Geistheilen
In Deutschland suchen jährlich rund 100 Millionen Menschen den Rat von Geistheilern. Die Branche erwirtschaftet dabei mehrere Milliarden Euro – ohne dass über den Placeboeffekt hinaus gesicherte Wirksamkeiten belegt sind.
Verbreitung und gesellschaftliche Bedeutung

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 10.000 Personen, die sich auf geistiges Heilen spezialisiert haben. Sie vereinigen sich in Verbänden, arbeiten aber häufig auch einzeln. Die Zahl der jährlichen Patientenkontakte wird auf rund 100 Millionen beziffert, womit der Markt ein Volumen von mindestens vier Milliarden Euro erreicht. Die Palette der angebotenen Methoden reicht von klassischem Handauflegen über Fernheilung bis hin zu esoterisch inspirierten Verfahren wie Reiki, Schamanismus oder sogenannter psychischer Chirurgie. Auch Traditionelles wie Warzenbesprechung oder das lateinamerikanische „Fogo Sagrado“ zählen dazu. Gemeinsam ist allen Techniken, dass sie ohne medikamentöse oder operative Maßnahmen auskommen und stattdessen auf religiöse oder energetische Einflussnahme setzen. Für Krebs, Autoimmunerkrankungen und andere schwere Leiden werden teils rasche, vollständige Heilungen in Aussicht gestellt; wissenschaftlich über den Placeboeffekt hinaus belegte Effekte liegen dafür nicht vor.
Risiken und dokumentierte Todesfälle

Wenn Eltern schwer erkrankten Kindern aus religiösen Gründen ärztliche Hilfe verweigern, kann dies lebensbedrohliche Folgen haben. Eine retrospektive Studie, die die Fachliteratur zwischen 1975 und 1995 auswertete, identifizierte in den USA 172 Fälle von Kindern, deren Tod auf einen solchen Verzicht zurückging. Bei 140 dieser Fälle stuften die Autoren ein Überleben bei adäquater Therapie als „sehr wahrscheinlich“, bei weiteren 18 als „gut möglich“ ein. In Deutschland steht die juristische Aufarbeitung solcher Fälle seltener im Fokus; dennoch gelten sie als Beleg dafür, wie lebensgefährlich eine ausschließlich auf Gebet oder Handauflegen basierende Behandlung schwerer Erkrankungen sein kann. Typische Diagnosen in den dokumentierten Fällen waren Diabetes mellitus Typ 1, bakterielle Meningitiden und andere mit Standardtherapien gut beherrschbare Krankheiten.
Weblinks
- Correctiv-Recherche „Die Unheilerin“
- Ärzte Zeitung zu begleitenden Maßnahmen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- AGPF-Dokumentation zum Bundesverfassungsgerichtsurteil
- Scienceblogs zu US-Urteilen über Gebetsheilung
- Quackwatch-Übersicht zu Faith Healing (engl.)
Veröffentlichungen
- Edzard Ernst: Distant healing – an „update“ of a systematic review. Wien Klin Wochenschr. 115(7–8):241–5, 2003.
- Asser SM, Swan R.: Child fatalities from religion-motivated medical neglect. Pediatrics 101(4 Pt 1):625-9, 1998.
- Krucoff MW et al.: Music, imagery, touch, and prayer as adjuncts to interventional cardiac care: the MANTRA II randomised study. Lancet 366(9481):211-7, 2005.
- Hughes RA.: The death of children by faith-based medical neglect. J Law Relig. 20(1):247-65, 2004-2005.