Gruppe42
Zwischen 2015 und 2021 betrieb die Wiener Gruppe42 ein alternatives Medienprojekt, das sich gegen etablierte Medien und die Wikipedia richtete. Die Videoreihe „Geschichten aus Wikihausen“ sowie die Nähe zu Verschwörungsnarrativen lösten juristische Schritte und öffentliche Kritik aus.
Gründung, Struktur und Selbstverständnis

Das 2015 gegründete Online-Portal Gruppe42 bezeichnete sich selbst als „Neuland-Portal“ und verstand sich als lose Plattform „kritischer, kreativer Schön- und Freigeister“. Namensgebend war Douglas Adams’ Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“, in dem 42 als „die einfache Antwort auf alle Fragen“ fungiert. Träger der Domain gruppe42.com war der Wiener Schauspieler Stephan Bartunek (Jg. 1977), zuvor durch die Facebook-Seite „Breitband Bartunek“ bekannt. Als weiterer Mitbegründer wurde David Kyrill genannt; redaktionell erschien ein Teil der Inhalte unter dem Kürzel „Kuk – Kunst und Kritik, Wien“. Eine eingetragene Körperschaft oder ein Impressum mit vollständiger Adresse wurde öffentlich nicht ausgewiesen; Spenden flossen auf ein Konto, das ebenfalls auf Bartunek lief. Die visuelle Marke war ein stilisiertes Auge mit herausgestreckter Zunge – ein Motiv, das Bartunek gegenüber dem Kurier als „Spiel mit Verschwörungstheorien“ bezeichnete. Das Portal finanzierte sich nach eigenen Angaben ausschließlich durch Leserspenden und verzichtete auf klassische Werbeeinnahmen.
Inhalte und Gesprächspartner

Schwerpunkt der Publikationen war die Kritik an öffentlich-rechtlichen Sendern sowie an der Berichterstattung zum Nahostkonflikt. In der Rubrik „Freie Fresse“ erschienen Videointerviews, in der Reihe „Vorträge“ Mitschnitte von Veranstaltungen. Zu den wiederkehrenden Gesprächspartnern zählten der Schweizer Historiker Daniele Ganser, der Journalist Ken Jebsen, der Hip-Hop-Musiker Kilez More sowie der Publizist Dirk Pohlmann. Ebenfalls vertreten waren der AfD-Politiker Rainer Rothfuß, der Literaturwissenschaftler Moshe Zuckermann und der Psychoanalytiker Eugen Drewermann. Die Themenpalette reichte von alternativen 9/11-Theorien über die Bilderberg-Konferenz bis zur Kritik an Wikipedia-Richtlinien. Ein eigenes „Wiki42“ wurde kurzzeitig angetestet, blieb jedoch auf einen einzelnen Artikel zu den Bilderbergern beschränkt. Die Facebook-Präsenz diente primär der Verbreitung der Videos und der Kommunikation mit Anhängern; bis zur Einstellung 2021 waren dort rund 25.000 Follower gemeldet.
Die Wien-Konferenz und ihre Absage 2017

