Zum Inhalt springen
Das offene Wiki zur kritischen Einordnung von Pseudowissenschaft, Verschwörungserzählungen und Desinformation im deutschsprachigen Raum — 401 Artikel mit transparenten Quellen und dokumentiertem Korrekturrecht.

Voice of Europe

Aus Faktenradar
Version vom 3. Mai 2026, 19:44 Uhr von Admin (Diskussion | Beiträge) (Neuer Artikel: Voice of Europe)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Voice of Europe

Geschichte und Entwicklung

Die Domain „voiceofeurope.com“ wurde 2002 registriert, doch erst ab 2017 erschien dieselbe Adresse als selbsternannte „uncensored news“-Plattform. Die Seite präsentierte sich fortan als alternatives Nachrichtenportal, das „die Stimme der Bürger gegen die Mainstream-Medien“ sein wollte. Tschechische Medien berichten, dass 2020 eine kurze Unterbrechung erfolgte, weil Hosting-Anbieter wiederholt Falschmeldungen beanstandeten. Im Frühjahr 2023 ging das Portal erneut online, diesmal mit professionellerem Layout und redaktionellem Anspruch. Die Inhalte erschienen fortan in 14 Sprachen, darunter Deutsch, Niederländisch, Polnisch und Russisch.

Am 27. März 2024 ordnete die tschechische Regierung die Sperrung der Website an; binnen weniger Stunden war „Voice of Europe“ aus dem tschechischen Netz verschwunden. Die Betreiber reagierten prompt und meldeten die Domain für April 2024 auf den kasachischen Provider „ghost.kz“ um. Seitdem ist das Portal weiter erreichbar, allerdings mit merklich geringerem Traffic, weil soziale Medien die neuen Links sperren oder herabstufen.

Voice of Europe

Inhaltliche Ausrichtung und Methodik

Die redaktionelle Linie ist klar erkennbar: Die europäische Union und NATO werden als „imperial“ kritisiert, Russlands Krieg gegen die Ukraine als „Spezialoperation“ relativiert, Migration als „Bevölkerungsersatz“ denunziert. Typische Beiträge übernehmen Meldungen des deutschen Compact-Magazins oder des niederländischen Bloggers Daan van Seventer fast wörtlich. Dabei mischt das Portal durchaus korrekte Nachrichten mit deutlich verzerrten oder frei erfundenen Stories.

Ein Beispiel: Nach dem Frachter-Unfall im Baltimore-Hafen behauptete VoE am selben Tag, die Brückeneinstürze sei „ein von US-Geheimdiensten inszenierter Anschlag“ gewesen, weil angeblich Sprengspuren gefunden worden seien. US-Behörden und unabhängige Experten wiesen dies umgehend zurück, doch der Artikel blieb online und wurde in sozialen Netzwerken tausendfach geteilt. Ähnlich lief es bei Berichten über das Aschura-Fest in Berlin, bei denen ein fremdes Video als „Massenschlägerei zwischen Clans“ präsentiert wurde. Auch Corona-Themen bedient das Portal mit Meldungen über angeblich vertuschte Impfschäden.

Die Verbreitung erfolgt klassisch crossmedial: Der Telegram-Kanal zählt rund 1.500 Abonnenten, auf X (ehemals Twitter) erreichen einzelne Posts durch Retweets von rechtspopulistischen Influencern zeitweise mehrere hunderttausend Sichtkontakte. Der Facebook-Auftritt wurde wiederholt gesperrt und unter neuen URLs wieder eröffnet; aktuell sind dort die Links weitgehend blockiert.

Betreiber und Hintermänner

Trotz journalistischem Anspruch liefert „Voice of Europe“ kein Impressum mit Namen oder Adresse. Recherchen des tschechischen Investigativportals „HlidacíPes“ und des niederländischen Programmes „Nieuwsuur“ legen nahe, dass Artem Marchevskyi die inhaltliche Leitung übernimmt. Der 1985 geborene Ukrainer mit israelischem Pass trat früher als „Berater“ für den pro-russischen ukrainischen Oligarchen Viktor Medvedchuk auf. Medvedchuk wiederum galt jahrelang als „Putins Mann in Kiew“ und stand bis 2021 unter US-Sanktionen.

