Jürgen Fliege
Der evangelische Theologe Jürgen Fliege wurde durch seine ARD-Talkshow bekannt, später wandte er sich zunehmend esoterischen Produkten und Heilsversprechen zu. Seine Sendungen und Geschäftsaktivitäten stoßen seit Jahren auf Kritik.
Karrierebeginn und Medienpräsenz

Jürgen Fliege, geboren am 30. März 1947 in Radevormwald, ist evangelischer Pfarrer, Autor und war von 1994 bis 2005 mit seiner gleichnamigen ARD-Talkshow täglich zu sehen. Die Sendung lief zunächst um 16:00, später um 15:00 Uhr und erreichte ein Millionenpublikum. In dieser Zeit präsentierte er regelmäßig Gäste mit alternativmedizinischen oder esoterischen Anliegen, wodurch ihm die Rolle eines „TV-Pfarrers“ zugeschrieben wurde. Nach Ende der Serie verlagerte er seine Aktivitäten zunehmend ins Internet und auf Veranstaltungen, wo er weiterhin Themen aus dem Grenzbereich von Religion, Esoterik und Gesundheitsmarketing verbindet.
Kritik an Gesundheitsaussagen in der Talkshow

In mehreren Ausgaben seiner Sendung wurden Gäste eingeladen, die umstrittene Heilmethoden propagierten. Am 7. Juli 2005 etwa ging es um „Sanfte Medizin, Heiler, Gesundbeter“. Eine an Krebs erkrankte Ärztin erklärte, sie könne auf Chemotherapie verzichten, nachdem sie 50 Heilmeditationen absolviert habe. Ein Zahnarzt behauptete in einer anderen Folge, eine Blinddarmentzündung lasse sich mit drei Einläufen abwenden. In einer Sendung im März 2002 durfte ein Aloe-Vera-Vertreter erklären, die Pflanze wirke auch gegen Krebs. Fliege selbst äußerte 1995: „Krankheiten haben ihre Ursache in der Seele“, eine Formulierung, die in die Nähe der umstrittenen Hamer-Lehre rückt. Kritiker werfen ihm vor, durch solche Beiträge lebensgefährliche Hoffnungen geweckt zu haben, ohne medizinisch gesicherte Hinweise zu liefern.
Geschäft mit „Gebetsessenz“ und Nahrungsergänzung

Über seine Webseite vertreibt Fliege ein Produkt namens „Fliege Essenz“ (auch „Gebetsessenz“ genannt) für 39,95 Euro je 95-ml-Flasche. Die Flüssigkeit wird als „Bioregulat“ beworben, enthalte vergorenes Obst, Gemüse und Nüsse sowie „spirituelle Informationen“. Fliege erklärt, er bete über die Substanz wie über Weihwasser und lege die Hände auf, um „Trost und Kraft“ in die Flaschen zu senden. Die genaue Rezeptur ist nicht offengelegt. Die Rheinische Post bezeichnete das Präparat als „pseudoreligiöses Produkt“, der Kritiker Hellmuth Karasek nannte es in einer Talkshow scherzhaft „Fliegenschiss“. Nach heftiger öffentlicher Kritik im August 2011 nahm Fliege das Angebot vorübergehend von seiner Seite. Parallel bewirbt er Nahrungsergänzungsmittel wie „Symbiontic“ des Herstellers Dr. Niedermaier Pharma, das ebenfalls auf vergorenen Pflanzen basiert und mit ähnlichen Gesundheitsversprechen versehen ist.
Wörishofener Herbst und Kirchengemeinden-Protest
Zwischen 2009 und 2011 veranstaltete Fliege im bayerischen Bad Wörishofen dreimal den „Wörishofener Herbst“, ein Festival für „Körper, Geist und Seele“ mit Eintrittspreisen von 201 bis fast 400 Euro. Auf dem Programm standen Vorträge und Workshops zu Themen wie „Wasser hat ein Gedächtnis“, alternative Krebstherapien oder „Heilung durch Vergebung“. Teilnehmer waren unter anderen die Sängerin Katja Ebstein, der Esoterik-Bestsellerautor Rüdiger Dahlke sowie der Wasserforscher Johann Grander. Die katholischen Pfarrgemeinden riefen zum Boykott auf, Bürgermeister Klaus Holetschek (CSU) initiierte eine kostenlose Gegenveranstaltung. Kritisiert wurde besonders die „Nacht der Heiler“, bei der zahlreiche Laien-Heiler Handauflegungen an Besucher durchführten. Fliege bezeichnete das Treffen als „spirituelles Woodstock“. 2010 geriet die Veranstaltung zusätzlich ins Gerede, weil die österreichische Firma Aquol eines bekennenden Scientologen als Aussteller auftauchte und Produkte zur angeblich strahlungsfreien Mauertrockenlegung präsentierte.
Preise, politische Äußerungen und aktuelle Projekte
1998 verlieh die Skeptiker-Organisation GWUP ihren „Negativpreis“ an Fliege, nachdem er in einer Frauenzeitschrift die rote Farbe des Mars mit esoterischer Eingebung der Astrologen erklärt hatte. Seit 2020 tritt Fliege politisch in Erscheinung: Am 12. September hielt er eine Rede auf einer Münchner Demonstration der Initiative „Querdenken“, die sich gegen staatliche Corona-Schutzmaßnahmen richtete. Im Frühjahr 2021 trat er laut eigenen Angaben in die Partei „Basisdemokratische Partei Deutschland“ ein. Auf seiner Internetplattform „Fliege TV“ bewirbt er weiterhin zahlreiche Produkte wie „energetisiertes Wasser“, ayurvedische Entgiftungskuren, Softlaser gegen Tinnitus und sogenannte Bion-Pads gegen Schmerzen. Die dort gezeigten Interviews führt er häufig mit Anbietern eben jener Produkte, die zugleich als Sponsoren der Seite auftreten. Kritiker werfen ihm vor, es handle sich um Schleichwerbung, da weder redaktionelle Inhalte noch Werbung deutlich voneinander getrennt seien.
Zitate
Ich habe über sie gebetet wie über Weihwasser. Sie soll ein Segen sein. — Fliege-Webseite, August 2011
Die Menschen sind nach Innen gereist, ins Traumland. Was sie dort an Wissen finden, stimmt mit dem Äußeren überein. — Fliege in einer Frauenzeitschrift zur Mars-Farbe, 1998
Weblinks
- Fernsehlexikon: Die Sendung „Fliege“
- GWUP-Blog: Wenn Jürgen Fliege rot sieht
- Die Welt: Fernsehpfarrer Fliege mutiert zum Esoteriker