Andreas Ludwig Kalcker
Der 1961 geborene Deutsche bewegt sich seit Jahren im Grenzbereich zwischen alternativen Heilversprechen und gesundheitspolizeilichen Warnungen. Fokus seiner Aktivitäten ist das als MMS bekannte Chlordioxid, das er gegen zahlreiche Erkrankungen propagiert – entgegen wissenschaftlicher Evidenz und behördlicher Warnungen.
Herkunft, Titel und frühe Geschäftstätigkeit

Kalcker wuchs in Wuppertal auf; Schulnachweise existieren für die katholische Grundschule Wichlinghauser Straße sowie später für das Carl-Duisberg- und das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium, das er 1979 verließ. Seit 1987 lebte er überwiegend in Spanien, ab 2017 zog er ins Schweizer Rheintal. In seinen Publikationen erscheint er wiederholt als „Dr.“ oder sogar „Prof. a. D.“; zugeordnet werden ihm Doktorgrade in „Alternativmedizin“ und „Biophysik“. Beide Titel stammen laut Recherchen von MedWatch und dem Schweizer Beobachter von der US-amerikanischen Open University of Advanced Sciences Inc., einem Anbieter ohne staatliche Anerkennung, der gegen Zahlung von etwa 1.500 Euro Urkunden ausstellt. Kalcker selbst verwendet die akademischen Prädikate inzwischen nicht mehr öffentlich. Nach eigenen Angaben arbeitete er von 2000 bis 2008 für Investmentdienstleister in Barcelona und gründete 2004 eine Filmproduktionsgesellschaft. Seit 2018 firmiert er in Spanien und der Schweiz in mehreren Gesellschaften, darunter die MEDAlab Research S.L. und die MEDAlab Swiss GmbH, jeweils mit Sitz entlang der spanisch-schweizerischen Achse.
Netzwerke, Vereine und Forschungsvorhaben

Über die Schweizer Aktiengesellschaft „Schweizer Zentrum für wissenschaftliche Forschung, Innovation und Entwicklung“ (SZWFIE) versuchte Kalcker 2018, Chlordioxid in die pharmazeutische Wertschöpfung zu bringen. Die SZWFIE bezahlte ihm monatlich 10.000 Schweizer Franken, stellte einen Dienstwagen und ein angebliches Labor in Grabs SG zur Verfügung. Wissenschaftliche Publikationen entstanden nicht; 2019 meldete die Gesellschaft Konkurs an. Investor Samuel Gauro und die Pharmahändlerin Boyka Angelov verloren nach Angaben des Beobachter rund 450.000 Franken. Parallel gründete Kalcker 2020 den „Liechtensteiner Verein für Wissenschaft und Gesundheit“ (LVWG), der nach eigenen Angaben „hochreine, elektrolytisch hergestellte und pH-neutrale Oxidantien“ erforschen will. Ebenfalls 2020 entstand in Heiden AR der „Schweizer Verein für naturwissenschaftliche Biophysik“ (SVNB), dessen Webauftritt sich durchgängig in Ich-Form auf Kalcker bezieht. Beide Vereine vertreiben über ihre Homepages „Desinfektionsmittel“ und Geräte, ohne dass eine staatliche Zulassung als Apotheke oder Hersteller von Arzneimitteln erkennbar ist.
Bücher, Seminare und das „Kalcker Institut“

