen wie „Freie Energie“, „Bewusstsein erzeugt Materie“ oder „Finanzapokalypse“ zusammengestellt wurden. Seit 2016 firmierte zudem der Schweizer Fernsehkanal QS24 unter dem Dach der Quantisana.TV Fernseh-, Produktions- und Betriebs AG mit Sitz in Rorschacherberg. Der Sender war über Schweiz 5 und ab 2017 zusätzlich über Astra-Satellit empfangbar, stellte jedoch zum 1. September 2018 die Satellitenausstrahlung aus finanziellen Gründen ein. Geschäftsführer beider Gesellschaften ist Alexander Glogg, zugleich Inhaber der Fostac AG, eines weiteren Anbieters umstrittener Wellness- und Gesundheitsprodukte.
Geräte, Zertifikate und Preise ohne regulatorische Absicherung

Das Produktportfolio reicht von preisgünstigen Textilien bis zu mehreren tausend Euro teuren Elektronikgeräten. Die „EarthWaver“-Matten und -Tücher sollen die Haut von „positiv geladenen Ionen“ befreien, die angeblich durch Elektrosmog entstünden. Eine wissenschaftliche Studie, die diese Behauptung stützt, liegt nicht vor. Das Neurofeedback-System „MindWaver“ (ca. 1.300 Euro inklusive Tablet) versprach Leistungssteigerung und Gesundheitsvorteile; die dafür erforderliche „Zertifizierung zum Quantica NeuroCoach“ ist kein staatlich anerkannter Abschluss. Die Geräte „ReguScope“ und „CellWaver“ beziehen sich auf die Forschung Fritz-Albert Popps, doch existieren bislang keine abbildenden Produktnachweise oder klinischen Prüfungen. Der „Celltuner“, ein 20-Watt-Sender mit Handantenne, kostet zwischen 3.000 und 7.700 Euro und erzeugt nach Messungen der Bundesnetzagentur Aussendungen bis in den 50-km-Radius. Wegen massiver Störungen im 2-Meter-Amateurfunkband wurden mehrere Geräte geortet und ein Betriebsverbot verhängt; trotzdem werden die Geräte weiter beworben. Auch die Bezeichnung „Wasserenergetisierer nach Tesla und Lakhovsky“ konnte die erforderliche Konformität mit den deutschen und österreichischen Funkvorschriften nicht sicherstellen.
Personelle Verflechtungen und wissenschaftliche Berater
In der Öffentlichkeitsarbeit beruft sich Quantica auf ein wissenschaftliches Beiratsgremium. Als Vorsitzender gilt Marco Bischof, als Ehrenmitglieder wurden Fritz-Albert Popp und Hans-Peter Dürr genannt; Mitglied ist auch der Heilpraktiker Heinz Reinwald, der 2019 wegen gewerbsmäßiger Heilbehandlung ohne ausreichende Qualifikation zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt wurde. Im Expertenrat der Schweizer QuantisSana Gesundheitszentrum AG werden unter anderem der Internist John Gruia Ionescu, der Physiker Manfred Doepp, der Hotelunternehmer Marcus Schmieke sowie der Sportwissenschaftler Prof. Kuno Hottenrott aufgeführt. Letzterer trat mehrfach als Befürworter von basischem Wasser in Erscheinung. Die genannten Personen sind überwiegend für Arbeiten außerhalb der akademischen Standardwissenschaften bekannt; ihre Beteiligung verleiht den Quantica-Angeboten daher keine anerkannte wissenschaftliche Validierung.
Websites, Domainstrategien und verschobene thematische Schwerpunkte
Quantica bedient sich einer Vielzahl von Internetadressen, die Begriffe wie „Quanten“, „Biophotonik“, „Regulationsdiagnose“ oder auch „Max-Planck“ enthalten. Zu nennen sind beispielsweise quantenmedizin.tv, biophotonik.de, fritz-albert-popp.de oder max-planck.tv. Die Bandbreite der Domains deutet auf eine gezielte Suchmaschinenoptimierung hin und erleichtert es Interessierten kaum, die tatsächliche Herkunft der Inhalte zu identifizieren. Inhaltlich finden sich dort neben Produktwerbung Vorträge zu Esoterik, Grenzwissenschaft und zunehmend verschwörungstheoretischen sowie rechts orientierten Themen. So wurden Aufzeichnungen des Ökonomen Wilhelm Hankel oder des Finanzbloggers Dominik Storr eingestellt. Auch das Portal komplementärmedizin24.de, das bis Mitte 2011 bestand, listete Adressen konventioneller Ärzte und Physiotherapeuten, ohne deren Zustimmung in ein komplementärmedizinisches Umfeld zu rücken. Die Betreiber verwiesen pauschal darauf, dass „die Schulmedizin“ die dort präsentierten Verfahren „grundsätzlich nicht anerkenne“.
Regulatorische Eingriffe und aktuelle Verfügbarkeit
Neben dem erwähnten Funkstörungsverfahren zum „Celltuner“ existieren bislang keine überregionalen Gerichtsentscheidungen gegen die Quantica GmbH selbst. Dennoch zeigt sich ein Muster: Produkte mit medizinisch-wissenschaftlichen Behauptungen werden auf den Markt gebracht, ohne die für Medizinprodukte üblichen Zulassungsverfahren zu durchlaufen. Die Schweizer Ableger firmieren weiterhin unter derselben Adresse in Rorschacherberg, während die deutsche Quantica GmbH in Brandenburg weiter Seminare und Online-Kurse anbietet. Ob das geplante „Quantica ZukunftsInstitut e.V.“ je gegründet wurde, bleibt unklar; ebenso die Initiative „Du bewegst Deutschland“, die 2011 als parteiunabhängige Bürgerbewegung angekündigt, aber nie ins Vereinsregister eingetragen wurde. Fakt ist: Die Mischung aus pseudowissenschaftlichen Deutungen, alternativmedizinischen Produkten und politisch-gesellschaftlichen Kampagnen findet weiterhin Käufer und Teilnehmer, wohl auch, weil sich das Angebot stets schneller bewegt als behördliche Prüfverfahren.
Weblinks
- Webpräsenz von Quantica
- Fostac AG – EarthWaver-Produktinformation
- Bundesnetzagentur – Störungsmelder Amateurfunk