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Grigori Grabovoi

Aus Faktenradar

Der 1963 in Kasachstan geborene Russland Grigori Grabovoi versprach Heilung durch Ziffernfolgen und die Wiederauferstehung Verstorbener. 2008 wurde er wegen Betrugs zu einer Haftstrafe verurteilt, die später reduziert und nach vier Jahren zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Vom Mechaniker zum „Wunderheiler“

Vom Mechaniker zum „Wunderheiler“

Grabovoi wurde am 14. November 1963 im Dorf Bogara im Kirover Bezirk Kasachstans geboren. Nach eigenen Angaben studierte er bis 1986 Maschinenbau und arbeitete danach angeblich in einem geheimen Konstruktionsbüro in Taschkent, in dem an Raumschiffen geforscht worden sei. Ende der 1990er Jahre trat er in Russland als Hellseher und Heiler auf und gründete 1999 die Bewegung „DRUGG“, die zeitweise den Status einer politischen Partei anstrebte. Im Juli 1999 erhielt er von der Moskauer „International Interacademic Union“ den Titel „Professor“; die Institution gilt als undurchsichtig und der Titel als akademisch nicht anerkannt. Auch ein von ihm beanspruchter „Grand Doctor of Philosophy“ stammt von der belgisch-russischen „World Distributed University“, die keine anerkannte Graduierteneinrichtung ist.

Heilversprechen mit Ziffernfolgen

Heilversprechen mit Ziffernfolgen

Zentrales Element von Grabovois Lehre ist die „Heilung mit Zahlenreihen“. Jeder Erkrankung oder Problemlage ordnet er eine bestimmte Ziffernfolge zu, auf die sich der Betroffene konzentrieren oder die er auf die Haut schreiben soll. Für Brustkrebs empfiehlt er beispielsweise 5432189, für Multiple Sklerose 51843218, für Übergewicht 4812412. Die Methode wird gelegentlich auch „Informations-Therapie“ genannt. Im Oktober 2014 veröffentlichte Grabovoi im englischsprachigen Internet Zahlencodes gegen das Ebolavirus: 7897418, 5890615948791832, 89888 und 89469171814. Die bayerische Heilpraktikerin Silke Heß übernahm das Konzept in ihrer „Heilpulsieren“-Methode, die Autorin Petra Neumayer veröffentlichte 2011 das Buch „Heilen mit Zahlen“, das sich ausdrücklich auf Grabovoi bezieht.

Organ-Nachwuchs und angebliche Totenerweckungen

Organ-Nachwuchs und angebliche Totenerweckungen

Grabovoi behauptet, Organe könnten durch mentale Steuerung im „informativen Feld“ des Menschen regeneriert und sogar komplett neu gebildet werden. Dieses Versprechen erweiterte er auf verstorbene Angehörige. Nach dem Geiseldrama von Beslan im September 2004, bei dem 334 Menschen – darunter 186 Kinder – getötet wurden, bot er Hinterbliebenen gegen Zahlung von je 1.000 Euro an, ihre Kinder wieder auferstehen zu lassen. Der Journalist Wladimir Worsobin von der Komsomolskaja Prawde durchschaute das Vorgehen: Er reichte ein Foto eines vermeintlich verstorbenen Stiefbruders ein, den es in Wahrheit nie gab, und erhielt für 1.300 Euro die Nachricht, der Mann lebe wieder und verberge sich südlich von Sankt Petersburg. Worsobin erstattete Anzeige.

Prozess, Urteil und EGMR-Entscheidung

Im Jahr 2006 wurde Grabovoi festgenommen, 2008 vom Tagansker Gericht in Moskau wegen Betrugs unter Ausnutzung religiöser Gefühle zu elf Jahren Haft und einer Geldstrafe von einer Million Rubel verurteilt. 2009 reduzierte ein Berufungsgericht die Strafe auf acht Jahre und senkte die Geldstrafe um ein Viertel. Wegen guter Führung wurde er nach vier Jahren vorzeitig entlassen. 2016 wandte sich Grabovoi mit drei Mitangeklagten an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Das Gericht stellte fest, dass die sechsmonatige Überschreitung der Untersuchungshaft eine Verletzung des Rechts auf Freiheit und Sicherheit darstellt und sprach den Betroffenen Entschädigungen zwischen 1.000 und 2.400 Euro zu. Der EGMR äußerte sich nicht zur materiellen Rechtmäßigkeit der Verurteilung; ein Freispruch erfolgte nicht.

Verbreitung in Europa und aktuelle Aktivitäten

Trotz des Gerichtsverfahrens verbreiten Anhänger Grabovois Lehren weiter. Im deutschsprächligen Raum organisiert vor allem das SVET-Zentrum in Hamburg Seminare und Ausbildungsgänge zu „Russischen Heilmethoden“. Weitere Anbieter in Deutschland und Österreich werben mit Kursen zur „Lehre zur Rettung und harmonischen Entwicklung“. Die Schriftzüge „GRABOVOI“ und „GRIGORI GRABOVOI“ sind in Deutschland seit 2010 als Wortmarken eingetragen. Nach Angaben aus dem Jahr 2017 hielt sich Grabovoi zuletzt in Serbien auf. Seine Methoden finden weiterhin Verbreitung in esoterischen Kreisen, wobei Anbieter die ursprünglichen Versprechen häufig in allgemeinere Formulierungen kleiden.

Weblinks

  1. Englischsprachiger Wikipedia-Artikel zu Grigori Grabovoi
  2. Russischsprachiger Wikipedia-Artikel zu Grigori Grabovoi
  3. Urteil des EGMR vom 22. September 2016

Einzelnachweise

  1. Tagesspiegel-Bericht „Den Tod verbieten“ vom 23. März 2006
  2. Süddeutsche.de-Meldung „Elf Jahre ins Gefängnis“ vom 17. Mai 2010
  3. EGMR-Entscheidung GRABOVOI AND OTHERS v. RUSSIA, Application no. 4964/07