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Andreas Roll

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 23:51 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Andreas Roll» angelegt/aktualisiert)
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Der baden-württembergische Grünen-Aktivist Andreas Roll verbreitet seit Jahren impfkritische Thesen. Ein Überblick über seine Biografie, politische Karriere und wissenschaftlich widerlegte Behauptungen.

Wer ist Andreas Roll?

Wer ist Andreas Roll?

Andreas Roll, geboren am 14. September 1967 in Ulm, ist seit 2005 für Bündnis 90/Die Grünen in der baden-württembergischen Kommunalpolitik aktiv. Zwischen 2010 und 2012 gehörte er dem Kreisvorstand Ludwigsburg an, seit 2010 fungiert er als stellvertretender Sprecher der Landes-Arbeitsgemeinschaft Gesundheit seiner Partei. Bei der Bundestagswahl 2013 kandidierte er für die Grünen. Beruflich arbeitet Roll bei einer Betriebskrankenkasse; eine medizinische oder naturwissenschaftliche Ausbildung liegt nicht vor. Nach eigenen Angaben begann er eine Ausbildung zum Heilpraktiker, brach diese jedoch aus Zeitgründen ab. In seinem privaten Umfeld wendet er Homöopathie an und bezeichnet sich als Coach für ganzheitliche Gesundheitsberatung. Er propagiert Ernährungskonzepte nach Werner Kollath, Claus Leitzmann und Max Otto Bruker, dessen Gesellschaft für Gesundheitsberatung (GGB) e. V. er angehört.

Buchpublikation und zentrale Impfbehauptungen

Buchpublikation und zentrale Impfbehauptungen

2003 veröffentlichte Roll im Eigenverlag das Buch „Gesund ohne Impfung? Impfschäden contra wirksame Krankheitsvorbeugung bei Säuglingen, Kindern und Eltern“. Darin stellt er den Nutzen von Impfungen generell infrage und bezeichnet Infektionskrankheiten wiederholt als „fast immer harmlos“. So schreibt er etwa zu Masern: „Die Masern sind eine Kinderkrankheit, die für die weitere Kindesentwicklung wichtig ist und fast immer harmlos verläuft“. Tatsächlich kann die Maserninfektion nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) tödlich verlaufen; allein im Jahr 2000 seien weltweit fast die Hälfte der 1,7 Millionen vermeidbaren Kindstode durch Masern verursacht worden. Auch behauptet Roll, „große Masernausbrüche“ gäbe es „nur in Gebieten mit hoher Durchimpfungsrate“ und die Mehrzahl der Erkrankten sei zuvor geimpft gewesen. Beim Ausbruch 2001 in Coburg lag laut Robert Koch-Institut (RKI) der Impfstatus bei 934 von 1.166 Erkrankten vor; 882 (94 %) waren ungeimpft.

Pocken, Diphtherie & Co: Geschichtsfälschung in Zahlen

Roll wiederholt die seit Jahren widerlegte These, Pocken seien „nicht durch Impfprogramme, sondern durch einfache Hygienemaßnahmen“ ausgerottet worden. Die Gesellschaft für Virologie weist jedoch nach, dass die Pockenimpfung Erkrankungen und Epidemien verhinderte und die Sterblichkeit nach Einführung der Impfung rapide sank. Ähnlich verfährt er bei Diphtherie: Die Einführung der Impfung 1925 habe mit „einer Zunahme der Todesfälle“ einhergegangen, suggeriert Roll. Studien belegen jedoch bereits für die Jahre vor 1960 einen deutlichen protektiven Effekt des Impfstoffs. Auch zum Tetanus verbreitet der Aktivist irreführende Statistiken: Er behauptet, vor den Massenimpfungen der 1970er-Jahre sei ein Rückgang der Erkrankungen zu verzeichnen gewesen, während nach Impfbeginn der Rückgang „verlangsamt“ worden sei. Internationale Surveillance-Daten zeigen indes kontinuierlich sinkende Inzidenzraten parallel zum steigenden Impfaufkommen.

HPV-Impfung, SIDS und weitere widerlegte Mythen

In Vorträgen, etwa vor der Südtiroler Gesellschaft für Gesundheitsförderung, verharmlost Roll die mit Humanen Papillomviren (HPV) assoziierten Krebsrisiken und übertreibt angebliche Impfnebenwirkungen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) und die Gesellschaft für Virologie stützen sich auf Studien mit Beobachtungszeiträumen von bis zu vier Jahren, die einen zuverlässigen Schutz vor persistierenden HPV-Infektionen und Präkanzerosen zeigen. Auch behauptet Roll einen Zusammenhang zwischen Pertussis-Impfung und plötzlichem Kindstod (SIDS). Mehrere große Fall-Kontroll-Studien fanden dafür jedoch keine Evidenz; vielmehr zeigten geimpfte Kinder tendenziell ein geringeres SIDS-Risiko. Gleiches gilt für die von ihm aufgegriffene These, HIV könne über einen Polio-Impfstoff der 1950er-Jahre von Affen auf Menschen übergesprungen sein – eine Hypothese, die in der Fachwelt mehrfach widerlegt wurde.

Reaktionen der Partei und öffentliche Kritik

Rolls Aktivitäten blieben nicht ohne interne Folgen: Nachdem er im Frühjahr 2020 auf Facebook die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung von COVID-19 als „faschistoide Maßnahme“ bezeichnete und trotz Ausgangsbeschränkungen zu Gruppenaufenthalten in der Natur aufrief, erwog der Kreisverband Ludwigsburg einen Parteiausschluss. In der Presse distanzierte sich die Landtagsfraktion der Grünen deutlich von seinen Positionen. Auch mehrere Fachgesellschaften, darunter die Deutsche Gesellschaft für Virologie und das Robert Koch-Institut, wiesen seine Behauptungen als unwissenschaftlich zurück. Dennoch betreibt Roll weiterhin die Internetseite „gesundes-gruen.de“, auf der er seine Thesen verbreitet. Dort wiederholt er unter anderem die irreführende Behauptung, in Finnland erkrankten „über 70 % der vollständig Geimpften“, wenn sie „das Schlafzimmer mit einem Masernkranken“ teilten. Tatsächlich verzeichnete Finnland dank eines konsequenten Zwei-Dosen-Programms zwischen 1990 und 2012 höchstens acht Masernfälle pro Jahr.

Weblinks

  1. Robert Koch-Institut: Epidemiologisches Bulletin 19/2002 – Masernausbruch Coburg
  2. CDC: Sudden Infant Death Syndrome (SIDS) and Vaccines – FAQ
  3. Gesellschaft für Virologie: Steckbrief HPV-Impfstoff

Veröffentlichungen