AUF1 TV
Der 2021 gegründete Internet-TV-Sender AUF1 aus Linz erreicht täglich Zehntausende Zuschauer*innen, finanziert sich über Spenden und einen eigenen Verlag. Behörden in Deutschland und Österreich untersuchen das Programm wegen Verdachts auf rechtsextreme Agitation.
Gründung, rechtliche Form und Geschäftsführung

Am 31. Mai 2021 ging der Internet-TV-Sender AUF1 TV online. Betrieben wird das Projekt von der 4MT Holding GmbH mit Sitz in Linz, deren Geschäftsführer Stefan Magnet (* 1984) zugleich als Herausgeber und Chefredakteur fungiert. Magnet war nach Recherchen mehrerer Medien Anfang der 2000er Jahre Mitglied im neonazistischen „Bund freier Jugend“ und trat wiederholt bei Veranstaltungen der NPD auf. Die Redaktion arbeitet von Beginn an mit einem festen Kern von Moderator*innen und einem wechselnden Pool an freien Mitarbeitenden. Teilweise übernehmen Funktionäre der FPÖ oder ehemalige Redakteure von „Wochenblick“ Moderationsaufträge. Die Postanschrift des Senders deckt sich mit jener des Portals Report24, das ebenfalls auf Magnet zurückgeführt wird. Während der Corona-Pandemie beantragte die 4MT Holding GmbH bei der österreichischen Wirtschaftsagentur Corona-Hilfen in Höhe von rund 130.000 Euro, obwohl Magnet die Pandemie in Beiträgen wiederholt als „Fake“ bezeichnete.
Finanzierungsmix: Spenden, Shop und ein eigener Verlag

AUF1 gibt an, sich ausschließlich über Spenden an den eingetragenen Verein „Verein für basisgetragene, selbstbestimmte, pluralistische und unabhängige Medienvielfalt“ zu finanzieren. Seit Sommer 2021 musste der Verein nach Angaben des Senders mindestens neun Girokonten schließen, weil Kreditinstitute die Zusammenarbeit kündigten. Aktuell wirbt AUF1 für ein Konto des britischen Vereins „Verein für Vielfalt und Objektivität“. Parallel vertreibt der Sender über einen eigenen Online-Shop Nahrungsergänzungsmittel, Bücher und das Desinfektionsmittel Chlordioxid, das in mehreren Staaten nicht als Arzneimittel zugelassen ist. Hersteller ist die Narayana Verlags GmbH, die unter der Marke „Unimedica“ auch kolloidales Lithium anbietet. Den Vertrieb von Büchern übernahm der 2021 gegründete „Pionier Verlag“, dessen Programm Titel wie „Rechtsextrem? Oder: Unkorrekt aber richtig!“ oder „Der vertuschte Völkermord an den Deutschen“ umfasst. Autoren sind neben Stefan Magnet dessen Ehefrau Elsa Mittmannsgruber, der Verschwörungsautor Guido Grandt sowie der ehemalige Compact-Autor Mario Kandil.
Inhalte: Klima, Corona, Ukraine und Organtransplantation

