Effektive Mikroorganismen
Effektive Mikroorganismen (EM) werden als Allzweckwaffe in Landwirtschaft, Haushalt und Gesundheitsbereich beworben. Doch was steckt hinter der Technologie, und wie bewerten Forscher die versprochenen Effekte?
Was sind „Effektive Mikroorganismen“?

Unter dem Begriff „Effektive Mikroorganismen“ (EM) wird eine Mischung verschiedener Bakterien, Hefen und anderer Mikroben vermarktet, die ursprünglich von dem japanischen Agrarwissenschaftler Teruo Higa entwickelt wurde. Die Rezeptur bleibt Firmengeheimnis; lediglich unbestimmte Angaben verraten, dass Milchsäurebakterien, photosynthetisch aktive Bakterien sowie Hefen enthalten sein sollen. Die Basis bildet eine zuckerhaltige Melasse, die als Nährlösung dient. Die Produkte werden weltweit über Lizenzpartner vertrieben, darunter die EM Research Organization (EMRO) mit Sitz in Okinawa. Neben der Stammlösung EM-1 existieren zahlreiche Weiterverarbeitungen wie Bokashi, EM-Keramiken oder Reinigungsmittel. Die Palette reicht von Garten- und Kompostzusätzen über Putzmittel bis hin zu Lebensmitteln und Kosmetika, für die eine stärkende Wirkung auf Boden, Pflanzen, Wasser oder gar den menschlichen Organismus versprochen wird.
Das Konzept: Dominanz regenerativer Keime

Higas zentrale These lautet, dass Boden-, Wasser- oder Darmmilieus entweder „regenerativ“ oder „degenerativ“ beeinflusst werden. Kleinste Populationen „positiver“ oder „negativer“ Mikroben bestimmten über opportunistische Arten die Richtung biochemischer Prozesse. Durch gezielte Zugabe einer angeblich aufbauenden Mikrobengruppe könne man daher Ökosysteme nachhaltig in den „guten“ Zustand lenken. Diese Vorstellung steht im Widerspruch zur geläufigen mikrobiologischen Sicht, nach der komplexe Gemeinschaften durch Umweltfaktoren, Substratangebot und biotische Interaktionen gesteuert werden und nicht durch einzelne „Schlüsselarten“ mit universeller Dominanz. Kritiker bemängeln zudem, dass viele der enthaltenen Keime ubiquitär vorkommen und keine nachweisbaren spezifischen Effekte zeigen. Die Annahme, durch geringe Mengen einer Bakterienmischung ganze Ökosysteme umzuprogrammieren, wird von Fachleuten als unwahrscheinlich eingestuft.
Wissenschaftliche Studien: Keine überzeugenden Effekte

