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Ryke Geerd Hamer

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Ryke Geerd Hamer entwickelte nach dem Tod seines Sohnes 1978 ein alternatives Heilmodell, das seitdem als pseudowissenschaftlich gilt. Seine Biografie ist geprägt von juristischen Auseinandersetzungen, Flucht und internationalen Warnungen.

Herkunft, Studium und ärztliche Laufbahn bis 1978

Herkunft, Studium und ärztliche Laufbahn bis 1978

Geboren wurde Ryke Geerd Hamer am 17. Mai 1935 in Mettmann bei Düsseldorf als eines von mindestens vier Söhnen des evangelischen Pfarrers Heinrich Hamer. Nach eigenen Angaben verbrachte er Teile seiner Kindheit bei seinem Großvater in Ostfriesland. 1953 legte er in Krefeld das Abitur ab, heiratete 1956 die Medizinstudentin Sigrid Oldenburg und studierte zunächst acht Semester evangelische Theologie in Tübingen und Erlangen. 1957 schloss er dort mit einem Magister Theologiae ab. Obwohl in zahlreichen Internettexten von einem Physikstudium die Rede ist, ist ein entsprechender Abschluss nicht belegt. Danach wechselte Hamer zum Humanmedizinstudium, das er nach zwölf Semestern am 10. April 1962 mit dem dritten Staatsexamen in Tübingen und Marburg beendete. Die Promotion zum Dr. med. folgte am 13. Dezember 1963 mit einer augenärztlichen Arbeit über das Pigment Lutein. Zwischen 1964 und 1986 arbeitete Hamer in mindestens acht verschiedenen Praxen, zunächst von 1964 bis 1966 in Hirschau in der Oberpfalz. 1972 erhielt er die Facharztbezeichnung für Innere Medizin; weitere Facharztbezeichnungen oder eine Chefarztposition sind nicht nachweisbar. Bereits in dieser Zeit fiel er Kollegen durch ungewöhnliche Praxisorganisation auf: In Behandlungsräumen flogen nach Zeugenaussagen Wellensittiche frei herum. 1972 zog Hamer nach Hamburg, wo er ein Immobilienprojekt scheiterte und sich zeitweise „Hamer von Fumetti“ nannte, was ihm ein Gericht untersagte. Nach Rückkehr nach Heidelberg setzte er seine ärztliche Tätigkeit fort. 1976 gab er seine Kassenzulassung zurück, nachdem die Kassenärztliche Vereinigung Nordbaden Unregelmäßigkeiten geprüft hatte. Ein Gemeindefinanzierter Praxisneubau in Weiterstadt wurde nicht realisiert, der gewährte Kredit soll lokalen Medien zufolge nicht zurückgezahlt worden sein.

Erfindungen, finanzielle Schwierigkeiten und Übersiedlung nach Italien

Erfindungen, finanzielle Schwierigkeiten und Übersiedlung nach Italien

Bevor sich Hamer mit seiner später umstrittenen „Neuen Medizin“ beschäftigte, arbeitete er als Erfatter medizintechnischer Geräte. Auf ihn gehen Patente für ein elektrisches Skalpell, eine Knochensäge, eine Behandlungsliege sowie ein Injektionsverfahren zurück. Die Geräte fanden keine breite Anwendung: Das Skalpell erwies sich bei Kurvenschnitten als unpraktisch und verursachte zusätzliche Hautverletzungen. Nachdem die Firma Kienzle eine Vorschusszahlung zurückforderte und Gläubiger Offenbarungseid verlangten, siedelte Hamer 1978 mit seiner Familie – Ehefrau und vier Kindern – nach Rom über. Laut einem Gerichtsbeschluss des Oberverwaltungsgerichts Koblenz war Hamer im Jahr 1990 insgesamt 39 Mal im Schuldnerverzeichnis gelistet.

