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Anselm Lenz

Aus Faktenradar

Der 1980 in Hamburg geborene Dramaturg und Autor Anselm Lenz gründete 2020 die „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“ und initiierte die sogenannten Hygienedemonstrationen. Seither steht er für verschwörungstheoretische Corona-Proteste, ein eigenes Verlagshaus und zahlreiche Medienauftritte.

Von der Kulturarbeit zur Protestbewegung

Von der Kulturarbeit zur Protestbewegung

Anselm Lenz, 1980 in Hamburg geboren, studierte nach einer Zeit als Marinesoldat Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte. Seit 2006 arbeitet er als freier Dramaturg und war an der Gründung der Bar „Golem“ am Hamburger Fischmarkt beteiligt. Für die Kneipe verfasste er wöchentlich den literarischen Newsletter „Golem Cogitationes“. 2010 bis 2012 entstand gemeinsam mit Sarah Drath das Filmspiel „Taxi Altona“. Als Journalist publizierte er in den Zeitungen taz, Die Welt und junge Welt, teilweise unter Pseudonymen. 2014 gründete er mit Alix Faßmann und Jörg Petzold in Berlin-Neukölln das „Haus Bartleby – Zentrum für Karriereverweigerung“, das sich als kultureller Ort für kritische Diskurse verstand. Das Projekt ruht seit 2017; die verbliebenen Aktiven distanzierten sich 2020 öffentlich von Lenz und seinen späteren politischen Aktivitäten.

Gründung der „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“

Gründung der „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“

Am 24. März 2020, wenige Tage nach dem ersten bundesweiten Lockdown, meldete Lenz beim Amtsgericht Charlottenburg den Verein „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand e. V.“ (KDW) an. Mitgründer waren der Publizist Hendrik Sodenkamp sowie die bis heute nicht öffentlich aufgetretene Batseba N’Diaye, deren Existenz Medienberichten zufolge zweifelhaft ist. Der Verein rief zu wöchentlichen „Hygienedemos“ auf, die zunächst vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stattfanden. Die Kundgebungen richteten sich gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19; Organisatoren bezweifelten die Existenz des Virus oder wiesen dessen Gefährlichkeit zurück. Die Versammlungen zogen von Beginn an Reichsbürger, Impfgegner, Esoterik-Anhänger und Rechtsextreme an, wodurch die ursprünglichen Organisatoren den Ton nicht mehr bestimmten. Die Polizei zählte zeitweise mehrere tausend Teilnehmer; Beobachter sprechen von der größten rechten Straßenmobilisierung seit Pegida.

Medienprojekte und publizistische Netzwerke

Medienprojekte und publizistische Netzwerke

Parallel zu den Demonstrationen baute Lenz ein eigenes Mediennetzwerk auf. Im April 2020 erschien die erste Ausgabe der Zeitung „Der Widerstand“, später in „Demokratischer Widerstand“ umbenannt. Als Herausgeber fungierten zunächst Lenz und Sodenkamp; später wechselten die Namen auf dem Impressum mehrfach. Die Auflage wird von Beteiligten mit 20.000 bis 80.000 Exemplaren angegeben; geplant sei eine Erhöhung auf 100.000. Die Redaktion verortete sich zunächst ohne Absprache in der Volksbühne, die daraufhin rechtliche Schritte androhte. Als Autoren und Interviewpartner wirkten bekannte Verschwörungstheoretiker wie Wolfgang Wodarg, Ken Jebsen und der Rechtsanwalt Beate Bahner mit. Der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen (LMU München) wurde 2023 kurzzeitig als Herausgeber genannt; nach Protesten der Hochschule und Prüfungen durch den bayerischen Verfassungsschutz verschwand sein Name wieder vom Impressum. Der Berliner Verfassungsschutz nahm das Blatt 2022 in den Lagebericht auf und attestiert ihm „Staatsdeligitimierung“ sowie „anhaltende Verbreitung von Falschinformationen“.

Verlagshaus und juristische Auseinandersetzungen

Gemeinsam mit Hendrik Sodenkamp gründete Lenz 2020 die „Sodenkamp & Lenz Verlagshaus GmbH“, an der auch Doro Neidel beteiligt ist. Das Programm umfasst Titel von Autoren wie Gunnar Kaiser, Michael Meyen und dem impfkritischen Arzt Wolfgang Wodarg. Nach dem Bundesverbot des als rechtsextrem eingestuften „Compact“-Magazins im Juli 2024 kündigte der Verlag an, die zensierte August-Ausgabe einmalig nachzudrucken. Lenz selbst wurde wegen eines Beitrags, in dem der ehemalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn als kokainsüchtig bezeichnet wurde, zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 40 Euro (4.800 Euro) verurteilt; das Urteil ist nicht rechtskräftig. Ehemalige Mitarbeiter beenden ihre Zusammenarbeit mit dem Verlag, weil sie „Falschmeldungen und menschenfeindliche Hassrede“ nicht länger mittragen wollten.

Asylantrag und mediale Selbstdarstellung

Am 2. April 2020 stellte Lenz bei der schwedischen Botschaft in Berlin einen Asylantrag, den er mit politischer Verfolgung begründete. Er behauptete, von der taz gekündigt worden zu sein; die Redaktion wies dies zurück, da Lenz lediglich freier Autor gewesen sei. RT Deutsch und Sputnik berichteten umfassend über den Vorstoß. In Interviews bezeichnete Lenz Kritiker als „Speichellecker der Regierung“ und relativierte das Auftreten rechtsextreler Akteure auf seinen Demos mit dem Satz: „In dieser Situation sind für mich nicht die extremen Ränder, sondern die Regierung selbst das Problem.“ Im November 2020 forderte er, statt Theater zu schließen, sollten Menschen aus Risikogruppen „ein positives Verhältnis zum Tod“ entwickeln. Die schwedische Corona-Kommission bewertete 2021 das liberale Pandemie-Management ihres Landes als „zu träge“ und „teilweise fahrlässig“; Studien in Nature attestierte Schweden unter den skandinavischen Ländern die höchste Überschusssterblichkeit.

Weblinks

  1. Correctiv-Recherche zu Russland-Verbindungen der Hygienedemos
  2. Tagesspiegel-Bericht über die Proteste vor der Volksbühne
  3. taz-Überblick zu Verschwörungstheoretiker Anselm Lenz
  4. Fotodokumentation des Recherche Netzwerk Berlin zur Demo am 18.4.2020
  5. Ehemaliger Autor Martin Lejeune über sein Ausstieg aus „Demokratischer Widerstand“

Einzelnachweise

  1. Brusselaers, N. et al.: Evaluation of science advice during the COVID-19 pandemic in Sweden. Humanit Soc Sci Commun 9, 91 (2022). https://doi.org/10.1057/s41599-022-01097-5
  2. Schwedische Regierungskommission: „Sweden in the pandemic – Summary“ (Oktober 2021). https://www.regeringen.se/4ab00d/globalassets/regeringen/dokument/socialdepartementet/summary-sweden-in-the-pandemic-1.pdf
  3. Spiegel-Bericht zur schwedischen Corona-Politik (2022). https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-kritischer-bericht-zum-schwedischen-sonderweg-in-der-coronapandemie-a-8c814d12-948a-42ca-acbf-228f9992e29d
  4. Zeit-Artikel zur schwedischen Pandemiebilanz (2022). https://www.zeit.de/2022/16/corona-politik-schweden-analyse