Das Programmschema von AUF1 sieht tagesaktuelle Magazine, Talkrunden und Dokumentationen vor. Schwerpunkte sind die Leugnung des menschengemachten Klimawandels, die Kritik an Corona-Schutzmaßnahmen und Impfstoffen sowie die Darstellung des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine als „Stellvertreterkrieg“ der NATO. Im Frühjahr 2023 startete die Senderedaktion eine Serie unter dem Titel „Krisenvorsorge“, in der Prepper-Tipps und Vorratskäufe propagiert werden. Seit 2025 wirbt AUF1 mit der Kampagne „Mord im OP“ gegen Organtransplantationen und bezeichnet Spender*innen und Ärzt*innen als „Schlachthof-Personal“. Im November 2025 bezeichnete der interviewte Arzt Johannes Huber mRNA-Impfstoffe als „luftübertragbar“ und behauptete, es komme dadurch zu „Wesensveränderungen“ der Bevölkerung. Das Recherchekollektiv Correctiv dokumentierte zudem wiederholt Falschmeldungen zum Meeresspiegel-Anstieg und zur Arktis-Eisforschung.
Kooperationen und Personal in Deutschland
Seit Herbst 2022 produziert AUF1 die Sendung „Berlin Mitte AUF1“ mit eigenem Studio in der deutschen Hauptstadt. Als Deutschland-Korrespondent fungiert Martin Müller-Mertens, der zuvor als TV-Chef des vom Verfassungsschutz beobachteten Magazins „Compact“ tätig war. Als Kameramann arbeitet länger der Aktivist Simon Kaupert, der der Gruppe „Ein Prozent“ zugerechnet wird. Gastgeber der Berliner Formate ist häufig der ehemalige NPD-Funktionär Thomas Eglinski. Weitere wiederkehrende Interviewpartner sind der Verschwörungstheoretiker Oliver Janich, der Putin-Biograf Thomas Röper sowie der ehemalige DDR-Diplomat Patrik Baab. Im Sommer 2023 trat Andreas Kalcker auf, der Chlordioxid als „Wundermittel“ gegen Krebs, Autismus und Alzheimer bewarb. Die Moderation übernahm Isabelle Janotka, die zuvor als Fitnesstrainerin tätig war. Im August 2024 richtete AUF1 beim sogenannten „Anti-Zensur-Kongress“ des Schweizer Aktivisten Ivo Sasek in Kassel ein eigenes Büro ein.
Verbreitungswege und behördliche Maßnahmen
Bis Mitte 2023 war AUF1 ausschließlich über Webportale, Telegram und Videoplattformen empfangbar. Im Juli 2023 erwarb der Sender Sendezeit beim deutschen Kleinstsender „SchwarzRotGold TV“ (SRGT), der über den Astra-Satellit ausgestrahlt wird. Betreiber von SRGT ist der Stuttgarter Internist Wilfried Geissler, der 2019 für die AfD zur Regionalversammlung kandidierte. Die baden-württembergische Landesmedienanstalt untersagte im November 2023 die weitere Ausstrahlung, weil SRGT seine redaktionelle Eigenverantwortung an AUF1 abgetreten hatte. Gegen Geissler wurde ein Bußgeld von rund 195.000 Euro verhängt – ungefähr die Summe, die AUF1 für die Sendezeit gezahlt hatte. Im März 2024 stellte Geissler den Betrieb von SRGT ein und gab an, 100.000 Euro Verlust verbucht zu haben. Die österreichische Rundfunkbehörde KommAustria leitete ebenfalls ein Verfahren, weil AUF1 monatelang Sendefenster eines lokalen Linzer TV-Senders ohne Lizenz nutzte.
Verfassungsschutz und wissenschaftliche Einordnung
Im Verfassungsschutzbericht 2024 führt das Bundesamt für Verfassungsschutz AUF1 als „rechtsextremistischen Verdachtsfall“. Das Gutachten attestiert dem Sender die Verbreitung „minderheiten-, islam- und muslimfeindlicher Inhalte“, die Nutzung „rassistischer Stereotype“ sowie die Verbreitung „antisemitisch konnotierter Verschwörungstheorien“. AUF1 nehme „eine Scharnierfunktion zwischen extremistischen und nicht extremistischen Spektren“ ein und versuche, „Rezipienten niederschwellig für die eigenen Ansichten zu gewinnen“. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) zeigt in einer Studie aus dem Jahr 2025, dass AUF1-Beiträge wiederholt revisionistische Positionen zur deutschen Nachkriegsgeschichte aufgreifen. Die Medienwissenschaftlerin Sylvia Kritzinger von der Universität Wien ordnet AUF1 in das europäische Netzwerk sogenannter „Parallelmedien“ ein, das seit 2020 systematisch alternativen Nachrichtenraum jenseits etablierter Redaktionsstandards schaffe.