Hamerscher Herd
Anhänger der Germanischen Neuen Medizin erkennen in CT-Bildern des Gehirns sogenannte „Hamersche Herde“ als zentrale Diagnosekriterium. Fachgesellschaften und Radiologen bestreiten deren Existenz – sie sehen technische Artefakte oder bekannte Befunde, die fehlgedeutet werden.
Was unter einem „Hammerschen Herd“ verstanden wird

Als „Hammerscher Herd“ (HH) bezeichnen Anhänger der Lehre des ehemaligen Internisten Ryke Geerd Hamer ringförmige oder kreisrunde Strukturen, die sie in nativen Computertomogrammen des Schädels ausmachen wollen. Nach der Germanischen Neuen Medizin (GNM) entstehe ein solcher Befund innerhalb von Sekundenbruchteilen, sobald ein Patient ein als „Dirk-Hamer-Syndrom“ (DHS) bezeichnetes schweres psycho-emotionales Konflikterlebnis durchmache. Die HH sollen demnach in zwei Phasen auftreten: während der konfliktaktiven Phase (ca-Phase) als konzentrische Ringe („Schießscheibenmuster“) und in der anschließenden Heilungsphase (pcl-Phase) als ödematöse Aufhellung. Für Hamer markiert das Vorhandensein eines HH den jeweiligen Konflikt als biologisch sinnvoll und erlaubt Rückschlüsse auf die betroffene Organsystematik. Die wissenschaftliche Medizin verwendet den Begriff nicht; in Fachkreisen taucht er ausschließlich im Zusammenhang mit Kritik an der GNM auf.
Radiologische Bewertung: Artefakte, normale Anatomie oder Tumoren

Mehrere Fachgesellschaften und universitäre Arbeitsgruppen haben die veröffentlichten CT-Aufnahmen Hamers analysiert. Sie kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass die dargestellten Ringfiguren entweder typische Ringartefakte älterer CT-Scanner oder zufällig abgebildete, aber völlig harmlose Hirnstrukturen seien. Ringartefakte entstehen durch Ausfall einzelner Detektorelemente oder fehlerhafte Kalibrierung der Röntgenröhre; sie zeichnen sich durch mathematisch exakte, konzentrische Dichteverläufe aus, die anatomische Grenzen überlagern, ohne diese zu verzerren. In modernen Geräten lassen sich solche Muster durch regelmäßige Wartung vermeiden. Andere dargestellte hellere Areale entsprechen laut Experten entweder physiologischen Windungen der Großhirnrinde oder – in einzelnen Fällen – klar erkennbaren raumfordernden Prozessen wie Gliomen oder Zysten, die Hamer jedoch pauschal als „Ödeme“ deutete. Ein histopathologischer Nachweis, dass es sich bei den bezeichneten Stellen um Gewebsveränderungen im Sinne der GNM handelt, liegt bis heute nicht vor.
Kalibrierung, Wiederholbarkeit und fehlende Korrelation

