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Norbert Schittke

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 23:48 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Norbert Schittke» angelegt/aktualisiert)
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Der gelernte Maschinenbauingenieur Norbert Schittke gründete 2004 die „Exilregierung Deutsches Reich“, stellte eigene Ausweise und Führerscheine her und wurde mehrfach strafrechtlich verurteilt. Die Behörden ordnen sein Wirken der rechtsextremistischen Szene zu.

Gründung der „Exilregierung“ und Selbstermächtigung

Gründung der „Exilregierung“ und Selbstermächtigung

Am 8. Mai 2004 – dem 59. Jahrestag der Kapitulation der Wehrmacht – versammelte Norbert Schittke 19 Gleichgesinnte im Parkhotel Kronsberg bei Hannover. In der eigenen Protokollaufzeichnung heißt es, man habe die „Exilregierung Deutsches Reich“ konstituiert und Schittke einstimmig zum „Reichskanzler“ gewählt. Der gelernte Seemaschinenbauingenieur, seit Jahren im Ruhestand, begründete das Projekt mit der These, die Bundesrepublik sei kein souveräner Staat, sondern ein „alliiertes Geschäftsmodell“. Fortbestehen soll demnach das „Deutsche Reich in den Grenzen von 1937“. Als „Amtssitz“ diente zeitweise ein Büro in der Hildesheimer Katharinenstraße, in dem Schittke gegen Geld „Personalausweise“ und „Fahrerlaubnisse Deutsches Reich“ ausstellte. 2012 allerdings entzog ihm die Mehrheit der eigenen Mitglieder das Vertrauen: Bei einer Sondersitzung am 11. Mai votierte „weit über 80 % der Amtsträger“ für seinen Abwahlbeschluss. Die Vorwürfe reichten von Unterschlagung über Täuschung im Rechtsverkehr bis zur Anstiftung zu Straftaten. Dennoch trat Schittke weiterhin als „Reichskanzler“ auf und beanspruchte dieselben Kompetenzen wie zuvor.

Fantasietitel, Romkerhall und Schweinestall-Affäre

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In seiner Selbstdarstellung wechselte Schittke wiederholt die Titel: Ob „Königliche Hoheit Fürstregent zu Romkerhall“, „Prinz von Hannover“ oder „Reichskanzler des Deutschen Reichs-Kaiserreichs“ – die Liste wuchs mit jedem öffentlichen Auftritt. Den Namen „Romkerhall“ bezog er auf eine kleine Weilerschaft im gemeindefreien Harz, wo sich das Hotel „Königreich Romkerhall“ befindet. Die Betreiber des Hauses, die den Ort als „Königreich“ umworben hatten, erklärten jedoch, Schittke nutze die Bezeichnung ohne ihre Zustimmung. 2010 kaufte er auf Initiative eines „Europäischen Wohnmobilfahrerverbandes“ einen verfallenen Schweinestall auf dem gegenüberliegenden Grundstück. Verkäuferin war die Witwe des früheren „Statthalters von Romkerhall“, Baron Walter Lechner. Für die nötigen Mittel bat Schittke Anhänger um Spenden, was zu neuen Spannungen mit dem Hotel gegenüber führte. Die Goslarsche Zeitung berichtete am 13. August 2010 über das Vorhaben; der Verfassungsschutz bestätigte, dass die „Exilregierung“ Beobachtungsobjekt sei.

Verfassungsschutz und rechtsextremistische Einordnung

Verfassungsschutz und rechtsextremistische Einordnung

In mindestens vier Landesverfassungsschutzberichten taucht der Name Norbert Schittke auf – Niedersachsen, Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Das Thüringer Amt warnte 2009, die „realitätsfernen Verlautbarungen“ dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass „mit pseudojuristischer Akribie versucht wird, einen gesellschaftlichen Resonanzboden für rechtsextremistisches Gedankengut zu schaffen“. Das niedersächsische Landesamt für Verfassungsschutz stufte die Gruppe seit ihrer Gründung als rechtsextremistisch ein, weil sie die historische Wirklichkeit des Nationalsozialismus leugne und eine geschichtsrevisionistische Agenda verfolge. Personelle Überschneidungen mit anderen rechtsextremen Gruppierungen seien festgestellt worden. Dennoch blieb Schittkes Organisation ein zersplittertes Netzwerk ohne nennenswerte Mitgliederzahlen; die Öffentlichkeitswirksamkeit ergab sich vor allem aus skurrilen Medienberichten.

Prozesse wegen Urkundenfälschung und Beleidigung

Bereits 2006 verurteilte das Amtsgericht Hildesheim Schittke wegen Beihilfe zum Fahren ohne Fahrerlaubnis: Er hatte für 50 Euro „Reichsführerscheine“ mit Reichsadler verkauft, die bei Kontrollen vorgezeigt wurden. 2013 fiel eine Autokolonne mit schwarz-weiß-roten Kennzeichen („DR“) und Blaulicht auf der Bundesstraße 61 auf. Die Polizei stoppte den Konvoi auf dem Weg zu einer Trauerfeier in Bockhorn (Landkreis Friesland). Schittke erklärte den Beamenden, sie seien „Straßen-Diener der Firma BRD“ und ihm gegenüber weisungslos. Es folgten sechs Strafverfahren wegen Kennzeichenmissbrauchs und Urkundenfälschung sowie acht Ordnungswidrigkeiten wegen unerlaubtem Blaulichteinsatz. Im Jahr 2021 wurde Schittke erneut vom Amtsgericht Hildesheim verurteilt, diesmal zu einer dreimonatigen Bewährungsstrafe wegen Urkundenfälschung und Beleidigung. Laut Anklage hatte er Ausweise, Führerscheine und eine Staatsangehörigkeits-Urkunde gefälscht, in denen er sich als „Reichskanzler“ bezeichnete. Ein psychiatrisches Gutachten attestierte eine „erheblich verminderte Schuldfähigkeit“, sah aber keine erhebliche Gefährdung für die Allgemeinheit; das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Verschwörungstheorien, Antisemitismus und politische Kontakte

In Interviews verbreitet Schittke zahlreiche Verschwörungserzählungen: Von Chemtrails über HAARP-Wellen, die 85 % der Weltbevölkerung vernichten sollen, bis zu einem angeblichen Ortungs-Chip im deutschen Personalausweis. Die Bundesrepublik bezeichnet er als „Firma“, Deutschland befinde sich „im Kriegszustand mit seinen Nachbarn“. Auf die Frage eines ZDF-Neo-Reporters, ob er den Antisemitismus des Nationalsozialismus verurteile, antwortete er: „Wie soll ich etwas verurteilen, was es in dem Sinne ja gar nicht gibt?“ Politische Spuren legte Schittke 1991 als Kreistagsabgeordneter der Republikaner in Hildesheim, später wechselte er zur DSU und zur Zentrumspartei, bevor er eine eigene „Statt-Partei“-Gruppierung gründete. Trotz seiner geringen politischen Reichweite gilt er als einer der frühen Protagonisten der sogenannten Reichsbürgerbewegung, deren Ideologie er bis heute propagiert.

Weblinks

  1. krr-faq.net – Informationen zu Reichsbürgergruppen
  2. Wikipedia-Artikel „Exilregierung Deutsches Reich“

Einzelnachweise

  1. Karsten Krogmann: Rechtsextremisten mit Blaulicht, NWZ Online, 28. Juni 2013
  2. Verfassungsschutzbericht Thüringen 2009, S. 64
  3. Stern.de: „Reichskanzler“ wegen Urkundenfälschung verurteilt, 2021