Enrico Edinger
Der ehemalige Neurologe Enrico Edinger baute ein Netzwerk aus dubiosen Praxen und Akademien auf, verlor 2023 seine Approbation und wurde 2025 rechtskräftig verurteilt. Seine Geschichte zeigt, wie pseudowissenschaftliche Heilsversprechen in ein strafbares Geschäftsmodell münden können.
Vom approbierten Arzt zum „Weltraummediziner“

Enrico Miguel Edinger, 1959 geboren, promovierte 2000 an einer deutschen Universität mit einer medizinischen Arbeit über kardiovaskuläre Reaktionen beim Kipptischversuch und arbeitete zunächst als Neurologe und Psychiater in Remagen-Rolandseck. Bereits ab 2001 nannte er seine Praxis „INAKARB – Internationale Akademie für Regulationsmedizin und Bewusstseinsforschung“ und bot neben klassischer Medizin zunehmend Verfahren an, die er als „Regulationsmedizin“, „Energiemedizin“ oder „kosmophysikalische Informationsmedizin“ bezeichnete. In Selbstdarstellungen behauptete er, mit der russischen Raumfahrtmedizin vertraut zu sein, und ließ sich in Werbematerialien als „Weltraumarzt“ oder „wissenschaftlicher Berater für das russische Marsmissionsprojekt“ bezeichnen – Titel, die von keiner offiziellen Stelle bestätigt wurden. 2003 trat er dem „Wissenschaftsrat“ der Deutschen Gesellschaft für orthomolekulare Medizin bei, später wurde er fachlicher Berater der impfkritischen „Deutschen Arbeitsgemeinschaft für unabhängige Impfaufklärung“. Die zuständigen Behörden untersagten ihm wiederholt die Führung ausländischer Professorentitel; das Landgericht Koblenz bestätigte 2020 ein diesbezügliches Verbot, das Urteil des Oberlandesgerichts Koblenz wurde rechtskräftig, weil der Bundesgerichtshof die Revision nicht zuließ.
Methoden ohne wissenschaftliche Evidenz

In mehreren Praxisstandorten – Remagen, Wiesbaden, Bonn-Mehlem, Friedrichshafen und Markkleeberg – setzte Edinger Geräte und Verfahren ein, deren Wirksamkeit in klinischen Studien nicht belegt ist. Zur Diagnostik zählten unter anderem AMSAT-HC, Bioscan, Oberon-Metatron, Gasentladungsvisualisation (GDV), Kirlian-Fotografie, Redox-Serum-Analysen, Lüscher-Test und „Morphogenetische Analyse“ mit einem Gerät namens Disconder. Als Therapien wurden Biotron, SCIO, Scenar, BrainLight-Lampen, Rife-Frequenzgeneratoren, Insulin-potenzierter Therapie, Bionic 880, Matrix-Rhythmus-Therapie und „Neuroperzeptive Frequenztherapie“ angeboten. Edinger erklärte, 90 Prozent aller Zivilisationskrankheiten beruhten auf einem Ungleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus, das durch „Energiemedizin“ aus der Ferne korrigiert werden könne. Patienten sollten Geräte wie den Disconder über Wochen am Körper tragen, um „Frequenzkorrekturen“ zu erhalten. Keines dieser Verfahren ist in den Leitlinien der deutschen Fachgesellschaften anerkannt; die Kosten werden von keiner gesetzlichen Krankenkasse übernommen.
Mehrfachverurteilung und Entzug der Approbation

