Morgellonen
Patienten berichten von brennendem Hautkribbeln und bunten Fasern, die aus Wunden wachsen. Die medizinische Literatur sieht dagegen einen seit 160 Jahren bekannten Dermatozoenwahn. Der Konflikt um die Deutung spiegelt auch gesellschaftliche Verunsicherungen.
Historische Wurzeln des Begriffs

Der Terminus „Morgellons“ taucht erstmals 1690 in einer Monographie des englischen Arztes Sir Thomas Browne auf. Er beschrieb damals ein Hautleiden bei Kindern im französischen Languedoc, die lokal „les morgellons“ genannt wurden. 1935 verwendete der Mediziner C. E. Kellett das Wort erneut, um eine in der provenzalischen Bevölkerung als „masclous“ bekannte Erkrankung zu kennzeichnen. Der Begriff verschwand danach weitgehend aus der Fachliteratur, bis ihn 2002 die Biologin Mary Leitao aus McMurray (Pennsylvania) wieder aufgriff. Auslöser waren Hautveränderungen bei ihrem zweijährigen Sohn. Leitao gründete die „Morgellons Foundation“ und betrieb die Website Morgellons.org, um ihre Sichtweise zu verbreiten. Nach internen Streitigkeiten und Vorwürfen finanzieller Unregelmäßigkeiten zerschlug sich das Projekt, eine Strafanzeige wurde erstattet. Seitdem steht der Begriff für ein umstrittenes Krankheitskonstrukt, das in der medizinischen Community kontrovers diskutiert wird.
Symptombild und differentialdiagnostische Einordnung

Betroffene klagen über starken Juckreiz, Kribbeln und das Gefühl, unter der Haut zu kriechende Parasiten oder faserförmige Fremdkörper zu spüren. Mikroskopisch lassen sich in offenen Stellen häufig Textilfasern nachweisen, die vermutlich durch Kratzen von Kleidung oder Bettwäsche in kleine Hautrisse gelangen. Eine körperliche Untersuchung schließt echte Parasitosen wie Krätze oder Läuse aus. Die Leitsymptome – taktile Halluzinationen kombiniert mit der festen Überzeugung, von Parasiten befallen zu sein – entsprechen dem klinischen Bild des Dermatozoenwahns, das seit 1938 auch als Ekbom-Syndrom bezeichnet wird. Internationale Klassifikationen führen die Störung unter „chronischer delusionärer Parasitose“, „taktile Halluzinose“ oder „entomophober Psychose“. Sekundärformen treten regelmäßig bei Kokainkonsum, Diabetes mellitus oder nach Medikamenten auf. Die Differenzialdiagnose umfasst außerdem umschriebene Hypochondrie und Substanz-induzierte Psychosen.
Weblinks
- CDC-Untersuchung zu unklarer Dermatopathie
- Mayo Clinic: Umgang mit der geheimnisvollen Hauterkrankung
Veröffentlichungen
- Roncati L, Gatti AM et al.: The first investigative science-based evidence of Morgellons psychogenesis. Ultrastructural Pathology 2016; 40(5)
- Savely VR, Leitao MM, Stricker RB: The mystery of Morgellons disease: infection or delusion? Am J Clin Dermatol 2006; 7(1)