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Prahlad Jani

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 23:06 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Prahlad Jani» angelegt/aktualisiert)
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Der indische Asket Prahlad Jani behauptete rund acht Jahrzehnte ohne Nahrung und Wasser gelebt zu haben. Zwei hospitalbasierte Beobachtungsstudien sollen seine Behauptung untermauern, doch unabhängige Wissenschaftler zweifeln die Ergebnisse vehement an.

Lebensgeschichte und religiöse Selbstdarstellung

Lebensgeschichte und religiöse Selbstdarstellung

Prahlad Jani, bei Anhängern auch „Mataji“ genannt, wurde am 13. August 1929 im Dorf Charada im indischen Bundesstaat Gujarat geboren. Nach eigenen Angaben verließ er mit sieben Jahren sein Elternhaus und zog als Wandermönch umher. Mit elf Jahren – andere Versionen sprechen vom achten Lebensjahr – habe er eine göttliche Vision der Göttin Amba erhalten, woraufhin jegliches Verlangen nach Essen und Trinken verschwand. Seitdem bestehe seine Ernährung laut Glaubensvorstellung ausschließlich auf einem „Amrit“-Nektar, der durch eine Öffnung im Gaumen in seinen Körper fließe. Jani zufolge habe er seit dieser Erfahrung weder Urin noch Stuhlgang abgesetzt, sei nie erkrankt, niemals verschwitzt und besitze ein potenzielles Lebensalter zwischen 1.000 und 10.000 Jahren. Als Sadhu der Durga-Tradition praktizierte er jahrelang Stillschweigen (Maunbrat) und meditierte täglich mehrere Stunden. Trotz der asketischen Selbstschilderung existieren Videoaufnahmen, die ihn in einer kleinen Wohnung mit Kühlschrank zeigen; Journalist*innen berichten, dass Helfer den Zugang zu dem Gerät verwehrten, wenn Nachfragen aufkamen.

Klinische Studien 2003 und 2010

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Das medizinische Interesse richtete sich auf zwei hospitalisierte Überwachungszeiträume. Vom 13. bis 22. November 2003 unterzog sich Jani im Sterling Hospital von Ahmedabad einem neuntägigen Versuch unter Leitung des Neurologen Sudhir V. Shah. Eine Kammer mit Glastür und eine versiegelte Toilette sollten Manipulationen ausschließen. Messdaten ergaben eine Herzfrequenz von 42–46 Schlägen pro Minute, einen Blutdruck um 114/80 mmHg und eine Atemfrequenz von 12–16 Zügen pro Minute. Laborwerte zeigten einen kontinuierlichen Anstieg von Harnstoff, Natrium, Chlorid und Harnsäure, während der Blutzucker sank. Ultraschallkontrollen dokumentierten bis zu 120 Milliliter Urin in der Blase, die laut Protokoll „auf unbekannte Weise“ verschwanden. Das Körpergewicht schwankte laut Teildaten zwischen 42 kg und 38 kg, was einem BMI von 16,9 bei 1,50 m Körpergröße entspricht. Eine vollständige Publikation in einem begutachteten Journal erfolgte nicht; Ergebnisse wurden auf Pressekonferenzen und in Powerpoint-Präsentationen verbreitet. Im April 2010 wiederholte Shahs Team eine 15-tägige Beobachtung mit Unterstützung des Defence Institute of Physiology and Allied Sciences (DIPAS). Offizielle Labordokumentation liegt ebenfalls nicht vor; lediglich Pressemitteilungen kündigten an, Daten „zu gegebener Zeit“ zu veröffentlichen. Die indische Medical Council of India (MCI) äußerte intern, die Vorgehensweise sei „wissenschaftlich falsch“, ein Mensch könne nicht jahrelang ohne Flüssigkeit überleben.

Kritik und alternative Erklärungsansätze

Kritik und alternative Erklärungsansätze

Internationale Ernährungsexperten halten anhaltendes Inedia für physiologisch unmöglich. Der australische Ernährungswissenschaftler Peter Clifton verwies auf Daten von Hungerstreikenden und Schiffbrüchigen: Ohne Wasser seien zehn Tage die absolute Grenze, ohne Nahrung bei ausreichender Flüssigkeit maximal 100–120 Tage überlebbar. Clifton betonte, dass selbst ein „heruntergefahrener“ Stoffwechsel den Grundumsatz nicht unterschreiten könne; essentielle Vitamine, Mineralstoffe und Kohlenstoffquellen müssten irgendwie zugeführt werden. Die Indian Rationalist Association bezeichnete Jani als „Dorf-Scharlatan“ und verwies auf wiederholte Entlarvungen vermeintlicher Wunderfastender, bei denen heimliche Nahrungsaufnahme nachgewiesen wurde. Augenzeugen zufolge sei Jani in früheren Jahren beim Trinken beobachtet worden. Skeptiker vermuten, dass Wasser über traditionelle Yoga-Reinigungstechniken wie Jala-Basti (Einziehen von Wasser in den Enddarm) oder über unbeobachtete Mundspülungen aufgenommen wurde. Die Möglichkeit, während der Testphase nachts oder abseits der Kameras kleine Nahrungsmengen zu sich zu nehmen, könne aufgrund lückenhafter Videoüberwachung nicht ausgeschlossen werden.

Rezeption und mediale Aufmerksamkeit

Berichte über Jani erschienen in Der Spiegel, Stern, BBC und Sydney Morning Herald. Der österreichische Dokumentarfilm „Am Anfang war das Licht“ (2010) stellte ihn als Beleg für angeblich lichtgestützte Ernährung vor. Der Discovery Channel sendete 2006 eine Reportage, die das Phänomen international bekannt machte. Der US-Illusionist James Randi bot 2010 über seine James Randi Educational Foundation ein Preisgeld von einer Million US-Dollar für einen unter kontrollierten Bedingungen bestätigten Nachweis an. Eine Einigung über ein Protokoll wurde nicht erzielt. Nachdem Jani am 26. Mai 2020 im Alter von 90 Jahren an Altersschwäche verstarb, bewerteten Wissenschaftler das Kapitel als abgeschlossen: Keine unabhängige Studie habe je eine photosynthetische oder sonstige autotrophe Energiegewinnung beim Menschen bestätigt. Die Datenlage bleibe auf interne Protokolle und Pressekonferenzen beschränkt, was nach wissenschaftlichen Maßstäben kein Beweis für anhaltendes Dauerfasten sei.

Weblinks

  1. EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Meister des Nichts – DER SPIEGEL, 27.09.2010
  2. BBC-Bericht über Prahlad Jani
  3. Sydney Morning Herald: Yogi beaten by bear necessities of life without food, 14.05.2010

Veröffentlichungen

Einzelnachweise

  1. Sudhir V. Shah, Case Study Mataji – Internes Protokoll 2003 (PDF)
  2. Spiegel Online: Indien-Prahlad Jani ist tot, 27.05.2020