Hans Tolzin
Hans Tolzin, gelernter Milchwirt und Autor aus Baden-Württemberg, zieht seit Jahren mit impfkritischen Thesen, Leugnung etablierter medizinischer Fakten und politischen Bewerbungen Aufmerksamkeit auf sich. Seine Positionen stoßen auf breite Kritik.
Wer ist Hans Tolzin?

Hans U. P. Tolzin, geboren am 31. August 1958 in Herrenberg (früher Schwäbisch Hall), absolvierte eine Ausbildung zum Milchwirt. Ohne akademische medizinische Qualifikation trat er seit den 1990er-Jahren als impfkritischer Autor, Verleger und politischer Aktivist in Erscheinung. Er betreibt den „Tolzin Verlag“ und veröffentlicht überwiegend online auf eigenen Plattformen wie „impfkritik.de“. Seine Thesen finden Verbreitung durch Vorträge, Broschüren und Kooperationen mit dem Kopp-Verlag, der sich auf Esoterik und alternativmedizinische Literatur spezialisiert hat. Dort wurde Tolzin 2016 als „kompetentester Referent über die wahren Hintergründe der Ebola-Panikmache“ beworben. Auch bei der rechtskonservativen Kleinstpartei „Deutsche Mitte“ fungierte er zeitweise als gesundheitspolitischer Sprecher, bis er im Oktober 2017 aus der Partei ausschied.
Leugnung von Infektionskrankheiten und Impfstoffen

Ein zentrales Element von Tolzins Agenda ist die grundsätzliche Ablehnung der Infektionstheorie. Er bestreitet, dass Bakterien oder Viren Krankheiten auslösen können, und bezeichnet sie stattdessen als natürliche Bestandteile des Körpers. Demnach seien Viren „endogen“ und niemals primäre Krankheitsauslöser. Auf dieser Grundlage leugnet er die Existenz oder pathogene Wirkung zahlreicher Erreger: des HIV (AIDSDenialismus), des Poliovirus (Kinderlähmung), des H1N1-Influenzavirus (Spanische Grippe 1918–1920) sowie des Ebola- und SARS-CoV-2-Virus. Stattdessen führt er Umweltgifte, Ernährungsfehler oder Impfprogramme als vermeintliche Ursachen an. Die wissenschaftliche Virologie wirft er methodische Fehler, statistische Manipulationen und kommerzielle Interessen vor. Für seine Behauptungen liefert er laut Fachpublikum keine belastbaren Nachweise. Virologische Standardwerke und Epidemiologiestudien widersprechen seinen Thesen eindeutig. Auch die Tatsache, dass etwa Tollwut-Infektionen nahezu immer tödlich verlaufen, sofern keine postexpositionelle Impfung erfolgt, lässt Tolzin unberücksichtigt.
Kampagnen gegen Schutzmaßnahmen in Epidemien