Kalcker ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Forbidden Health“ (englisch) und die deutsche Übersetzung „Gesundheit verboten – unheilbar war gestern“, die der Kopp-Verlag vertreibt. Darin empfiehlt er Chlordioxid unter anderem bei Autismus, Krebs und Autoimmunerkrankungen. Amazon entfernte die Titel 2019 aus dem Sortiment, nachdem MedWatch auf die gesundheitsgefährdende Scharlatanerie hingewiesen hatte. Über das eigenbetriebene „Kalcker Institut“ in Sax/Schweiz vertreibt er Online-Kurse für 600 Euro, die Teilnehmer nach 24 Videos zu „Experts in oxidative therapies“ oder „Official Master of Expert on Chlorine Dioxide“ machen sollen. Eine Stiftung „Kalcker International Foundation A. C.“ mit Sitz in Jalisco, Mexiko, wirbt für Spenden für ein 1.500 m² großes „Forschungszentrum“ mit Labor, Schulungsräumen und Therapieabteilungen. Nachweisliche Publikationen in anerkannten Fachjournalen sind bislang nicht aufgetaucht.
MMS als Wundermittel: Behauptungen und Gegenreaktionen
Zentrales Thema von Kalckers Vorträgen und Publikationen ist das „Miracle Mineral Supplement“ (MMS), eine Chlordioxid-lösung, die ursprünglich von dem US-Amerikaner Jim Humble beworben wurde. Kalcker behauptet, MMS heile „95 Prozent aller Krankheiten“, darunter Arthritis, Autismus, Krebs, Ebola und Malaria. In Foren berichtet er anekdotisch von „geretteten Menschenleben“ in Haiti, der Kalahari und Europa. Bei Kongressen empfahl er Eltern, autistischen Kindern Chlordioxid einzuflößen oder als Klysmas zu verabreichen. Die spanische Organisation CEPAMA (Comité para la Promoción y Apoyo de la Mujer Autista) sammelte 136.000 Unterschriften gegen solche Praktiken und übergab sie 2018 an das spanische Gesundheitsministerium. Daraufhin erstattete die Behörde Strafanzeige gegen mehrere MMS-Anbieter. Der RBB zeigte 2014 in „Kontraste“, wie Kalcker einem angeblich an Darmkrebs erkrankten Vater riet, eine notwendige Operation auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Der Berliner Onkologe Uwe Peters kommentierte, Patienten verlieren möglicherweise die Zeit, in der eine Heilung noch möglich wäre.
Chlordioxid in der Covid-19-Pandemie
Nach Ausbruch von SARS-CoV-2 bewarb Kalcker Chlordioxid als Prophylaxe und Therapie gegen Covid-19. In einem im März 2020 verbreiteten Papier beschrieb er orale Einnahme und Infusionen mit CDL („Chlordioxidlösung“). Die kolumbianische Genesis Foundation übernahm die Finanzierung einer Anwendungsbeobachtung, die unter der Studien-ID NCT04343742 in das US-Register ClinicalTrials.gov eingetragen wurde. Die Versuchsleiter Oswaldo Leyva, Eduardo Insignares-Carrione und weitere Mitarbeiter der Foundation bezeichneten das Projekt irrtümlich als „WHO-Studie“. Die Weltgesundheitsorganisation distanzierte sich davon. In mehreren Ländern kam es nach Einnahme von selbst hergestellten Chlordioxid-Produkten zu Vergiftungen. Die US-Gesundheitsbehörde FDA warnte wiederholt vor lebensbedrohlichen Nebenwirkungen. Trotzdem verbreitete Kalcker in Videos und Webinaren Protokolle mit Dosierungstabellen für Erwachsene und Kinder.
Gerichtliche Schritte und aktuelle Entwicklungen
Im September 2021 erstattete die argentinische Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Kalcker wegen „tödlichen Betrugs“; ihm wird vorgeworfen, in Buenos Aires über ein Online-Netzwerk Chlordioxid als „Wundermittel“ gegen Covid-19 und Krebs verkauft zu haben. Die Ermittler berichten von mindestens zwei Todesfällen, die nach Einnahme der Substanz auftraten. Bereits 2018 war der spanische Aktivist Josep Pàmies, ein enger Kooperationspartner Kalckers, zu einer Geldstrafe von 600.000 Euro verurteilt worden, weil er MMS auf Kongressen und im Internet für Autismus, Ebola und Malaria bewarb. In Deutschland forderte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit 2020 die Löschung zahlreicher Online-Angebote, die Chlordioxid als Heilmittel bewarben. Auch nach diesen Maßnahmen hält Kalcker an seiner These fest, Chlordioxid sei „ein universelles Heilprinzip“, das „die mitochondriale Funktion reaktiviert“. Aktuelle Veranstaltungen wie der „World Freedom Forum“-Kongress 2021 in Sitges zeigen, dass seine Anhängerschaft intakt bleibt – entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse und laufender juristischer Prüfung.
Weblinks
- MedWatch-Dossier zu Andreas Kalcker
- Beobachter-Report „Chlordioxid – das Wunderwasser der Glaubigen“
- RBB-Kontraste: „Ätzende Alternativmedizin“ (2014)
- Correctiv-Faktencheck Chlordioxid vs. Coronavirus
- FDA-Warnbrief an Genesis II Church of Health and Healing (Engl.)
Einzelnachweise
- ↑ Beobachter, 2/2021: „Chlordioxid – das Wunderwasser der Glaubigen“
- ↑ El País, 26. 10. 2018: Sanidad investiga la promoción del ‘MMS’ como cura del autismo
- ↑ FDA-Warnung vom 8. 4. 2020: „La FDA advierte empresa que comercializa productos peligrosos“
- ↑ MedWatch, 9. 9. 2021: „Chlordioxid-MMS: Tödlicher Schwindel – Andreas Kalcker angeklagt“
- ↑ La Nación (Argentinien), 6. 9. 2021: „Peligro para la salud ...“