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John Gruia Ionescu

Aus Faktenradar
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Der rumänischstämmige Biologe und Heilpraktiker betreibt seit 1986 eine Klinik für Allergie- und Umweltmedizin im Bayerischen Wald. Seine Therapiekonzepte, seine akademischen Titel und die Verwendung umstrittener Mittel wie MMS stehen seit Jahren in der Kritik.

Werdegang und akademische Titel

Werdegang und akademische Titel

John Gruia Ionescu wurde 1950 in Rumänien geboren. Nach einem Studium der Biochemie und Immunologie an der Universität Bukarest (Abschluss 1976) emigrierte er 1980 in die Bundesrepublik Deutschland. Ein Jahr später erhielt er die Heilpraktikererlaubnis, 1983 promovierte er an der Universität des Saarlandes zum Thema Biochemie. In der Folge ließ sich Ionescu in Neukirchen beim Heiligen Blut nieder und erwarb zwei ortsansässige Kurhäuser, die er zur „Spezialklinik Neukirchen“ zusammenlegte. Parallel gründete er ein Pharmaunternehmen, das später als Hersteller des Präparats Regividerm in Erscheinung trat. In öffentlichen Auftritten führt Ionescu wiederholt den Titel „Professor“; laut eigenen Angaben wurde er 1998 an der Capital University of Integrative Medicine (CUIM) in Washington, D.C. zum „Professor for Clinical Biochemistry and Oxidology“ ernannt. Die CUIM galt jedoch nicht als anerkannte Hochschule; sie vergab berufsbegleitend in Wochenendkursen Titel wie „Doctor of Integrative Medicine“ und wurde 2006 eingestellt. Auch die von Ionescu genannte Disziplin „Oxidology“ ist kein etabliertes wissenschaftliches Fachgebiet, sondern geht auf den CUIM-Mitgründer Robert W. Bradford zurück, der selbst keine akademische Ausbildung besaß.

Spezialklinik Neukirchen: Konzept und Behandlungsangebot

Spezialklinik Neukirchen: Konzept und Behandlungsangebot

Die 1986 eröffnete Spezialklinik Neukirchen GmbH & Co. KG wirbt mit einem ganzheitlichen, kortison- und strahlenfreien Therapiekonzept für Allergiker, Neurodermitis-Patienten und MCS-Betroffene (Multiple-Chemical-Sensitivity). Im Mittelpunkt stehen ausführliche Ausleitungsverfahren: Darmreinigungen nach jeder Mahlzeit, sogenannte Chelat-Therapien zur Schwermetall-Entgiftung, Anti-Pilz-Diäten sowie Einläufe mit Milchsäurebakterien. Ergänzt werden diese Maßnahmen durch „Biomechanische Stimulation“ (BMS), Softlaser, Infrarot-Kabinen, 43-Grad-Hydrobäder („Haslauer-Wanne“) und Hyperthermie-Zelte. Zur Diagnostik nutzt man ein eigenes Isotopenlabor, in dem ATP-, ADP- und cAMP-Werte gemessen werden sollen; ein Anstieg der Energieparameter gilt der Klinik als Indikator für Therapieerfolg. Weitere verwendete Tests sind ein gemeinsam mit dem US-Unternehmer Robert Bradford entwickeltes „Redox-Potenzial-Messverfahren“ und der umstrittene Lymphozytentransformationstest (LTT). Die Abrechnung erfolgt weitgehend privat; gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten nur in Ausnahmefällen.

MMS-Skandal und regulatorische Eingriffe

MMS-Skandal und regulatorische Eingriffe

Am 16. April 2015 berichtete der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) in der Sendung „Kontraste“, dass in der Spezialklinik das nicht zugelassene Präparat MMS (Chlordioxid) angewendet wurde. Demnach erhielt eine zwölfjährige Patientin zwei MMS-Einläufe „gegen Parasiten“; die Eltern bekamen das Mittel für weitere Eigenanwendungen mit nach Hause. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte MMS zuvor als nicht zugelassenes Arzneimittel eingestuft; Handel und ärztliche Anwendung sind daher verboten. In der Sendung bestritt die Klinikleitung, über Nebenwirkungen aufgeklärt zu haben. Die zuständige Staatsanwaltschaft Regensburg hatte die Einrichtung bereits in den 1990er-Jahren wegen mutmaßlicher Kunstfehler, Betrugs bei der Abrechnung und irreführender Werbung zweijährig überprüft; ein damals tätiger Arzt wurde wegen unerlaubter Titeltrage und Körperverletzung verurteilt. Nach dem RBB-Beitrag ordnete das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit verstärkte Kontrollen an; die Klinik musste MMS-Anwendungen einstellen.

