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RT

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 23:02 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «RT» angelegt/aktualisiert)
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Seit 2005 sendet der staatlich finanzierte russische Auslandsfernsehsender RT auf mehreren Sprachen. Mit steigenden Budgets und weltweiten Dependancen erreicht er potenziell 700 Millionen Haushalte, steht jedoch wiederholt in der Kritik wegen einseitiger Berichterstattung und der Verbreitung von Desinformation.

Entstehung, rechtliche Einordnung und globale Präsenz

Entstehung, rechtliche Einordnung und globale Präsenz

RT, bis 2009 unter dem Namen Russia Today, ging im Dezember 2005 auf Initiative der russischen Regierung auf Sendung. Sitz des Unternehmens ist Moskau, rechtlich eingebettet ist es in die staatliche Medienholding Rossija Sewodnja. Bereits ein Jahr nach dem Start erfolgte die Ausweitung auf Arabisch, 2009 kam Spanisch hinzu, seit 2014 gibt es ein deutschsprachiges Angebot (RT Deutsch). Nach Angaben des Senders unterhält RT heute 21 Büros in 16 Ländern. Das englische Programm wird laut eigener Darstellung über 22 Satelliten ausgestrahlt und soll rund 700 Millionen Zuschauer in mindestens 100 Staaten erreichen. Zusätzlich zu den linearen Kanälen betreibt RT ein mehrsprachiges Netzwerk auf YouTube mit etwa 29.000 veröffentlichten Videos. In den Vereinigten Staaten ist RT über Kabelnetze empfangbar; im Gegensatz zu vielen dortigen Sendern zahlt der Kanal jedoch Carriage-Gebühren, da die Einschaltquoten deutlich unter ein Prozent liegen. Im November 2017 registrierte das United States Department of Justice RT America aufgrund des Foreign Agents Registration Act (FARA) als „Foreign Agent“. Seitdem muss das Unternehmen seine Finanzströme offenlegen.

Finanzielle Ausstattung und personelle Verhältnisse

Finanzielle Ausstattung und personelle Verhältnisse

Die Anfangsinvestition aus dem russischen Staatshaushalt belief sich im Jahr 2005 auf etwa 30 Millionen US-Dollar. Die Ausgaben stiegen seither kontinuierlich: für 2015 wurden 301 Millionen Euro veranschlagt, 2016 waren es 340 Millionen Euro und 2017 bereits 387 Millionen Euro. Werbeeinnahmen spielen nach eigenen Angaben keine Rolle. Die Chefredakteurin von Rossija Sewodnja, Margarita Simonjan, erhielt zuletzt ein Monatsgehalt von 1,7 Millionen Rubel (rund 18.700 Euro). Der RT-Generaldirektor Alexej Nikolov soll monatlich 2,6 Millionen Rubel (etwa 28.600 Euro) beziehen. Die Agentur Ruptly, 2012 gegründet, liefert als Tochterunternehmen Bildmaterial für RT und beschäftigt nach eigenen Angaben rund 100 Mitarbeiter. Weitere mit RT verbundene Projekte sind die Videoplattform redfish sowie die Social-Media-Kanäle „In The Now“, „ICYMI“ und „Maffick“, die sich überwiegend jüngere Zielgruppen mit politischem Interesse ansprechen sollen. Teilweise wird der Zusammenhang mit dem Mutterhaus nicht offen kommuniziert.

Vorwürfe einseitiger Berichterstattung und regulatorische Sanktionen

Vorwürfe einseitiger Berichterstattung und regulatorische Sanktionen

Internationale Beobachter werfen RT wiederholt vor, bewusst einseitig zu berichten und Verschwörungsthesen zu verbreiten. Die britische Aufsichtsbehörde Ofcom verhängte im Juli 2019 eine Geldbuße von 200.000 Pfund gegen RT. Begründet wurde dies mit sieben Verstößen gegen die Vorgabe ausgewogener Berichterstattung im Zusammenhang mit dem Giftanschlag auf Sergej Skripal im Frühjahr 2018. Die Prüfer attestierten dem Sender eine „serious failure of compliance“. Ehemalige Mitarbeiter berichten, dass redaktionelle Vorgaben häufig darauf abzielten, westliche Medien und Politik in möglichst negativem Licht erscheinen zu lassen. In Deutschland ist RT Deutsch ausschließlich online verfügbar; die Inhalte werden vielfach in sozialen Netzwerken geteilt, wobei die Reichweite vor allem durch crossmediale Verbreitung über unterstützende Webseiten zunimmt.