Der Tod des Sohnes Dirk und dessen Folgen

Der Tod des Sohnes Dirk und dessen Folgen

Am 17. August 1978 unternahm Hamers Sohn Dirk gemeinsam mit seiner Schwester Birgit und weiteren Begleitern eine Bootstour von Portorotondo an Sardiniens Nordküste zur französischen Privatinsel Cavallo nahe Korsika. Dort kam es in der Nacht zu einem Streit zwischen zwei italienischen Gruppen – einer um den Modearzt Nicky Pende und einer um Vittorio Emanuele, den Sohn des letzten italienischen Königs. Ausgelöst wurde die Auseinandersetzung durch die Nutzung eines Schlauchbootes. Vittorio Emanuele, laut Zeugenaussagen stark alkoholisiert und mit einem halbautomatischen Gewehr M1 Garand bewaffnet, feuerte mehrere Schüsse. Eine Kugel durchschlug zwei Bootswände und traf den unter Deck schlafenden Dirk Hamer im Unterbauch. Die Verletzung führte zu schwerem Blutverlust. Nach notärztlicher Versorgung auf Cavallo wurde der 21-Jährige zunächst in eine Klinik nach Marseille gebracht, wo ihm ein Bein amputiert wurde. Entgegen der ärztlichen Empfehlung ließ Ryke Geerd Hamer seinen Sohn anschließend in die Heidelberger Universitätsklinik verlegen. Dort starb Dirk Hamer am 7. Dezember 1978. Der Leiter der Intensivstation in Marseille bezeichnete das Verlegen ohne Rücksprache später als „inakzeptabel“. Vittorio Emanuele wurde in einem späteren Prozess wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt; die Projektile wurden nicht sichergestellt, die mutmaßliche Tatwaffe verschwand.

Entstehung der „Germanischen Neuen Medizin“ und wissenschaftliche Bewertung

Nach dem Tod seines Sohnes entwickelte Hamer ein eigenes Krankheitsmodell, das er zunächst „Neue Medizin“, später „Germanische Neue Medizin“ (GNM) nannte. Zentrale These ist, dass alle Krankheiten – einschließlich Krebs – durch sogenannte „Dirk-Hamer-Syndrome“ (DHS) entstünden, also durch schockartige psychische Konflikte. Demnach verläuft jede Erkrankung in fünf biologischen Gesetzen, die mit Hirnveränderungen einhergingen. Eine systematische wissenschaftliche Bestätigung dieser Theorien liegt nicht vor. Institutionen wie das Deutsche Krebsforschungszentrum, die Deutsche Krebsgesellschaft und die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) stufen die GNM als Pseudowissenschaft ein. Klinische Studien, die die behaupteten Heilraten belegen, wurden nicht in anerkannten Fachjournalen veröffentlicht. Trotz wiederholter Ankündigungen schlug Hamer zwei Habilitationsverfahren (in Tübingen und Trnava/Slowakei) aus qualitativen Gründen fehl, eine formale Hochschullehrbefähigung erlangte er nie.

Gerichtliche Verfahren, Flucht und Aufenthalt in Norwegen

Ab den 1990er-Jahren wurde Hamer mehrfach straf- und zivilrechtlich verfolgt. In Deutschland liefen Ermittlungen wegen Volksverhetzung und der Fahrlässiger Tötung nach dem Tod von Patienten, die seiner Methode gefolgt waren. 2007 erließ ein deutscher Richter Haftbefehl. Hamer ließ sich daraufhin in Sandefjord/Norwegen nieder, wo er laut Amtsangaben keine ärztliche Zulassung besaß. In Interviews begründete er die Ausreise mit der Befürchtung, in Deutschland inhaftiert zu werden. Trotz wiederholter Spendenaufrufe im Internet lebte er dort in einem freistehenden Einfamilienhaus und fuhr einen schwarzen Mercedes der Oberklasse. 2010 gründete er die „Universität Sandefjord“ und ernannte sich selbst zum Rektor. Die norwegische Aufsichtsbehörde „Statens helsetilsyn“ erstattete Anzeige, nachdem ein zwölfjähriges krebskrankes Mädchen aus Hamburg zwei Wochen bei Hamer in Behandlung gewesen war. 2015 ordnete das norwegische Erziehungsministerium die Schließung seiner Internetseite an, andernfalls drohten strafrechtliche Ermittlungen. Hamer verstarb am 2. Juli 2017 in Sandefjord, nach Medienberichten infolge eines Schlaganfalls.

Weblinks

  1. Deutsches Krebsforschungszentrum: Informationen zur Therapie nach Hamer
  2. Deutsches Ärzteblatt: Haftstrafe für Hamer (03.10.1997)
  3. Deutsche Krebsgesellschaft: Stellungnahme zur Germanischen Neuen Medizin
  4. GWUP: Mythos sanfte Krebstherapien

Einzelnachweise

  1. Norwegisches Gesundheitspersonalrecht: Hamer verfügte in Norwegen über keine Zulassung zur Ausübung der Medizin (Schreiben der Statens helsepersonellnemnd vom 20. August 2008).