Offiziell firmierte „Voice of Europe“ als tschechische Limited (Voice of Europe s.r.o., IČO 05185327) mit Sitz in der Chotešovská Straße 680/1 im Norden Prags. Geschäftsführer war der Pole Jan Jakubczyk, zuvor als Kleinunternehmer in Warschau gemeldet. Nach der Abschaltung im März 2024 tauchte die Gesellschaft in Handelsregistern nicht mehr auf; Jakubczyk ließ keine Kommentare ab.

Parallel existiert eine niederländische Spur: Der 1995 geborene Daan van Seventer aus Dronten betreute die niederländische Sprachversion, buchte Übersetzer und schaltete Werbung. Ob er formell Geschäftsanteile hält, ist unklar. Weitere Namen, die in internen Chat-Protokollen auftauchen, sind die Amsterdamer Immobilieninvestoren Erik de Vlieger und Annemiek Ploumen. Beide bestreiten, finanzielle Anteile zu halten; sie hatten laut niederländischem Geheimdienst AIVD jedoch wiederholt Kontakt zu van Seventer.

Voice of Europe

Finanzierung und Geldflüsse

Auf der Webseite selbst findet sich ein Spendenbutton sowie Bannerwerbung für Budweiser-Bier und VPN-Dienste. Einnahmen daraus reichen nach Einschätzung europäischer Behörden kaum zur Deckung der Kosten für Übersetzer, Server und Recherche-Reisen. Daher steht der Verdacht im Raum, dass sich hinter den Spendengeldern russische Geldgeber verbergen. Die tschechische Nachrichtenagentur CTK berichtete, dass Kontoauszüge aus dem Jahr 2023 wiederkehrende Einzahlungen aus Budapest auffällig machten. Die ungarische „Foundation for European Citizens“ steht seit 2022 unter Beobachtung, weil sie laut EU-Parlament Gelder aus unklaren Quellen an europäische Desinformationsprojekte weitergibt.

Noch brisanter sind Zahlungen an Politiker. Bei Razzien in Polen stellten Ermittler Anfang März 2024 in Büros in Warschau und Tychy insgesamt 760.000 Euro Bargeld sicher. Teilweise in Kleinstückelung, teils in Kryptowährung (Monero) auf Hardware-Wallets. Laut polnischen Medien stammen die Gelder aus einem Netzwerk, das „Voice of Europe“ als „Marketing-Budget“ nutzte. Betroffen sind vor allem deutsche und niederländische Abgeordnete. So soll dem AfD-Europaabgeordneten Petr Bystron laut Spiegel-Recherche 120.000 Euro für ein Interview und die Verbreitung von Wahlwerbe-Videos über VoE-Kanäle gezahlt worden sein. Bystron bestreitet die Annahme von Geld; die Staatsanwaltschaft München I ermittelt wegen des Verdachts der Bestechlichkeit.

Politische Verbindungen und Einflussnahme

Das Portal pflegt enge Kontakte zur europäischen Rechten. Neben zahlreichen Kurzinterviews mit Geert Wilders (PVV) oder Filip Dewinter (Vlaams Belang) erschien 2023 ein ausführliches Gespräch mit dem deutschen AfD-Spitzenkandidaten Maximilian Krah. Aufnahmen zeigen Krah und Bystron bei einem Treffen mit Viktor Medvedchuk im April 2021 in Kiew. „Voice of Europe“ veröffentlichte daraus ein Video, in dem Krah die Ukraine als „failed state“ bezeichnete und EU-Sanktionen gegen Russland ablehnte.