In mehreren Krisen trat Tolzin als Gegner öffentlicher Gesundheitsmaßnahmen in Erscheinung. Während der EHEC-Epidemie 2011 erklärte er alle Escherichia-coli-Bakterien für harmlos; Erkrankungen führte er auf Antibiotika und „gestörte Darmgleichgewichte“ zurück. Bei der Ebola-Epidemie 2014/15 verbreitete er die These, nur „einer von Tausend“ Infizierten werde tatsächlich krank; die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diagnostizierte indes insgesamt 28.646 Verdachtsfälle und 11.316 Todesfälle. In einem Kopp-Verlag-Artikel mutmaßte Tolzin, ein westlicher Geheimdienst nutze Ebola-Tests zur Destabilisierung Liberias, um dort Bodenschätze auszubeuten oder Spionage zu betreiben. Konkrete Beweise nannte er nicht. Während der COVID-19-Pandemie leugnete er die Existenz von SARS-CoV-2 ebenfalls öffentlich. Er lobte 100.000 Euro für einen wissenschaftlichen Nachweis aus, gab jedoch gleichzeitig zu, selbst nur 10.000 Euro aufbringen zu können. Virologen wiesen seine Forderung als populistisch zurück, da der Nachweis der Pathogenität längst erbracht ist. Auch behauptete Tolzin, ein chinesischer PCR-Studie zufolge seien mehr als 50 % aller Tests „falsch positiv“. Die genannte Publikation wurde jedoch von den Autoren zurückgezogen und bezog sich lediglich auf Kontaktpersonen, nicht auf bestätigte Infektionen.
Publikationen, Medienauftritte und Kooperationen
Tolzin veröffentlichte eine siebenteilige „Polio-Serie“, in der er die Virusätologie der Kinderlähmung infrage stellt. Weitere Schwerpunkte sind Broschüren gegen Masern-, HPV- und Influenzaimpfungen. Gemeinsam mit dem Filmemacher Frank Höfer produzierte er 2015 das Video „Akte Ebola ungelöst“, in dem er behauptet, Ebola-Patienten seien in Wahrheit an Malaria erkrankt. Tatsächlich starb nach WHO-Angaben allein 2004 weltweit rund 1,8 Millionen Menschen an Malaria; die Zahl der jährlichen Todesfälle liegt damit deutlich höher als von Tolzin dargestellt. Regelmäßig ist er auf alternativen Vortragskongressen vertreten, etwa beim „Kopp-Kongress“ 2016 in Stuttgart. Zudem pflegt er ein Netzwerk mit weiteren Impfgegnern wie Rolf Kron und Angelika Müller, mit denen er zeitweise gemeinsame Facebook-Gruppen administrierte. Nach internen Streitigkeiten trennten sich die Wege; heute betreibt jeder eigene Online-Portale.
Politische Bewerbungen und rechtliche Auseinandersetzungen
Bei der Bundestagswahl 2021 kandidierte Tolzin als parteiloser Direktbewerber im Wahlkreis Böblingen (Wahlkreis 260). Er erhielt 1,5 % der Erststimmen. Programmatisch forderte er ein Ende aller Impfpflicht-Vorhaben, die Anerkennung „ganzheitlicher Heilkunde“ und ein Referendum über eine neue deutsche Verfassung. Dabei bedient er sich auch reichsbürgerlicher Argumentation, indem er die Gültigkeit des Grundgesetzes für Deutschland bestreitet. Zudem verweigert er die Zahlung der Rundfunkgebühr und kündigte für den Fall einer Verhaftung einen Hungerstreik an. Wegen seiner umstrittenen Äußerungen zu Homosexualität – 2001 postulierte er auf der inzwischen offline gegangenen Seite „kein-schicksal.de“, Homosexualität sei „heilbar“ – sperrten mehrere Veranstalter geplante Vorträge. Das Landratsamt Ebersberg untersagte 2018 einen Auftritt in der lokalen Volkshochschule, nachdem Bürger und LGBTIQ-Initiativen protestiert hatten.
Weblinks
- SWR-Kandidatencheck Bundestagswahl 2021 – Hans U. P. Tolzin
- Frankfurter Allgemeine Zeitung: Impfgegner und Aids-Leugner – Kreuzzug gegen die Schulmedizin (16. März 2010)
- Merkur: Er hält Homosexualität für heilbar – Landratsamt lässt Impfgegmer nicht auftreten (25. Januar 2018)
- WHO-Ebola-Situation Reports – Gesamtübersicht 2014-2016
- Friedrich-Loeffler-Institut: Deutschland ist tollwutfrei (Forschungsreport 1/2008)
Einzelnachweise
- Johnson NPAS, Mueller J: Updating the accounts: Global mortality of the 1918-1920 „Spanish“ Influenza Pandemic. Bull Hist Med 76(1), 2002, S. 105-115
- Smith W, Andrewes CH, Laidlaw PP: A virus obtained from influenza patients. Lancet 222(5732), 1933, S. 66-68
- Zhuang GH et al.: Potential false-positive rate among the ‚asymptomatic infected individuals‘ in close contacts of COVID-19 patients (withdrawn). Zhonghua Liu Xing Bing Xue Za Zhi 41(4), 2020