Zum Inhalt springen
Das offene Wiki zur kritischen Einordnung von Pseudowissenschaft, Verschwörungserzählungen und Desinformation im deutschsprachigen Raum — 401 Artikel mit transparenten Quellen und dokumentiertem Korrekturrecht.

Bicarbonat-Therapie nach Simoncini

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 23:12 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Bicarbonat-Therapie nach Simoncini» angelegt/aktualisiert)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Die These, Krebs sei eine Pilzinfektion und mit Natriumbicarbonat heilbar, verbreitete sich ab 2003 über das Internet. Mehrere Todesfälle führten zu Gerichtsverfahren. Eine Analyse der Methode, ihrer Anhänger und ihrer Folgen.

Ausgangspunkt: Krebs als „Mykose“ und Backpulver als Medikament

Ausgangspunkt: Krebs als „Mykose“ und Backpulver als Medikament

Der römische ehemalige Arzt Tullio Simoncini vertritt seit Beginn der 2000er-Jahre die Auffassung, sämtliche Krebsformen würden von dem Hefepilz Candida albicans verursacht. Er bezeichnet Tumore deshalb als „Fungusbefall“ und empfiehlt als Gegenmaßnahme Infusionen von Natriumbicarbonat – einem gängigen Backpulverbestandteil. Die Substanz soll demnach den pH-Wert im Gewebe anheben und die vermeintlichen Pilzkolonien abtöten. Diese Lehre steht im Widerspruch zur etablierten Onkologie: In Studien findet sich kein Nachweis für eine kausale Rolle von Candida bei der Tumorentstehung, und Natriumbicarbonat ist weder zytostatisch noch immunmodulatorisch wirksam. Dennoch verbreitete sich das Konzept vor allem über Internetseiten, alternative Medien und Gesprächskreise, die Simoncini als Pionier darstellten.

Geschäftsmodell, Preise und Marketingstrategien

Geschäftsmodell, Preise und Marketingstrategien

Simoncini bot seine Behandlung zunächst in einer eigenen Praxis in Rom an, später in Privatkliniken des Auslands. Patienten zahlten längere Zeit 7.750 Euro für das eigentliche Verfahren sowie bis zu 3.700 Euro für begleitende Aufenthalte. Die Abrechnung erfolgte bar und ohne Mehrwertsteuer, wie 2005 verdeckte Aufnahmen des italienischen Magazins „Striscia la notizia“ zeigten. Nach mehrfacher Verurteilung verlagerte Simoncini seine Aktivitäten in die Niederlande, nach Südafrika und nach Albanien, wo er mit lokalen Kooperationspartnern arbeitete. In Deutschland wurde die Methode über Vereine wie „Menschen gegen Krebs“ und das „NEXUS Magazin“ beworben; Seminare für Laien und Therapeuten kosteten mehrere hundert Euro pro Teilnehmer. Einzelne niedergelassene Ärzte übernahmen das Verfahren und injizierten Natriumbicarbonat ambulant, obwohl dafür keine Zulassung besteht.

Todesfälle und strafrechtliche Verfahren in Italien

Todesfälle und strafrechtliche Verfahren in Italien

Bereits 2003 kam es zu drei Todesfällen unmittelbar nach Bicarbonat-Infusionen. Ein 34-jähriger Darmkrebspatient erlitt eine Perforation des Tumors und verblutete; zwei weitere Patientinnen starben nach intravenöser Gabe von Natriumbicarbonat an Herz-Kreislauf-Versagen. Ein römisches Gericht verurteilte Simoncini wegen Betrugs in drei Fällen und wegen fahrlässiger Tötung in einem Fall; die Berufung bestätigte 2006 eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und vier Monaten. Die italienische Ärztekammer entzog ihm die Approbation. Im Oktober 2012 behandelte Simoncini gemeinsam mit dem Radiologen Roberto Gandini einen 27-jährigen Hirntumor-Patienten in Tirana. Bereits nach den ersten 140 ml Bicarbonat-Infusion fiel der Mann ins Koma; er starb zwei Tage später an einer schweren medikamentösen Alkalose und einem Lungenödem. Ein weiteres römisches Urteil vom 15. Januar 2018 sprach Simoncini wegen unerlaubter Ausübung der Heilkunde und Totschlags eine Haftstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten aus; Gandini erhielt zwei Jahre auf Bewährung.