Bereits 2016 erwirkte die Staatsanwaltschaft Sinzig einen Strafbefehl wegen Titelmissbrauchs und Betrugs, weil Edinger einer Tumorpatientin fälschlich zugesichert hatte, ihre private Krankenkasse werde 80 Prozent der Therapiekosten erstatten. Das Amtsgericht Sinzig verurteilte ihn 2018 in erster Instanz zu einer Geldstrafe von 19.000 Euro; das Oberlandesgericht Koblenz verwies die Berufung zurück und erhöhte die Strafe auf 165 Tagessätze zu je 100 Euro. 2023 entzog die zuständige Behörde Edinger die ärztliche Approbation; fort darf er sich nicht mehr „Arzt“ nennen. Eine erneute Anklage wegen Sozialversicherungsbetrugs folgte 2025: Ihm wird vorgeworfen, zwischen Juli 2020 und Mai 2022 in 79 Fällen Sozialabgaben für Mitarbeiter hinterzogen zu haben. Seit Mai 2025 sitzt er in Untersuchungshaft in Ravensburg. Am 26. Mai 2025 legte er ein Geständnis ab und wurde zu zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt; das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Online-Shops, Scheinakademien und fragwürdige Titel
Parallel betrieb Edinger über die Firmen INAKARB GmbH, ENKI Institut GmbH, Cosmowellness Health and Science Ltd. (Schweiz) und Sesiline Trading Ltd. (Zypern) mehrere Webshops. Unter dem Label „Praxisshop Profedinger“ wurden verschreibungspflichtige Arzneimittel wie hochdosiertes Vitamin D (Dekristol 20.000 I.E.) oder Melatonin ohne ordnungsgemäße Rezeptprüfung vertrieben; die Wettbewerbszentrale mahnte ihn ab. Weiterhin vertrieb er „Quanten-Energie-Steine“, „Magic Energy Pens“ und Geräte zur „Quantenphysikalischen Haaranalyse“. Zur Legitimation bediente er sich mehrerer ausländischer Einrichtungen: Die „Internationale Interakademische Vereinigung Moskau“ und die „University of Global Scaling“ verliehen ihm Titel wie „Prof. Dr. nauk“ oder „Lehrstuhlinhaber für Regulationsmedizin“, die in Deutschland jedoch keine Anerkennung finden. Nach einem Uricht des Berliner Berufsgerichts für Heilberufe vom 3. Dezember 2014 dürfen mit der VEKK oder VMAK verliehene Grade nicht geführt werden. In medizinischen Datenbanken wie Medline, Cochrane oder Google Scholar sind keine von Enrico Edinger verfassten Publikationen in anerkannten Fachjournalen nachweisbar.
Falsche Behauptungen während der Corona-Pandemie
In Interviews und Videos verbreitete Edinger während der COVID-19-Pandemie zahlreiche Falschmeldungen. So behauptete er, die Delta-Variante des Virus infiziere ausschließlich Geimpfte; tatsächlich zeigten Daten der britischen Gesundheitsbehörde PHE, dass Ungeimpfte deutlich häufiger schwer erkrankten. Edinger unterstellte dem Virologen und Nobelpreisträger Luc Montagnier die Aussage, alle Geimpften würden innerhalb von fünf Jahren sterben – ein Zitat, das Montagnier nie äußerte und das bereits mehrfach als Falschmeldung widerlegt wurde. Auch verbreitete er die Verschwörungstheorie, ein von der US-Forschungsagentur DARPA entwickeltes Gel befinde sich auf PCR-Teststäbchen und solle über elektromagnetische Strahlung die Zirbeldrüse schädigen. Diese Behauptungen finden keine wissenschaftliche Grundlage.
Ein Geschäftsmodell auf Kosten von Patienten
Die Vorgehensweise Edingers folgte einem wiederkehrenden Muster: Attraktive, aber unbelegte Heilversprechen, die Nutzung technischer Apparate mit pseudowissenschaftlichem Anstrich, die Erhebung privater Vollkasko-Gebühren und schließlich die Verweigerung von Kostenerstattungen durch Kassen. Geschädigte Patienten mussten oft mehrere tausend Euro zahlen, ohne nachweisbaren Nutzen. Die Justiz sprach ihm nach mehreren Verfahren die Geschäftsfähigkeit als Arzt ab; die aktuelle Haftstrafe markiert vorläufig den Endpunkt einer Karriere, die durch Titelmissbrauch, Betrug und Sozialabgabenbetrug geprägt war. Ermittler zählten bei Gericht laut Medienberichten über eine Stunde Vorstrafen auf. Die Fälle dokumentieren, wie leicht sich alternative Heilsversprechen in schwerwiegende Wirtschaftsdelikte überführen lassen, wenn Kontrollinstanzen fehlen und Patienten aufgrund existenzieller Angst bereit sind, unkonventionelle Wege zu gehen.
Weblinks
- Schwäbische Zeitung: Vorbestrafter Weltraumarzt vom Bodensee muss erneut in Haft
- Südkurier: Selbsternannter Weltraumarzt bleibt in Haft – nicht nur wegen Veruntreuung
- Apotheke Adhoc: Arzt mit Onlineshop und falschen Titeln – Täuschung im Netz
- Rhein-Zeitung: Todkranke betrogen – Weltraumarzt aus Remagen droht 15.000-Euro-Strafe
- Correctiv-Faktencheck: Luc Montagnier hat nie behauptet, alle Geimpften würden sterben