Biozoom
Der mobile Hautscanner Biozoom versprach, den Antioxidantien-Status per Lichtmessung zu bestimmen. Doch hinter dem Gerät stehen wissenschaftliche Fragwürdigkeiten, ein Börsen-Desaster und eine Marketing-Kampagne mit Attila Hildmann.
Technik und Versprechen: Was der Scanner messen will

Der Biozoom-Scanner, entwickelt von der Kasseler Biozoom Services GmbH, leitet LED-Licht auf die Haut des Handrückens und wertet das reflektierte Spektrum aus. Daraus errechnet das Gerät einen Score zwischen 1 und 12, der angeblich Auskunft über die Konzentration lichtabsorbierender Carotinoide in der obersten Horizontalschicht gibt. Das Unternehmen postuliert, dieser Wert korreliere direkt mit dem „Gesamt-Antioxidations-Status“ des Menschen und lasse Rückschlüsse auf Ernährung und Lebensstil zu. Die Methode erinnert an Raman-spektroskopische Labormessungen, doch statt aufwendiger Wellenlängenfilter nutzt Biozoom eine einfache Photodiode. Eine Studie an der Berliner Charité, an der Firmenbeirat Prof. Jürgen Lademann beteiligt war, bescheinigt dem Gerät, Carotinoide in der Haut prinzipiell nachweisen zu können. Ob diese Menge jedoch gesundheitsrelevant ist oder gar Rückschlüsse auf den Körper insgesamt zulässt, bleibt offen. Kritiker monieren, dass nur die oberste Hautschicht erfasst wird, während Verteilung und Stoffwechsel der Carotinoide im Körper unberücksichtigt bleiben.
Kalibrierprobleme und Messfehler: Warum die Werte schwanken

Photometrische Analysen benötigen einen individuellen Blindwert, also die Referenzmessung ohne Analyt. Der Biozoom-Scanner verzichtet darauf und verwendet einen pauschalen Nullwert. Folge: Hautfarbe, Anpressdruck, Durchblutung und sogar die gewählte Handfläche verändern das Ergebnis messbar. Nutzer berichten in Foren von Schwankungen um zwei Punkte innerhalb von Minuten sowie von Differenzen zwischen linker und rechter Hand. Das Unternehmen rät inzwischen, ausschließlich die rechte Hand zu scannen, und erklärt Abweichungen mit „kaufmännischer Rundung“. Eine persönliche Kalibrierung, wie sie in Laboren üblich ist, findet nicht statt. Selbst wenn die Messung relativ zu einem Ausgangswert erfolgt, bleibt unklar, ob eine Veränderung tatsächlich auf veränderte Ernährung oder auf methodische Streuung zurückgeht. Die Skala von 1 bis 12 besitzt keine Einheit; ein „Vitalstatus“ von 10 sagt daher weder eine bestimmte Konzentration noch einen gesundheitlichen Nutzen aus.
Millienenschaden an der Börse: Von Ledertaschen zu 300 Millionen Dollar

2013 ging die Biozoom Inc., eine vormalige Ledertaschen-Firma aus Las Vegas, an die Nasdaq. Durch großformatige Anzeigen und aggressive Promotion stieg die Marktkapitalisierung binnen Monaten auf rund 300 Millionen US-Dollar. Als FBI und Börsenaufsicht SEC Ermittlungen wegen unregistrierter Aktienverkäufe und irreführender Analystenempfehlungen aufnahmen, brach der Kurs ein. Mehrere argentinische Händler wurden zu Geldstrafen verurteilt; Anleger verloren ihr Kapital. Die Aktie notiert seit Dezember 2016 bei 0 Dollar, die Gesellschaft wurde zur Schadensregulierung verpflichtet. Parallel existierten mehrere deutsche Firmenstrukturen: Die Opsolution GmbH hält die Marke „Biozoom“, die Opsolution Spectroscopic Systems GmbH firmiert seit 2013 als Biozoom Services GmbH und vertreibt die Geräte. Vodafone war 2004 bis 2009 über Vodafone Ventures an einer Vorgänger-Entwicklung beteiligt, zog sich jedoch zurück.
Triät-Challenge: Reformhäuser, Hildmann und funktionale Produkte
2015 startete die Reformhaus-Kette gemeinsam mit Biozoom und dem Vegan-Koch Attila Hildmann die „Triät-Challenge“. Kunden konnten sich kostenlos scannen lassen und erhielten Tipps, wie sie durch Obst, Gemüse, Nahrungsergänzungsmittel oder Matcha-Tee ihren Score steigern. Direkt neben den Messstationen präsentierten die Läden entsprechende Produkte. Bis Mitte 2015 hatten sich laut Unternehmensangaben 35 000 Teilnehmer registriert; die Aktion trug laut Interner Angabe wesentlich zum Umsatzplus 2015 bei. Für den Endkundenmarkt kündigte Hildmann eine „Attila Hildmann Edition“ des Handgeräts für 499 Euro an; das Gerät erschien jedoch nie. Ein professionelles Modell „QuickTest Portable“ wird aktuell für etwa 3 500 Euro angeboten und übermittelt die Messdaten an einen externen Server, der den Score zurückliefert.
Prominenter Fürsprecher und seine Eskapaden
Attila Hildmann bewarb das Gerät in seinem 2013 erschienenen Buch „Vegan for Youth“ und erreichte damit eine breite Zielgruppe. Der Berliner Gastronom hatte sich zuvor mit extrem scharfen veganen Burgern einen Namen gemacht und betreibt mehrere Imbisse. Nach einer negativen Restaurantkritik forderte er 2017 eine Journalistin öffentlich auf Facebook heraus und erhielt dafür eine Anzeige. Später trat Hildmann als Gegner von Corona-Schutzmaßnahmen auf, verbreitete verschwörungstheoretische Inhalte und wurde wegen Volksverhetzung angezeigt. 2021 flüchtete er in die Türkei, bevor ein Haftbefehl vollstreckt werden konnte. Die Biozoom-Kampagne blieb indes auf das Jahr 2015 beschränkt; in neueren Prospekten des Unternehmens taucht Hildmann nicht mehr auf.
Zwischenbilanz: Datenchaos, regulatorische Lücken und enttäuschte Nutzer
Zusammengenommen zeigt die Biozoom-Geschichte, wie leicht ungesicherte Biomarker in Marketing-Instrumente verwandelt werden können. Die wissenschaftliche Literatur liefert keine Evidenz dafür, dass ein einzelner Haut-Carotinoid-Score Rückschlüsse auf den antioxidativen Gesamtstatus oder die Gesundheit erlaubt. Die fehlende individuelle Kalibrierung, das Fehlen unabhängiger Studien und die enge Verflechtung zwischen Forschung und Unternehmensinteressen lassen unabhängige Bewertungen kaum zu. Dennoch wurden Zehntausende Verbraucher gemessen, mit Nahrungsergänzern konfrontiert und mit unklaren Zahlen nach Hause entlassen. Die Episode endete mit einem Börsen-Debakel, das Millionenanleger verlustreich lehrte, und einem medial geadelten Messwert, der bis heute keine klinische Bedeutung erlangt hat.
Weblinks
- Die Welt: Was ist dran an den steilen Thesen des Veganerkönigs?
- Superfutter.ch: Antioxidantien top – Biozoom-Messungen ein Flop
- TheStreet: FBI und SEC ermitteln gegen Biozoom-Handel
- SEC-Archiv: Form 8-K zu Biozoom Inc.