Ein zentrales Problem ist die fehlende Reproduzierbarkeit: Weder konnte ein HH jemals in einem unabhängigen MRT nachgewiesen werden, noch tauchte ein identischer Befund bei Kontroll-CTs wieder auf. Hamer selbst hatte 1989 gemeinsam mit einem Siemens-Ingenieur ein internes Papier erstellt, das acht technische Kriterien definierte, anhand derer Artefakte ausgeschlossen werden sollten. Danach gelte ein Ring nur dann als „echt“, wenn er in einer zweiten Untersuchung mit veränderter Kopflage oder in einem MRT erneut sichtbar sei. Diese Bedingung wurde laut vorliegendem Schriftverkehr nie erfüllt; in keiner Publikation Hamers findet sich ein Fall, bei dem ein HH sowohl im CT als auch im MRT dokumentiert wurde. Kritiker werfen Hamer daher vor, sich durch die eigenen Regeln zu widerlegen. Auch die von Hamer zitierte „Verifikation“ der Firma Siemens stellt keine wissenschaftliche Bestätigung dar, sondern ein internes technisches Schreiben, das nie in Fachkreisen veröffentlicht wurde.
Folgen für Patienten: Unnötige Strahlenexposition und Kosten
Da gesetzliche Krankenkassen CT-Untersuchungen zur Suche nach „Hammerschen Herden“ nicht übernehmen, raten GNM-Anwender Betroffenen, gezielt Kopfschmerzen oder neurologische Ausfallserscheinungen zu simulieren, um eine Kassenleistung zu erhalten. In Internetforen kursieren detaillierte Anleitungen, wie man Allergien gegen Kontrastmittel vortäuscht oder auf bestimmte Unfallfolgen verweist, damit ein native Schädel-CT indiziert erscheint. Solche Vorgehensweisen verstoßen gegen die deutsche Röntgenverordnung (RöV), die eine strenge Nutzen-Risiko-Prüfung vorschreibt, und belasten das Gesundheitssystem mit unbegründeten Kosten. Hinzu kommt die zusätzliche Strahlenexposition: Eine Schädel-CT entspricht etwa 70 bis 100 konventionellen Röntgen-Thorax-Aufnahmen. Die Deutsche Röntgengesellschaft (DRG) warnt eindringlich vor Diagnosen, die ausschließlich auf der Suche nach HH erfolgen, und empfiehlt Ärzten, dahinterliegende Motive kritisch zu hinterfragen.
Stellungnahmen von Fachgesellschaften und behördliche Reaktionen
In einer Stellungnahme vom 22. Januar 2007 bezeichnete der damalige DRG-Präsident Professor Maximilian Reiser die von Hamer veröffentlichten CT-Bilder als „völlig unsachgemäß interpretiert“. Eine argumentative Auseinandersetzung hielte er für aussichtslos, da Hamer jede Kritik pauschal als bornierte Schulmedizin zurückweise. Die Schweizerische Studiengruppe für komplementäre und alternative Methoden bei Krebs (SKAK) stuft HH-Befunde als „typische Artefakte“ ein, die bei minderwertiger Bildqualität auftreten. Die Bezirksärztekammer Rheinhessen und das Ärzteblatt Baden-Württemberg erklären übereinstimmend, eine CT des Schädels mit dem alleinigen Ziel, „Hammersche Herde“ nachzuweisen, sei nach RöV nicht indiziert. Betroffene Tumorpatienten, die sich in letzter Verzweiflung an die GNM wenden, sollten aufgeklärt werden, dass eine zusätzliche Strahlenbelastung ohne therapeutischen Nutzen mit erheblichem Risiko verbunden sei.
Neuere Deutungsversuche und offene Fragen
Seit etwa 2008 bemühen sich einzelne GNM-Anhänger, die Ringstrukturen mit der „spreading depression“ zu erklären – einem wellenförmigen Ausschaltungsprozess im Gehirngewebe, der 1944 vom brasilianischen Physiologen Aristides Leão beschrieben wurde. Nach dieser Hypothese könnten lokale Ionenverschiebungen zu mikroskopischen Kristallbildungen führen, die Röntgenstrahlen beugen und so konzentrische Dichtemuster erzeugen. Dafür gibt es jedoch keine experimentellen Daten; eine Veröffentlichung in einem peer-reviewten Journal liegt nicht vor. Auch Hamer selbst hat diese Deutung nicht übernommen. Bis heute fehlt jeder belastbare Nachweis, dass emotionale Konflikte innerhalb von Sekunden zu charakteristischen CT-veränderungen führen. Die wissenschaftliche Medizin sieht in der Theorie der „Hammerschen Herde“ daher ein Lehrbeispiel für die Gefahren von Fehlinterpretationen bildgebender Verfahren und betont, dass jede Strahlenanwendung einer klaren Indikation bedarf.
Zitate
Gerne bestätige ich Ihnen, dass die in dem 'Werk' von Herrn Hamer abgebildeten Computertomogramme von dem Autor völlig unsachgemäß interpretiert wurden und in klarem Widerspruch zu den wissenschaftlich begründeten Kenntnissen und Erfahrungen stehen. — Prof. Dr. Dr. Maximilian Reiser, Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft, Stellungnahme v. 22.01.2007
Weblinks
- Barrett, J.; Keat, N.: Artifacts in CT: Recognition and Avoidance. RadioGraphics 2004
- SKAK-Stellungnahme zu Hamerschen Herden (PDF)
- Strahlenschutzverordnung (RöV) – aktuelle Fassung
Veröffentlichungen
- Julia F. Barrett, Nicholas Keat: Artifacts in CT: Recognition and Avoidance. RadioGraphics, 2004, 24: 1679-1691
- Möller TB: Röntgennormalbefunde. Thieme Verlag