Fallbeispiele internationaler Berichterstattung

Mehrere Themenkomplexe führten zu öffentlichen Kontroversen. Nach dem Absturz des malaysischen Passagierflugs MH17 im Juli 2014 über der Ostukraine verbreitete RT unter anderem die These, ein ukrainisches Kampfflugzeug vom Typ Suchoi Su-25 habe die Maschine mit Bordwaffen beschossen. Experten wiesen darauf hin, dass das Flugzeugmodell technisch nicht für Einsätze in der Reiseflughöhe der Boeing geeignet sei. Auch zitierte Zeugen wie der angebliche spanische Fluglotse „Carlos“ konnten von unabhängigen Stellen nicht verifiziert werden. Im Fall Skripal kam es, laut Ofcom-Beschluss, zu systematischer Auslassung russischer Verantwortung. Während der Ebola-Epidemie 2014 in Westafrika stellte RT gezielt die Wirksamkeit westlicher Hilfsmaßnahmen infrage. In der Corona-Pandemie veröffentlichte der deutschsprachige Ableger zahlreiche Beiträge, die die Gefahr von SARS-CoV-2 herunterspielten oder Impfungen anzweifelten, während das russische Originalpublikum zur Impfung aufgerufen wurde.

Verbindungen zu weiteren Desinformationsvorwürfen

RT und mit ihr verbundene Akteure wurden wiederholt mit der Verbreitung sogenannter „grauer Nachrichten“ in Verbindung gebracht. So wurde etwa zur Zika-Epidemie in Brasilien 2016 die unbewiesene These aufgegriffen, genetisch veränderte Mücken eines britischen Biotech-Unternehmens seien für die Virus-Ausbreitung verantwortlich. Bei der Lyme-Borreliose wiederholte RT die Spekulation, das Bakterium könne aus einem angeblich geheimen US-Biowaffenprogramm auf der Insel Plum Island stammen. Auch zum Erdbeben auf Haiti 2010 zitierte RT spanische und venezolanische Medien, die von angeblichen US-Navy-Waffentests berichteten, ohne die zirkulären Querverweise offenzulegen. Die Plattform „New Samizdat“, offiziell von RT gesponsert, verbreitet neben klassischen Nachrichten auch Inhalte von Blogs wie Zero Hedge oder Breitbart News und inszeniert sich selbst als „Zensurbrecher“. Die 2022 in den USA aufgedeckte Tenet Media erhielt laut Anklage zehn Millionen Dollar aus Russland, um über verdeckt bezahlte US-Influencer politische Inhalte zu platzieren.

Medienpolitische Einordnung und Ausblick

Die Finanzierung durch den russischen Staat, das Fehlen klassischer Werbeerlöse und die enge personelle Verflechtung mit staatlichen Medienholdingstrukturen führen regelmäßig zur Einordnung von RT als „Staatsmedium“. Westliche Regulierungsbehörden betonen, dass RT im Vergleich zu öffentlich-rechtlichen Auslandsangeboten wie BBC World News oder Deutsche Welle nicht über vergleichbare redaktielle Unabhängigkeit verfüge. Die wiederholten Sanktionen, die Sperrung von Werbekonten durch soziale Netzwerke und die Entfernung einzelner Kanäle aus Plattform-Indexlisten verdeutlichen, dass der Sendernetzwerk-Ansatz auch mit wachsenden Restriktionen konfrontiert ist. Gleichzeitig zeigt die Gründung neuer, formal unabhängiger digitaler Kanäle wie „Portable TV“ oder „redfish“, dass RT seine Strategie auf dezentrale, mobilfokussierte Formate ausweitet. Die langfristige Wirkung auf internationale Mediennarrative bleibt Gegenstand politischer und wissenschaftlicher Analyse.

Weblinks

  1. Spiegel: Propaganda im Wissenschaftsgewand
  2. Tagesspiegel: Russia Today will verunsichern
  3. Tagesschau Faktenfinder: RT im Fokus
  4. FAZ: Twitter wirft RT und Sputnik als Werbekunden raus
  5. n-tv: Was ich vom Kreml-Fernsehen gelernt habe

Einzelnachweise

  1. US Department of Justice: RT-Produktionsfirma als Foreign Agent registriert
  2. Bellingcat: Russisches Verteidigungsministerium präsentierte gefälschte MH17-Beweise
  3. BBC: RT und Ofcom-Sanktionen
  4. n-tv: Impfgegner in Deutschland, Impfwerbung in Russland