Misteltherapie
Mistelpräparate werden seit rund hundert Jahren als begleitende Krebsbehandlung angeboten. Die medizinische Bewertung fällt eindeutig aus: Für eine tumorhemmende Wirkung fehlen belastbare Nachweise, Hinweise auf mögliche Risiken mehren sich.
Entstehung und Verbreitung der Misteltherapie

Die Idee, Mistelextrakte gegen Krebs einzusetzen, geht auf Rudolf Steiner und die niederländische Ärztin Ita Wegman zurück. 1917 stellten sie in Zürich ein erstes Präparat her, das 1926 unter dem Namen Iscador in den Verkehr kam. Die Anwendung knüpft an die anthroposophische Vorstellung an, das parasitäre Wachstum der Mistel auf Bäumen bilde ein sinnliches Gegenstück zur Tumorentstehung. Diese Deutung fußt nicht auf empirischen Befunden, sondern auf spirituellen Analogien. Heute existieren im deutschsprachigen Raum etwa fünf spezialisierte Krankenhäuser und rund 6 000 Ärzte, die Mistelpräparate verwenden. Die wichtigsten Handelsnamen sind Iscador, AbnobaViscum, Helixor und Iscucin. Etwa 20 bis 30 Prozent aller onkologischen Patienten erwägen laut Umfragen den Einsatz solcher Präparate, womit in Deutschland ein Jahresumsatz von geschätzt 35 bis 40 Millionen Euro verbunden ist.
Regulatorischer Sonderstatus und wirtschaftliche Bedeutung
Mistelpräparate profitieren von einer Ausnahmeregelung im deutschen Arzneimittelrecht. Nach einer Initiative der 1970er-Jahre – unterstützt unter anderem vom damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens – wurden sogenannte „besondere Therapierichtungen" von der sonst üblichen Wirksamkeitsprüfung befreit. Für die Zulassung genügt seitdem der Nachweis von Qualität und Reinheit; klinische Wirksamkeitsstudien sind nicht vorgeschrieben. Diese Regelung erspart den Herstellern Entwicklungskosten in Höhe von 150 bis 250 Millionen Euro, die für konventionelle Krebsmedikamente typisch wären. Die eingesparten Mittel fließen unter anderem in umfangreiche Marketingmaßnahmen, wodurch sich das positive Image der Misteltherapie in der Bevölkerung erhält. Die Kosten für die Präparate übernehmen gesetzliche Krankenkassen nur in Ausnahmefällen und ausschließlich zur subjektiven Lebensqualität im Palliativsetting.
Pharmakologische Wirkkomponenten und Anwendungspraxis
Verwendet werden vor allem Presssäfte oder gereinigte Extrakte der weißbeerigen Mistel (Viscum album), die auf unterschiedlichen Bäumen gewachsen sind. Die wichtigsten wirksamen Inhaltsstoffe sind Mistellektine, insbesondere ML-1 (Viscum-Album-Agglutinin-1), sowie Viscotoxine. Nach subkutaner oder intravenöser Gabe wirken diese Stoffe als starke Antigene: Sie stimulieren das Immunsystem, messbar an einem vorübergehenden Anstieg weißer Blutkörperchen und der Ausschüttung von Zytokinen wie Interleukin-1, Interleukin-6 und Tumornekrosefaktor-alpha. Die Injektion erfolgt meist subkutan, seltener intravenös oder intrakavitär. Typisch ist ein stufenweises Dosierungsschema, beginnend mit niedrigen Konzentrationen, um allergische Reaktionen zu minimieren. Lokale Entzündungszeichen an der Einstichstelle gelten als erwünschte „Reaktivierung", systemische Nebenwirkungen reichen von Fieber über Blutdruckschwankungen bis hin zu neurologischen Symptomen wie Verwirrtheit oder epileptischen Anfällen.
