Impfgegner
Die Ablehnung von Impfungen hat eine lange Geschichte. Von frühen Vereinen über religiöse Gruppen bis hin zu digitalen Desinformationskampagnen – wer sich gegen Impfungen stellt, tut dies aus vielfältigen Motiven. Die Weltgesundheitsorganisation zählt Impfskepsis mittlerweile zu den zehn größten Gesundheitsrisiken weltweit.
Historische Wurzeln der Impfkritik

Bereits im 19. Jahrhundert formierte sich Widerstand gegen das Impfen. 1876 erschien die Zeitschrift „Der Impfgegner“, 1908 folgte die Gründung eines „Vereins impfgegnerischer Ärzte“. Ein früher prominenter Kritiker war der Nationalökonom Eugen Dühring, der Impfungen 1891 in einer antisemitisch geprägten Schrift als von jüdischen Ärzten erfundenen Aberglauben denunzierte. Seitdem hat sich die organisierte Impfkritik gewandelt, doch ihre Grundstruktur – die Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse zugunsten alternativer Deutungen – blieb erhalten. Heute findet sie sich in Vereinen, Online-Gruppen und politischen Bewegungen wieder, die Impfungen aus religiösen, weltanschaulichen oder verschwörungstheoretischen Gründen ablehnen.
Religiöse und weltanschauliche Motive

Mehrere Glaubensgemeinschaften lehnen Impfungen prinzipiell oder zumindest teilweise ab. Anthroposophen sehen Krankheit als Chance zur „Karma-Reinigung“ und halten Impfungen für einen Eingriff in diese spirituelle Entwicklung. Die Sekte „Universelles Leben“ und Anhänger der Lehren Jakob Lorbers lehnen Impfungen ebenfalls ab, während die Wachtturm-Gesellschaft (Zeugen Jehovas) heute nur noch eine „Gewissensentscheidung“ fordert. In der Homöopathie-Szene ist das Bild uneinheitlich: Zwar äußerte der Begründer Samuel Hahnemann sich ursprünglich positiv zur Pockenimpfung, doch ein Teil moderner Homöopathie-Anhänger lehnt Impfungen ab. Interessanterweise sind laut Umfragen Kinder von Homöopathen häufiger geimpft, als es die ablehnende Haltung ihrer Eltern vermuten lässt.
Netzwerke, Protagonisten und digitale Verbreitung