Weitere dokumentierte Schicksale in Europa und Übersee

In den Niederlanden erlag 2007 eine 58-jährige Brustkrebspatientin einem Herzstillstand, nachdem sie in der Kliniek Berg en Bosch mehrere Bicarbonat-Injektionen erhalten hatte. Die niederländische Gesundheitsbehörde untersagte daraufhin die Therapie. Die 25-jährige Marjolein Bouwman brach eine konventionelle Behandlung ab, ließ sich von Simoncini spritzen und warb anschließend öffentlich für ihn, bis sich Lebermetastasen zeigten; sie verstarb 2008. Ein US-Bürger mit Glioblastom zahlte 28.000 Euro, erlitt unter der Gabe schwere Hirnblutungen und wurde hirntot abgeschaltet. In Schottland reiste der 54-jährige Robert Fyvie nach Rom, nachdem ihm konventionelle Chemotherapie angeboten worden war; fünf Monate später starb er. Der britische Friedensaktivist Brian Haw suchte 2011 in Berlin eine Praxis auf, die Simoncinis Protokoll anwandte; er verstarb ebenfalls wenige Monate später. In allen Fällen berichten Angehörige über hohe Barzahlungen, mangelnde Aufklärung und das Ausbleiben ärztlicher Notfallmaßnahmen, sobald Komplikationen auftraten.

Physiologische Risiken und wissenschaftlicher Kenntnisstand

Natriumbicarbonat wird in der Intensivmedizin kurzfristig bei metabolischer Azidose verabreicht. Unkontrollierte Infusionen führen jedoch rasch zu einer systemischen Alkalose: pH-Werte über 7,55 können Krämpfe, Herzrhythmusstörungen und Koma auslösen. Die als „Heilungsreaktion“ interpretierten Symptome – Übelkeit, Erbrechen, Schwindel – entsprechen genau den Frühzeichen einer solchen Stoffwechselentgleisung. Onkologische Studien, etwa Arbeiten von Ian Robey und Mitarbeitern, untersuchten zwar den Einfluss von Bikarbonat auf den Tumormilieu-pH, doch zeigten Tiermodelle lediglich eine verminderte Metastasierung, keine Tumorremission. Klinische Phase-II- oder Phase-III-Studien mit relevanter Patientenzahl fehlen vollständig. Die Europäische Gesellschaft für medizinische Onkologie (ESMO) und der Krebsinformationsdienst Deutschland warnen ausdrücklich vor der Methode, weil sie Patienten von evidenzbasierter Therapie abhalte und lebensbedrohliche Nebenwirkungen birgt.

Rechtliche Schritte, Warnungen und aktuelle Verbreitung

Nach den Verurteilungen in Italien nahmen auch niederländische, britische und albanische Behörden Ermittlungen auf. Die niederländische Aufsicht IGZ untersagte 2008 jegliche Bicarbonat-Injektion außerhalb intensivmedizinischer Indikationen. In Deutschland veröffentlichte das Bundesamt für Verbraucherschutz 2018 eine Warnung vor „Backpulver-Kuren“ gegen Krebs. Dennoch finden sich weiterhin Internetforen, die Simoncinis Theorie als „systemunterdrückte Wahrheit“ darstellen; zugehörige Produkte werden als Nahrungsergänzung oder Badezusatz vertrieben, um rechtliche Schwierigkeiten zu umgehen. Selbsternannte „Gesundheitsberater“ bieten Online-Kurse an, in denen sie Anleitungen für intravenöse Eigenanwendung geben – ein Vorgang, der in Deutschland nach dem Heilmittelwerbegesetz und der Approbationsordnung strafrechtlich relevant ist. Nach Angaben von Strafverfolgungsbehörden fließt ein erheblicher Teil der Einnahmen über ausländische Konten und Kryptowährungen, was Rückerstattungen für geschädigte Patienten erschwert.

Weblinks

  1. Krebsinformationsdienst zur Backpulver-Methode
  2. Blogbeitrag von Edzard Ernst (englisch)

Veröffentlichungen

Einzelnachweise

  1. Urteil Tribunale di Roma, 15. Januar 2018, Az. 5016/2017: Tullio Simoncini wegen Totschlags und unerlaubter Heilkunde zu 5 Jahren 6 Monaten Haft verurteilt.