Ein Großteil der veröffentlichten Berichte zu EM stammt aus nicht begutachteten Tagungsbänden oder Auftragsstudien, die ausschließlich positive Ergebnisse präsentieren. Unabhängige Langzeitversuche zeigen ein anderes Bild: Das Schweizer Forschungsinstitut Agroscope führte vier Jahre Feldversuche mit Kartoffeln, Gerste, Weizen und Luzerne durch. Dabei wurde EM-1 mit und ohne organischen Dünger sowie mit vorher sterilisierter Lösung verglichen. Ertragsunterschiede ließen sich vollständig auf die Nähstoffwirkung des mitgegebenen Substrats zurückführen; mikrobielle Veränderungen im Boden wurden nicht festgestellt. Auch ein international durchgeführtes Topfexperiment mit Bananenpflanzen zeigte, dass Kompost mit EM keine höheren Erträge brachte als derselbe Kompost ohne EM. In einem chinesischen Elfjahresprojekt mit Weizen konnte eine leichte Ertragssteigerung beobachtet werden, doch fiel sie gering aus und korrelierte mit zusätzlicher Zuckerzugabe, sodass ein reiner Düngereffekt wahrscheinlich ist. Negative Ergebnisse liegen ebenfalls vor: Topfversuche mit Basilikum ergaben Ertragsminderungen nach EM-Applikation, und bei Roter Bete auf Teneriffa blieben Ertrag sowie Inhaltsstoffe unbeeinflusst. Untersuchungen zur Kompostbeschleunigung oder zur Reduktion von Blaualgen fanden ebenfalls keine Vorteile durch EM; im Algenexperiment förderten die zugesetzten Nährstoffe sogar das Wachstum.
Produkte, Märkte und Lizenzstreitigkeiten
Die weltweite Vermarktung erfolgt über EMRO und eine begrenzte Zahl lizenzierter Partner, die sich an strenge Preis- und Qualitätsvorgaben halten müssen. Im deutschsprachigen Raum vertreiben EMIKO (Deutschland) und EM Schweiz die Originalmischung. Daneben existieren unabhängige Anbieter wie Multikraft (Österreich), Mikroveda oder EM-Chiemgau, die teils ähnliche Präparate unter eigenem Namen verkaufen. EMRO gilt als sehr klagefreudig beim Schutz ihrer Markenrechte. So musste Mikroveda nach einer außergerichtlichen Einigung auf den Verkauf von EM-Produkten in der EU verzichten; ein großes Diskussionsforum wurde eingestellt. Um rechtlichen Konflikten aus dem Weg zu gehen, bezeichnen manche Firmen ihre Produkte als „regenerative Mikroorganismen“ oder sprechen von „Weiterentwicklungen“ des ursprünglichen Ansatzes. Die Preispolitik der Lizenzgeber wird unter anderem damit begründet, dass durch höhere Margen in Industrieländern Projekte in weniger entwickelten Regionen subventioniert werden sollen.
Vereinsstrukturen und esoterische Begleitvorstellungen
2001 gründete sich in Bremen der „EM e. V. – Gesellschaft zur Förderung regenerativer Mikroorganismen“. Laut Satzung widmet er sich ausschließlich der Verbreitung der Originalprodukte von EMRO; alternative Anbieter gelten als „Imitate“. Der Verein organisiert Studienreisen, Humussymposien und Katastrophenhilfe, etwa nach den Fluten 2002 und 2013 in Ostdeutschland. Ein Teil der Mitglieder forderte 2012, sich herstellerunabhängig für EM einzusetzen; der Antrag wurde abgelehnt. Parallel existiert ein Schweizer Verein für Effektive Mikroorganismen. Beide Organisationen vertreten neben der Mikrobenlehre auch einen Mondkalender, der an astrologische und anthroposophische Pflanzregeln anknüpft. Solche Esoterik-Elemente verstärken bei Kritikern den Eindruck, dass EM nicht nur als biologisches Hilfsmittel, sondern auch als Weltanschauungsangebot verstanden wird.
Fazit: Fehlende Evidenz trotz breiter Anwendung
Zusammenfassend zeigt die unabhängige Forschung keinen robusten Nutzen von EM-Produkten über eine reine Nährlösungswirkung hinaus. Positive Effekte lassen sich in der Regel auf die mitgegebene organische Substanz zurückführen, während spezifische mikrobielle Leistungen nicht belegt sind. Die Geheimhaltung der Rezeptur, häufig fehlende Qualitätskontrollen und eine teils esoterische Kommunikation erschweren eine wissenschaftliche Auseinandersetzung. Dennoch ist die Anwendung weit verbreitet: Landwirte, Gärtner und Kompostierer schätzen die einfache Handhabung, und viele Anwender berichten subjektiv positive Eindrücke. Solange keine schädlichen Auswirkungen auftreten, bleibt der Einsatz ein individueller Erfahrungsbereich. Für eine evidenzbasierte Landwirtschaft und nachhaltige Umwelttechnologien sind EM jedoch kein Ersatz für etablierte, wissenschaftlich abgesicherte Verfahren.
Weblinks
- WDR: Effektive Mikroorganismen: Wundermittel oder Unsinn? Quarks Science Cops, 25.02.2023
- Deutschlandfunk Nova: EM-Lösung gegen Flutschäden: Wirksamkeit bei Schimmel nicht belegt, 11. August 2021
- Scilogs – Detritus: Randnotiz: Quatsch mit Keramikperlen zur Wasseraufbereitung, 05. März 2021
- Focus: Ein Mikroben-Mix soll die Welt retten, 35/2013
- FAZ: Da steckt man nicht drin, 11. Februar 2018
- FAZ: Mit Bokashi die Welt retten, 11. Februar 2018
- Der Standard: Garten: Gute Erde in einer besseren Welt, 9. Juni 2015
- Biorama: Un-Effektive Mikroorganismen, 27. April 2011
Einzelnachweise
- Cóndor Golec, A. F. et al.: Effective Microorganisms: Myth or reality? Rev. peru. biol. 14(2), 315–319 (2007)
- Schenck zu Schweinsberg-Mickan, M. & Müller, T.: Impact of effective microorganisms and other biofertilizers on soil microbial characteristics, organic-matter decomposition, and plant growth. Journal of Plant Nutrition and Soil Science 172, 704–712 (2009)
- Mayer, J. et al.: How effective are “Effective microorganisms® (EM)”? Results from a field study in temperate climate. Applied Soil Ecology 46, 230–239 (2010)
- Formowitz, B. et al.: The role of “effective microorganisms” in the composting of banana (Musa ssp.) residues. Journal of Plant Nutrition and Soil Science 170, 649–656 (2007)
- Van Vliet, P. C. J. et al.: Microbial diversity, nitrogen loss and grass production after addition of Effective Micro-organisms® (EM) to slurry manure. Applied Soil Ecology 32, 188–198 (2006)
- Priyadi, K. et al.: Effect of soil type, applications of chicken manure and effective microorganisms on corn yield and microbial properties of acidic wetland soils in Indonesia. Soil Science & Plant Nutrition 51(5), 689–691 (2005)
- Khaliq, A. et al.: Effects of integrated use of organic and inorganic nutrient sources with effective microorganisms (EM) on seed cotton yield in Pakistan. Bioresource Technology 97, 967–972 (2006)
- Hu, C. & Qi, Y.: Long-term effective microorganisms application promote growth and increase yields and nutrition of wheat in China. European Journal of Agronomy 46, 63–67 (2013)
- Kleiber, T. & Klama, J.: Impact of effective microorganisms on yields and nutrition of sweet basil (Ocimum basilicum L.) and microbiological properties of the substrate. African Journal of Agricultural Research 7(43), 5756–5765 (2012)
- Lurling, M. et al.: Cyanobacteria blooms cannot be controlled by Effective Microorganisms (EM®) from mud- or Bokashi-balls. Hydrobiologia 646, 133–143 (2010)