Wissenschaftliche Evidenz: Effektivität nicht belegt
Zusammenfassende systematische Reviews kommen übereinstimmend zum Ergebnis, dass Mistelpräparate keinen nachweisbaren Vorteil gegenüber Placebo hinsichtlich Überleben, Tumorremission oder Rezidivfreiheit bieten. Eine Metaanalyse randomisierter Studien durch Ernst und Kollegen (2003) identifizierte in allen bis dahin vorliegenden Arbeiten erhebliche methodische Mängel: Kontrollgruppen fehlten häufig, Randomisierung und Verblindung waren unzureichend, Fallzahlen zu klein. Auch die aktualisierte Cochrane-Analyse von Horneber et al. (2008) fand keine belastbaren Hinweise auf eine verbesserte Lebensdauer. Hinweise auf eine mögliche Linderung von Fatigue oder Lebensqualität werden von den Autoren als vorläufig eingestuft und fordern Replikation in größeren, methodisch stringenteren Studien. Die aktuellen S3-Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft empfehlen den Einsatz von Mistelextrakten daher nicht außerhalb klinischer Prüfungen.
Mögliche Risiken und tumorwachstumsfördernde Effekte
Neben den bekannten unerwünschten Wirkungen mehren sich Hinweise, dass Mistelprodukte unter bestimmten Bedingungen das Tumorwachstum stimulieren können. Zellkultur- und Tierversuche zeigten, dass Interleukin-6, eines der durch Mistellektine induzierten Zytokine, Proliferation von Melanom-, Prostata-, Brust- und Ovarialkarzinomzellen beschleunigt. In einer retrospektiven Beobachtungsstudie an Ovarialkarzinom-Patientinnen sank die Fünf-Jahres-Überlebensrate unter begleitender Iscador-Therapie auf 73 % (FIGO I) bzw. 0 % (FIGO IV), während historische Kontrollkollektive ohne Mistelbehandlung 80 % bzw. bis zu 45 % erreichten. Auch bei einem randomisierten Vergleich an 830 Melanompatienten führte einjährige Iscador-Gabe im Vergleich zu niedrig dosiertem Interferon-α zu häufigeren Gehirnmetastasen und kürzerer progressionsfreier Überlebenszeit. Schwerwiegende allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock wurden in Einzelfällen dokumentiert, weshalb die Therapie in Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert ist.
Internationale Stellungnahmen und Fazit
Die US-amerikanische National Cancer Institute listet Mistelextrakte als experimentell ein und empfiehlt deren Anwendung ausschließlich im Rahmen klinischer Studien. In den USA sind entsprechende Präparate nicht zur Krebsbehandlung zugelassen. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) lehnte einen gesundheitsbezogenen Wirkhinweis für Mistellektine ab. Für Deutschland fordert der wissenschaftliche Beirat der Deutschen Krebsgesellschaft, die Sonderregelung für anthroposophische Arzneimittel aufzuheben und Mistelpräparate denselben wissenschaftlichen Standards zu unterwerfen wie andere onkologische Therapeutika. Zusammenfassend zeigt sich, dass die Misteltherapie trotz Jahrzehnten klinischer Anwendung keinen substanziierten Beitrag zur Tumorheilung leistet, während potenzielle Risiken – von verzögerten wirksamen Behandlungen bis hin zu tumorstimulierenden Effekten – bestehen. Betroffene sollten über den aktuellen Evidenzstand aufgeklärt und zur Teilnahme an kontrollierten Studien ermutigt werden, falls sie den Einsatz erwägen.
Weblinks
- Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums: Mistel in der Krebstherapie
- J. Wipplinger et al.: Misteln in der Krebstherapie – Überblick über Anwendung und Studienlage
Veröffentlichungen
- Ernst E, Schmidt K, Steuer-Vogt MK: Mistletoe for cancer? A systematic review of randomised clinical trials. Int J Cancer. 2003;107(2):262-7
- Horneber MA et al.: Mistletoe therapy in oncology. Cochrane Database Syst Rev. 2008;(2):CD003297
- Steuer-Vogt MK et al.: The effect of an adjuvant mistletoe treatment programme in resected head and neck cancer patients: a randomised controlled clinical trial. Eur J Cancer. 2001;37:21-31
- Edler L: Mistel in der Krebstherapie: Fragwürdige Ergebnisse neuerer klinischer Studien. Dtsch Arztebl. 2004;101(1-2):A-44/B-39/C-39