Organisierte Impfkritik findet sich heute unter anderem im deutschsprachigen Netzwerk AEGIS sowie in der „Querdenken“-Bewegung, die sich während der Corona-Pandemie formierte. Das Center for Countering Digital Hate identifizierte zwölf US-amerikanische Multiplikatoren, die für etwa 65 Prozent der impfgegnerischen Online-Inhalte verantwortlich sein sollen – darunter Joseph Mercola, Robert F. Kennedy jr. und Sherri Tenpenny. In Deutschland wurden Personen wie Stefan Lanka, Hans Tolzin oder Martin Hirte als einflussreich impfkritische Stimmen genannt. Ihre Botschaften verbreiten sich nicht nur über Blogs und Messenger-Dienste, sondern werden auch durch automatische Accounts („Bots“) und gezielte Desinformationskampagnen verstärkt. So stellte eine Studie fest, dass russische „Trollfabriken“ während der Corona-Pandemie gezielt Angst vor Impfungen schürten – während russische Staatsmedien im Inland gleichzeitig zur Impfung aufriefen.
Gewalt und Einschüchterung
Kritik an Impfgegnern kann mit massiven Drohungen verbunden sein. Nach der Veröffentlichung des Films „Vaxxed“ von Andrew Wakefield forderte Mit-Produzent Del Bigtree US-Bürger auf, „jetzt“ ihre Waffen zu nutzen, sollte der Staat Impfpflicht einführen. In Österreich erhielt die Allgemeinmedizinerin Lisa-Maria Kellermayr monatelang Morddrohungen von Impfgegnern und Gegnern von Corona-Schutzmaßnahmen. Trotz polizeilicher Anzeigen fühlte sie sich von Behörden im Stich gelassen und beendete 2022 ihr Leben. Posthum wurde sie in sozialen Netzwerken verhöhnt; ein 61-jähriger deutscher Beschuldigter gestand später, die Drohungen verschickt zu haben. Der Fall zeigt, wie schnell ablehnende Haltung zu Impfungen in persönliche Verfolgung und Gewalt umschlagen kann.
Effektivität von Impfungen: Zahlen und Modelle
Laut einer im August 2024 in „The Lancet Respiratory Medicine“ veröffentlichten Studie verhinderten COVID-19-Impfungen in Europa zwischen Dezember 2020 und März 2023 rund 1,6 Millionen Todesfälle; die infektionsbedingte Sterblichkeit sank um 59 Prozent. Die höchste Schutzwirkung zeigte sich bei über 60-Jährigen. Eine vorangegangene Schätzung kam für den globalen Zeitraum Dezember 2020 bis Dezember 2022 auf etwa 20 Millionen gerettete Leben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fasst für die vergangenen 50 Jahre mindestens 154 Millionen durch Impfungen verhinderte Todesfälle zusammen – umgerechnet etwa sechs Menschenleben pro Minute. UNICEF zufolge schützen Impfungen jährlich rund drei Millionen Kinder und insgesamt etwa sechs Millionen Menschen vor Tod durch vermeidbare Krankheiten.
Desinformation als politisches Werkzeug
Neben individuellen Motiven nutzen staatliche Akteure Impfgegner-Argumente zur Destabilisierung anderer Länder. Untersuchungen zeigen, dass russische Medien wie RT Deutsch gezielt Zweifel an westlichen Impfstoffen schürten, während im eigenen Land strenge Impfanforderungen gelten. Ausländische Arbeitskräfte benötigen beispielsweise einen Masern-Impfnachweis für die Einreise nach Russland; Präsident Putin ließ sich öffentlich gegen COVID-19 impfen. Experten sprechen von „weaponized health communication“, wenn Gesundheitsthemen zur Schwächung von Regierungen und zur Stärkung oppositioneller Kräfte missbraucht werden. Die Strategie ist dabei weniger ideologisch als machtpolitisch motiviert: Je größer das Misstrauen in staatliche Institutionen, desto größer der Einfluss externer Akteure.
Weblinks
- Robert Koch-Institut: Häufige Einwände gegen Impfungen
- Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: Pädiater weisen Thesen von Impfkritikern zurück
- Pharmazeutische Zeitung: Impfskeptiker – Impfgegner. Von einer anderen Realität im Internet
- RBB Kontraste: Fehlender Impfschutz – Wenn Masern zur tödlichen Gefahr werden
- ARD Panorama: Das wirre Weltbild der Impfgegner
- NDR Panorama 3: Scharlatane – Die Einflüsterer der Impfgegner
Veröffentlichungen
- Sebastian Jäckle, James K. Timmis: Esoteric beliefs and CAM impact SARS-CoV-2 immunization drivers, uptake and pediatric immunization views in Germany. npj Vaccines 9, 137 (2024)
- C. Meyer, S. Reiter: Impfgegner und Impfskeptiker. Bundesgesundheitsblatt 47 (2004), S. 1182–1188
- V. Klippert, U. Röper, R. Riedl-Seifert: Impfen und Recht. Zuckschwerdt-Verlag, München 2003
Einzelnachweise
- Andrew J Shattock u. a.: Contribution of vaccination to improved survival and health: modelling 50 years of the Expanded Programme on Immunization. The Lancet, Mai 2024
- Margaux M I Meslé u. a.: Estimated number of lives directly saved by COVID-19 vaccination programmes in the WHO European Region. The Lancet Respiratory Medicine, August 2024
- David A. Broniatowski: Weaponized Health Communication: Twitter Bots and Russian Trolls Amplify the Vaccine Debate. American Journal of Public Health, Oktober 2018