Im Frühjahr 2017 kündigte Gruppe42 für den 16. und 17. Juni das „Wiener Symposium ‚Angst essen Zukunft auf‘“ im Arcotel Wimberger an. Angekündigt waren unter anderem Daniele Ganser, die Kulturwissenschaftlerin Natasha A. Kelly und der israelische Soziologe Moshe Zuckermann. Bereits im Mai veröffentlichte das österreichische Blog „Semiosis“ eine kritische Vorab-Analyse und verwies auf mögliche Schnittmengen zu rechtsoffenen Verschwörungskreisen. Im Anschluss zogen mehrere Referentinnen ihre Teilnahme zurück; die Veranstalter erklärten die komplette Absage und sprachen von einer „massiven Diffamierungskampagne“. Unterstützung erhielt Bartunek durch den damals neu gegründeten „Rubikon“-Newsletter, der von „Hassmails“ berichtete. Die Debatte blieb vor allem in alternativen Medien sichtbar; etablierte österreichische Titel berichteten nur am Rande über den Vorfall.
Kampagne „Geschichten aus Wikihausen“ und juristische Konsequenzen
Seit 2018 fokussierte sich Gruppe42 zunehmend auf die Kritik an Wikipedia. Gemeinsam mit dem Autor Markus Fiedler und dem Journalisten Dirk Pohlmann produzierte das Portal die YouTube-Reihe „Geschichten aus Wikihausen“, in der eine angebliche „Wikipedia-Junta“ als zensierender Machtblock entlarvt werden sollte. Zentrale Vorwürfe lauteten auf „ideologische Einseitigkeit“, „Diffamierung von Außenseitern“ sowie die systematische Verunglimpfung von Personen wie Daniele Ganser. Die Videos zitierten interne Wikipedia-Diskussionen, stellten einzelne Autoren anhand von Indizien vor und wurden mehrfach von russischen Staatsmedien (RT Deutsch, Sputnik) aufgegriffen. Im November 2018 erließ das Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung gegen Fiedler und Pohlmann; die Verbreitung der Folgen 10 bis 13 wurde untersagt, nachdem ein unter Pseudonym aktiver Wikipedia-Autor erfolgreich seine Persönlichkeitsrechte geltend machte. Stephan Bartunek erklärte in einem eigens gedrehten Video, er werde die Verfügung „nicht ernst nehmen“ und kündigte an, die Clips weiterhin online zu halten. YouTube löschte daraufhin mindestens drei Folgen; die verbleibenden Videos sind inzwischen nur noch fragmentarisch abrufbar.
Rezeption, Kritik und Ende des Projekts
Trotz kontinuierlicher Online-Aktivität blieb die Resonanz auf Gruppe42 begrenzt. Ein Wikipedia-Artikel zum Projekt existierte nie; die Domain landete jedoch auf der deutschsprachigen Spam-Blacklist, was die Verlinkung innerhalb der Online-Enzyklopäde unmöglich macht. Der Deutschlandfunk erwähnte die Videoreihe 2018 in einem Beitrag über „Wikipedia-Gegner“ und ordnete sie in das Umfeld von „Lügenlexikon“-Rhetorik ein. Wissenschaftliche Aufarbeitung oder größere Medienberichterstattung blieben aus; Kritik konzentrierte sich auf Blogs und soziale Netzwerke. Nach 2020 ging die Publikationsfrequenz deutlich zurück; im Sommer 2021 löschte Bartunek die Website vollständig. Die Facebook-Seite wurde stillgelegt, das YouTube-Kanal-Archiv ist nur noch teilweise zugänglich. Ein Nachfolgeprojekt wurde bisher nicht erkennbar geöffnet.
Beteiligte, Einflüsse und offene Fragen
Neben Stephan Bartunek wirkten regelmäßig die Berliner Pädagogik-Referentin Renate Wieser, der Publizist Hermann Ploppa und der Blogger Gert Ewen Ungar (bürgerlich Günter Wagner) mit. Letzterer veröffentlichte parallel bei „Propagandaschau“, „Rubikon“ und dem russischen Sender RT Deutsch. Die inhaltliche Nähe zu klassischen Verschwörungsnarrativen – etwa zur angeblichen kontrollierten Sprengung des World Trade Centers oder zur These einer „Transatlantik-Mafia“ in Leitmedien – wurde von Beobachtern wiederhelt konstatiert. Gleichzeitig gelang es Gruppe42, einige akademische Gäste für Interviews zu gewinnen, was der Plattform eine gewisse Außenseiter-Autorität verlieh. Ob die juristischen Auseinandersetzungen 2018 letztlich zu einer Einschätzung als Haftungsrisiko beigetragen haben, lässt sich nur vermuten; offizielle Angaben dazu existieren nicht. Die Domain gruppe42.com liegt derzeit brach; ein Relaunch wurde seitens der ehemaligen Macher bislang nicht angekündigt.