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Dietrich Klinghardt

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 22:29 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Dietrich Klinghardt» angelegt/aktualisiert)
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Der 1950 in Berlin geborene Arzt Dietrich Klinghardt betreibt seit Jahrzehnten Schulungen und Praxen im In- und Ausland, in denen er eigen entwickelte Diagnose- und Therapieverfahren vermittelt. Seine Konzepte, die sich unter anderem auf Kinesiologie, „Autonome Regulationsdiagnostik“ und „Mentalfeldtherapie“ stützen, stoßen in der medizinischen Fachwelt auf deutliche Kritik.

Studium und Berufsverlauf

Studium und Berufsverlauf

Dietrich Klinghardt absolvierte von 1969 bis 1975 das Medizinstudium an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und promovierte 1979 mit einer anatomischen Arbeit über Blutgefäße. Nach eigenen Angaben schloss sich eine Facharztweiterbildung für Innere Medizin an. Es folgten Auslandsaufenthalte in Indien, England und den USA. Seit 1988 führt er eigene Praxen bzw. Lehrinstitute, zunächst in den Vereinigten Staaten, später auch in Deutschland. In der Fachdatenbank Medline sind keine eigenen Originalarbeiten von Klinghardt gelistet. 1993 wurde ihm die ärztliche Lizenz für New Mexico zeitweise unter Bewährungsauflagen erteilt, nachdem er 1991 ein Seminar organisiert hatte, bei dem ein Kollege ohne gültige US-Zulassung Injektionen durchführte; dieser wurde daraufhin wegen unerlaubter Heilkunde verurteilt.

Kernmethoden: Kinesiologie, Regulationsdiagnostik und Mentalfeldtherapie

Kernmethoden: Kinesiologie, Regulationsdiagnostik und Mentalfeldtherapie

Zentrales Instrument fast aller Klinghardt-Konzepte ist der kinesiologische Muskeltest. Mit der von ihm bezeichneten „Autonomen Regulationsdiagnostik“ (ART) untersucht er nach eigenen Angaben, ob das vegetative Nervensystem „regulationsfähig“ sei. Durch ein angebliches „Direktes Resonanzphänomen“, das angeblich an der Columbia University in New York entdeckt worden sei, soll die Diagnose sogar „intrazellulärer Phänomene“ möglich sein. Die „Mentalfeldtherapie“ wiederum kombiniert Elemente der Klopfakupunktur mit visualisierten Gesprächen und geistigen Setups; Klinghardt verspricht davon „unbegrenzte“ Anwendungen von der Auflösung von Depressionen bis zum Verschwinden von Rückenschmerzen. Beide Verfahren sind in der evidenzbasierten Medizin nicht validiert. Auch greift Klinghardt regelmäßig auf andere nicht wissenschaftlich anerkannte Ansätze zurück, darbeiten der „Emotional Freedom Techniques“, das „Familienstellen“ nach Bert Hellinger, homöopathische Komplexmittel und orthomolekulare Substanzen. Chronischen Erkrankungen misst er eine große Rolle bei Umweltgiften bei und empfiehlt häufig „Entgiftungskuren“ mit Chlorella-Algen oder eigenen „Ausleitungs-Cocktails“.

Quecksilber, Impfen und Autismus

Quecksilber, Impfen und Autismus

Klinghardt postuliert, Quecksilber im Zentralnervensystem sei die alleinige Ursache von Autismus, ADHS, Asthma und zahlreichen anderen Krankheitsbildern. Er bezeichnet Autismus als eine „neue, menschengemachte Krankheit“, die durch Schwermetalle ausgelöst werde. Als Hauptquelle nennt er Thiomersal, einen in manchen Impfstoffen früher verwendeten Konservierungsstoff. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA kam 2004 nach Auswertung großer Bevölkerungsstudien zu dem Schluss, dass ein Zusammenhang zwischen Thiomersal und neurologischen Entwicklungsstörungen nicht bestehe; zudem sind in Deutschland inzwischen nahezu alle Impfstoffe frei von Thiomersal. Die Annahme, Impfungen lösten Autismus aus, geht maßgeblich auf die 1998 veröffentlichte, später als betrugsvoll eingestufte Studie des britischen Arztes Andrew Wakefield zurück. Klinghardt empfiehlt zur Quecksilberausleitung neben Chlorella die Behandlung „systemischer Familienprobleme“, die Beseitigung „geopathischer Störzonen“ und die Reduktion „elektrosmogbelasteter Schlafplätze“.

