Daniele Ganser
Der 1972 in Lugano geborene Schweizer Historiker Daniele Ganser erlangte 2005 mit einer Dissertation über angebliche NATO-Geheimarmeen internationale Aufmerksamkeit. Seitdem veröffentlicht er zu Themen wie Peak Oil, 9/11 und der Ukraine-Krise – und steht dabei immer wieder in der Kritik, Verschwörungstheorien zu bedienen.
Von der Waldorfschule zur Gladio-Debatte

Daniele Ganser wuchs als Sohn eines Pastors und einer Krankenschwester in Basel auf, besuchte zwölf Jahre lang die dortige Rudolf-Steiner-Schule und anschließend das Holbein-Gymnasium. Ab 1992 studierte er an den Universitäten Basel und Amsterdam Internationale Zeitgeschichte, Antike Geschichte, Philosophie und Anglistik. Bereits 1998 begann er an seiner Dissertation zu arbeiten, die sich mit sogenannten Stay-behind-Einheiten in Westeuropa beschäftigte – also mit Geheimstrukturen, die im Falle einer sowjetischen Invasion Guerillakämpfe hätten führen sollen. Die Arbeit erschien 2005 unter dem Titel „NATO-Geheimarmeen in Europa" und machte ihn landauf, landab bekannt. Ganser legte dar, dass diese Strukturen von zwei NATO-Ausschüssen koordiniert worden seien und einzelne Gruppierungen in Staatsterrorismus verwickelt gewesen seien. Beispielsweise vermutete er eine Beteiligung einer deutschen Gladio-Einheit am Oktoberfestattentat 1980 in München. Die These stieß auf breites Medienecho, fand jedoch in der Fachwelt nur verhaltene Anerkennung. Kritisiert wurde unter anderem, dass Ganser vor allem auf Presseberichte und Politikeräußerungen zurückgriff, ohne systematisch zwischen verlässlichen und zweifelhaften Sekundärquellen zu trennen. So wies Peer Henrik Hansen, dänischer Historiker und Intelligence-Forscher, darauf hin, dass ein von Ganser zitiertes US-Army-Handbuch bereits 1976 als KGB-Fälschung entlarvt worden sei. Auch der Münchener Zeitgeschichtler Gregor Schöllgen monierte, Ganser übertreibe das Ausmaß der Stay-behind-Aktivitäten "grotesk" und vernachlässige dabei belastbare Quellen. Olaf Riste, norwegischer Militärhistoriker, resümierte 2014 im Journal of Cold War Studies, neu freigegebene Archivbestände aus mehr als einem Dutzend europäischer Länder widerlegten Gansers zentrale These, die Stay-behind-Netzwerke seien Kreation von CIA und MI6 gewesen. Vielmehr seien sie von einheimischen Akteuren gegründet worden, die aus Sorge vor einer sowjetischen Invasion handelten. Die freiwilligen Mitglieder seien aus patriotischen Motiven beigetreten, nicht weil sie von „finsteren äußeren Mächten" angeworben worden wären.
Zwischen ETH und eigenem Institut

Nach seiner Promotion war Ganser von 2001 bis 2003 Senior Researcher beim wirtschaftsliberalen Think Tank Avenir Suisse, wo er sich unter anderem für einen UNO-Beitritt der Schweiz einsetzte. 2003 wechselte er an das Center for Security Studies der ETH Zürich, wurde jedoch 2006 entlassen, nachdem sich die Hochschule öffentlich von einigen seiner Thesen distanziert hatte. Ab 2007 leitete er an der Universität Basel das Forschungsprojekt „Peak Oil", das sich mit dem globalen Kampf um Erdöl und der schweizerischen Versorgungssicherheit beschäftigte. Seit 2011 betreibt er das von ihm gegründete Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER AG), eine Aktiengesellschaft, die Vorträge, Interviews und Publikationen vermarktet. Laut eigenen Angaben finanziert sich das Institut hauptsächlich über Gansers Vortragstätigkeit; pro Auftritt verlangt er rund 5.000 Schweizer Franken. Die Gründung des Instituts begründete Ganser mit angeblichen Repressionen gegen seine Person: „Ich verdiene hier an der ETH 10.000 Schweizer Franken pro Monat, ich habe aber Dinge herausgefunden, die sind bestürzend ... wenn ich das nach draußen trage, dann fliege ich vielleicht von der Uni." Seit Herbst 2017 hat Ganser keinen Lehrauftrag mehr an einer Schweizer Hochschule; die Universität St. Gallen hatte ihm zuvor bereits den Vertrag als Lehrbeauftragter gekündigt.
Weblinks
- Interview „Die Nato ist eine Gefahr für den Weltfrieden“ – Basler ExpressZeitung
- Rubikon – Magazin für die kritische Masse
- Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER AG)
Veröffentlichungen
- NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung
- Europa im Erdölrausch. Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit
- Illegale Kriege. Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren. Eine Chronik von Kuba bis Syrien
Einzelnachweise
- Peer Henrik Hansen: Review of Daniele Ganser, NATO’s Secret Armies, in: International Journal of Intelligence and CounterIntelligence 19 (2006), S. 182–186.
- Olaf Riste: The Stay-Behind Network in Norway, in: Journal of Cold War Studies 16 (2014) 4, S. 49–72, hier S. 72 (Anm. der Redaktion).
- Agilolf Keßelring: Stay Behind – eine Geheimarmee in Deutschland? In: Militärgeschichte 2/2019, S. 18–25, hier S. 21.