Regividerm, E-Filter und weitere Produkte

Neben MMS war die Spezialklinik Drehort für Werbematerialien des Präparats Regividerm, das später umbenannt wurde. Der damalige WDR-Mitarbeiter Klaus Martens drehte in Neukirchen Szenen für den Dokumentarfilm „Heilung unerwünscht“, der später als Schleichwerbung für Regividern galt; Martens wurde daraufhin vom WDR entlassen. Auch das „E-Filter“-Projekt führte zu rechtlichen Auseinandersetzungen: Zwei von einem angeblichen „ZDF/Arte-Team“ interviewte Elektrosensible fanden sich später in einem Youtube-Werbevideo für den 20-Euro-Aufkleber wieder, obwohl sie ausdrücklich untersagt hatten, ihre Aussagen werblich zu nutzen. Ionescu selbst betreibt über die Firmen „imagine dessous cosmetics“ und „Energy Cosmetic GmbH & Co. KG“ Online-Shops, in denen unter anderem Wasser-„Energetisierer“ der Marke UMH für 595 bis 1.395 Euro vertrieben werden. Die Geräte sollen Lebensmittel haltbarer und Wasser „belebt“ machen; wissenschaftliche Belege dafür liegen nicht vor.

Netzwerke und Öffentlichkeitsauftritte

Ionescu ist 1. Vorsitzender des Vereins „Hilfe umweltbedingt Erkrankter e.V.“ (VHUE), dessen wissenschaftlicher Beirat sich aus alternativmedizinischen Autoren wie Joachim Mutter und Ulrich Warnke zusammensetzt. Der Verein vertreibt DVDs von Referenten wie Kurt Tepperwein, Deepak Chopra oder dem brasilianischen Geistheiler João de Deus, der seit 2018 wegen sexueller Übergriffe in Haft sitzt. Ionescu trat wiederholt als Referent bei Anti-Aging-Kongressen und Kursen der Donau-Universität Krems auf, wo er 2008 einen Lehrgang „Vital- und Mikronährstoffkunde“ mitgestaltete. In der Kursankündigung wurde er als „Prof. Dr. rer. nat. Ionescu, Lehrstuhl für Integrative Medizin Universität Bukarest“ bezeichnet; eine entsprechende Professur ist dort nicht ausgewiesen. Auch im „Expertenrat“ des Schweizer Unternehmens QuantiSana GesundheitsZentrum AG fungiert Ionescu unter dem Titel „Prof. Dr. Gruia Ionescu“.

Kritik und wissenschaftliche Bewertung

Fachgesellschaften wie die Deutsche Dermatologische Gesellschaft betonen, dass weder Amalgam-Entfernungen noch schwere Metall-Ausleitungen einen nachweislichen Einfluss auf den Verlauf von Neurodermitis oder Psoriasis haben. Die von Ionescu propagierte Hypothese, Quecksilber sei Auslöser chronischer Hauterkrankungen, konnte in kontrollierten Studien nicht bestätigt werden. Ebenso fehlen Studien, die die klinische Nutzen der angebotenen Radikal-Fänger-Tests, BMS-Geräte oder Wasser-Energetisierer belegen. Die Verwendung des LTT-Tests zur Allergendiagnostik wird von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie als „nicht geeignet“ eingestuft. Durch die Verknüpfung von Behandlung und Verkauf eigener Nahrungsergänzungsmittel sowie durch die Nutzung von Schein-Titeln besteht nach Einschätzung von Transparenz-Initiativen ein erhöhtes wirtschaftliches Interessenkonfliktpotenzial. Die bayerische Landesärztekammer rät Patienten, bei schweren Haut- und Allergieerkrankungen evidenzbasierte Behandlungsangebote vorrangig in universitären Zentren oder anerkannten Fachkliniken zu suchen.

Weblinks

  1. Spezialklinik Neukirchen
  2. RBB-Kontraste-Beitrag „Gefährliche Quacksalber – das Geschäft mit dem Wundermittel MMS“ (16.04.2015)
  3. Deutsche Dermatologische Gesellschaft – Leitlinie Neurodermitis

Veröffentlichungen

  • Ionescu, G.: Allergotoxische Einflüsse von Umweltschadstoffen bei Allergiekranken. Forsch Komplementärmed 1995; 2: 109-115
  • Ionescu, G.: Schwermetallbelastung bei Neurodermitis. Biol Med 1996; 25: 65-68