Kurz vor der Europawahl 2024 luden VoE-Redakteure mehrere rechtspopulistische Kandidaten zu einer „alternativen Pressekonferenz“ nach Prag ein. Die Veranstaltung fiel klein aus – neben einigen freien Journalisten erschien nur eine Handvoll Abgeordneter – doch die Clips kursierten anschließend in sozialen Medien als vermeintliche „Exklusiv-Interviews“. EU-Antidisinformations-Dienst EUvsDisinfo wertet dies als gezielten Versuch, durch Pseudo-Journalismus Legitimität zu erzeugen.

Rechtliche Maßnahmen und Sanktionen

Am 27. März 2024 unterzeichnete der tschechische Außenminister Jan Lipavský ein Sanktionspaket gegen zwei natürliche Personen und fünf Firmen. Betroffen sind Artem Marchevskyi, Viktor Medvedchuk sowie die Gesellschaft Voice of Europe s.r.o. Das Ministerium begründete den Schritt mit dem Vorwurf der „systematischen Untergrabung der Souveränität und territorialen Integrität der Ukraine“. Konkret bedeuteten die Maßnahmen ein sofortiges Vermögens-Freeze und ein Einreiseverbot in die EU für die genannten Personen.

Die tschechische Polizei leitete zudem ein Ermittlungsverfahren wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung und Geldwäsche“ ein. Parallel durchsuchte die polnische Zentralstaatsanwaltschaft Räume in Warschau und Tychy. Bei den Durchsuchungen fanden sich nicht nur Bargeld, sondern auch USB-Sticks mit internen VoE-Kommunikationen. Die Auswertung läuft noch, doch erste Mitschnitte bestätigen laufende Absprachen mit russischen PR-Agenturen.

Auf EU-Ebene zogen die Außenminister im Mai 2024 die Reihenschaltung nach: „Voice of Europe“ landete auf der Sanktionsliste der Europäischen Union, was ein vollständiges Verbot von Dienstleistungen, Hosting und Werbung in der EU nach sich zieht. Betroffen sind auch alle Unterstützer, die das Portal weiterhin finanzieren oder mit Inhalten beliefern. Der Druck wirkt: Mehrere europäische Dienstleister kündigten binnen Tagen ihre Serververträge, sodass die Seite zwischenzeitlich nur noch über das kasachische Netz erreichbar war.

Voice of Europe

Einordnung durch Behörden und Medien

Michel Koudelka, Direktor des tschechischen Geheimdienstes BIS, bezeichnete „Voice of Europe“ in seinem Jahresbericht 2023 als „klares Beispiel für staatlich gesteuerte ausländische Einflussnahme“. Das Portal sei Teil eines „hybriden Angriffs“, der die öffentliche Meinung in der EU destabilisieren solle. Die niederländische Generalstaatsanwaltschaft wiederum leitete ein Strafverfahren wegen „heimlicher Beeinflussung von Abgeordneten“ ein.

Medienwissenschaftler analysierten die Inhalte und kamen zu dem Schluss, dass VoE klassische Propaganda-Techniken nutze: Emotionalisierung durch Überschriften in Großbuchstaben, Whataboutism („Und was ist mit …?“) sowie gezielte Verbreitung halbwahrer Informationen in Foren, um anschließend als „Quelle“ darauf zu verweisen. Die deutsche Wikipedia listet das Portal unter dem Stichwort „Pro-russisches Propagandaportal“, die niederländische Wikipedia nennt es „rechtsextremistisch“, weil es wiederholt fremdenfeindliche Verschwörungserzählungen verbreite.

Für die Europäische Union markiert der Fall „Voice of Europe“ eine neue Eskalationsstufe: Erstmals liegt der Verdacht auf gezielter Bestechung von EU-Parlamentarischern durch ein ausländisches Medienprojekt vor. Die laufenden Ermittlungen in Polen, Deutschland und Tschechien könnten weitere Details zur Finanzierungskette offenlegen – und damit über den konkreten Portal-Namen hinaus das ganze Ökosystem pro-russischer Einflussoperationen in Europa sichtbar machen.

Weblinks