Lyme-Borreliose und das Ruggiero-Klinghardt-Protokoll

Bei der Lyme-Borreliose, die durch das Bakterium Borrelia burgdorferi übertragen wird, widerspricht Klinghardt dem wissenschaftlichen Konsens, nach dem eine frühzeitige antibiotische Therapie in der Regel erfolgreich ist. Er bezeichnet Antibiotika als unwirksam und propagiert stattdessen „Klinghardt-Matrix-Therapie“ mit schwachem Reizstrom, Eigenurin-Anwendungen, Mentalfeldtechniken und erneut umfangreiche „Schwermetall-Ausleitungen“. Für die Diagnose verwendet er ausschließlich kinesiologische Tests, obwohl diese in Studien keine verlässliche Treffsicherheit zeigen. Auch ein selbst zusammengestellter „Lyme-Cocktail“ aus Nahrungsergänzungsmitteln wird angepriesen. In Vorträgen verbindet Klinghardt Borreliose mit Autismus und behauptet, bei 80 Prozent autistischer Kinder nach einer sechsmonatigen Therapie „Borrelien nachweisen“ zu können, wobei er offenbar immunologische Tests erst nach Beginn seiner Behandlung positiv werden lässt – eine Vorgehensweise, die mit wissenschaftlichen Methodstandards nicht vereinbar ist.

Verbindungen zur Germanischen Neuen Medizin und weiteren Esoterik-Konzepten

In seinem erschienenen Lehrbuch zur Psychokinesiologie übernimmt Klinghardt zentrale Thesen der umstrittenen „Germanischen Neuen Medizin“ (GNM) von Ryke Geerd Hamer. Er bezeichnet sogenannte „unerlöste seelische Konflikte“ als Auslöser von Krebs und beruft sich auf die von der Fachwelt zurückgewiesenen „Hamerschen Herde“ in Computertomogrammen. Entsprechend seiner fünf „Heilebenen“ – vom physischen Körper bis zum „Geist-Körper“ – ordnet er verschiedene Behandlungsstrategien zu, wobei die oberste Ebene laut eigener Aussage „nicht Gegenstand ärztlicher Intervention“ bleiben dürfe. Weitere Lehrgänge befassen sich mit der angeblichen Gefahr von „Chemtrails“, mit „geopathischen Belastungen“ durch Smart Meter sowie mit der Verschwörungsthese, das Borrelia-Bakterium stamme aus einem US-Biowaffenlabor auf Plum Island. Historische DNA-Analysen belegen jedoch, dass Borrelia burgdorferi bereits vor Jahrtausenden vorkam, unter anderem wurde es beim Gletschermumie „Ötzi“ nachgewiesen.

Geschäftstätigkeit und Marken

Über die „Klinghardt Academy of Neurobiology“ in Boulder, Colorado, sowie das „INK-Institut für Neurobiologie nach Dr. Klinghardt“ in Stuttgart bietet er modular aufgebaute Kurse für Ärzte und Heilpraktiker an. Absolventen erwerben Zertifikate für Verfahren wie „Psychokinesiologie (PK) nach Dr. Klinghardt“, „Mentalfeldtherapie (MFT)“ oder „Autonome Regulationsdiagnostik (ART)“; die Nutzungsrechte erlöschen, wenn keine Weiterbildungsgebühren mehr gezahlt werden. Klinghardt hält zahlreiche Wortmarken, darunter „Dr. Klinghardt“, „KiScience“ und „Tosh Würze“. Mit der österreichischen Firma Biopure und dem britischen Unternehmen Ki Science Limited – dessen Geschäftsführerin seine Lebensgefährtin Daniela Deiosso ist – vermarktet er Nahrungsergänzungsmittel, „mikrostrukturiertes Wasser“ und Geräte wie „Tesla Energy Lights“. Schweizer Infomercial-Sender werben für seine Seminare und Produkte, ohne dass ein wissenschaftlich nachvollziehbarer Beleg für die behaupteten Wirkungen geliefert wird.

Weblinks

  1. Medizin Transparent: MMS – das gefährliche „Wundermittel“

Einzelnachweise

  1. Casewatch: Board Order regarding Dietrich Klinghardt, M.D.
  2. EMEA Public Statement on Thiomersal in Vaccines (2004)
  3. Deutsche Borreliose-Gesellschaft: Diagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose (2008)
  4. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Neuroborreliose (2008)