Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften der Europa-Universität Viadrina
Das 2007 gegründete Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG) an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) bot einen berufsbegleitenden Masterstudiengang mit Schwerpunkt Komplementärmedizin an. Finanziert durch die Homöopathie-Industrie und verknüpft mit zahlreichen Alternativmedizin-Organisationen, stieß das Institut auf kontroverse Diskussionen. Seit 2018 ist das Institut nicht mehr aktiv.
Gründung und Struktur des Instituts

Das Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG) wurde im Jahr 2007 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) eingerichtet. Es war Teil der Kulturwissenschaftlichen Fakultät und verstand sich als interdisziplinäre Einrichtung mit Fokus auf Gesundheitskonzepte in verschiedenen Kulturen. Leitungsstruktur und Finanzierung des Instituts standen von Beginn an in der Kritik: Die Leitung lag zunächst bei dem Psychologen Harald Walach, der eine durch die Firma Biologische Heilmittel Heel GmbH finanzierte Stiftungsprofessur innehatte. Heel gilt als einer der größten Hersteller homöopathischer Arzneimittel in Deutschland. Auch eine Juniorprofessur des Psychologen Stefan Schmidt wurde ab 2011 für fünf Jahre überwiegend durch Mittel der Pharmafirmen SymbioPharm, Köhler Pharma, Meckel-Spenglersan und Pekana Naturheilmittel finanziert. Später übernahm der habilitierte Linguist Hartmut Schröder die Leitung des Instituts. Neben seiner universitären Tätigkeit betreibt Schröder gemeinsam mit seiner Ehefrau in Berlin ein Unternehmen namens Therapeium und ist Direktor des Steinbeis-Transfer-Instituts für Therapeutische Kommunikation und integrierte Gesundheitsförderung. Er ist zudem im Vorstand des Vereins Internationale Gesellschaft für Natur- und Kulturheilkunde e.V. (IGNK) aktiv.
Masterstudiengang „Kulturwissenschaften – Komplementäre Medizin“

Das IntraG bot von 2009 bis 2016 einen berufsbegleitenden Masterstudiengang mit dem Titel „Kulturwissenschaften – Komplementäre Medizin“ (KWKM) an, der zuvor als „Komplementäre Medizin - Kulturwissenschaften - Heilkunde“ (KMKH) bezeichnet wurde. Der Studiengang führte zum akademischen Grad eines Master of Arts (M.A.) und war auf bis zu 60 Studierende pro Jahrgang ausgelegt. Die Studiengebühren betrugen 10.000 Euro für den gesamten Studiengang bzw. 2.500 Euro pro Semester. Die Inhalte des Curriculums umfassten neben kulturwissenschaftlichen und ethnologischen Themen auch zahlreiche Verfahren der Alternativmedizin. Pflichtmodule waren unter anderem „Biologische Medizin“, „Sprechende Medizin“ sowie Grundlagen der evidenzbasierten Medizin und ihrer Kritik. Als Wahlpflichtmodule konnten unter anderem Homöopathie, Naturheilverfahren, Traditionelle Abendländische Medizin, Ayurveda, Anthroposophische Medizin, NLP, Klinische Mitochondrien- und Umweltmedizin sowie „Kultur des Bewusstseins“ gewählt werden. Auch die sogenannte „Neue Homöopathie nach Körbler“ war Teil des Lehrplans. Der Studiengang richtete sich vor allem an Ärzte, Apotheker und Psychotherapeuten, die neben dem Beruf studieren wollten. Ärztliche Teilnehmer konnten zusätzlich bis zu 250 Fortbildungspunkte erwerben. Für Nicht-Mediziner war der Studiengang auch als Vorbereitung auf die Heilpraktikerprüfung gedacht.
Kontroverse Lehrinhalte und Kooperationen

Das Curriculum des Masterstudiengangs sowie die Kooperationspartner des Instituts sorgten wiederholt für öffentliche Kritik. So wurden in Kursen auch Verfahren wie Elektroakupunktur nach Voll, Radionik, Orgon-Therapie, Klangtherapie oder Energiemedizin vermittelt. Ein Projekt mit dem Titel „Sexualität und Volksmedizin“ bezog sich unter anderem auf das Wirken des umstrittenen Heilpraktikers Bruno Gröning. Zwischen 2009 und 2012 bot das IntraG zudem in Zusammenarbeit mit der Rolf-Schneider-Akademie in Kitzingen einen Vorbereitungskurs auf die Heilpraktikerprüfung an. Die Akademie ist auch für Ausbildungen in Tierkommunikation und „Energietherapie“ bekannt. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin (DGEIM). Gemeinsam sollte 2010 ein Modul „Energy Medicine“ angeboten werden, das unter anderem Konzepte wie Geistheilung, Skalarwellen oder „Bewusstseinsmedizin“ umfasste. Nach öffentlicher Kritik wurden die geplanten Kurstermine jedoch abgesagt. Auch die Liste der Dozenten und Kooperationspartner des Instituts war vielfach Gegenstand von Diskussionen. Neben etablierten Vertretern der Komplementärmedizin waren auch Personen involviert, die mit pseudowissenschaftlichen Theorien in Verbindung gebracht wurden. Dazu zählten unter anderem der Mobilfunkkritiker Joachim Mutter, der Amalgamgegner Rainer Mutschler oder der Begründer der umstrittenen „Kuklinski-Therapie“, Bodo Kuklinski. Auch der Tierarzt Dietmar Cimbal, der sich als astrologischer Berater bezeichnet und mit Geräten wie dem „Prognos“ wirbt, war als Gastdozent tätig. Teilweise wurden Titel wie „Professor“ verwendet, die von nicht anerkannten Institutionen wie der „Internationalen Interakademischen Union“ stammten.
Ayurveda-Professur und internationale Kooperationen
Im Oktober 2010 richtete das IntraG eine durch die indische Regierung finanzierte Gastprofessur für Ayurveda ein. Ziel war es, das Verständnis für traditionelle indische Heilmethoden in Europa zu fördern und entsprechende Lehrinhalte in den Masterstudiengang zu integrieren. Die Professur war formal der Kulturwissenschaftlichen Fakultät zugeordnet. Uni-Rektor Gunter Pleuger erklärte damals, man wolle „zur führenden Hochschule auf dem Ayurveda-Gebiet und darüber hinaus werden“. Neben der indischen Regierung unterhielt das Institut zahlreiche weitere Kooperationen mit nationalen und internationalen Partnern. Dazu zählten unter anderem die Universitäten Northampton (Großbritannien) und Portland (Oregon, USA), das WHO-Collaborating Centre for Traditional Medicine in Mailand sowie verschiedene deutsche Einrichtungen wie die Charité Berlin, die Universität Witten-Herdecke oder das Grönemeyer-Institut für Mikrotherapie in Bochum. Auch verschiedene Verbände und Stiftungen wie die Internationale Gesellschaft für Biologische Medizin, die Deutsche Gesellschaft für Homöopathie und Homotoxikologie oder die Horst-Görtz-Stiftung für Chinesische Lebenswissenschaften kooperierten mit dem IntraG. 2016 fusionierten mehrere dieser Verbände zur Internationalen Gesellschaft für Natur- und Kulturheilkunde e.V. (IGNK).
Einstellung des Lehrbetriebs und Nachwirkungen
Seit dem Wintersemester 2016/17 wurden keine neuen Studierenden mehr im Masterstudiengang aufgenommen. Die Domain intrag.info, die zuvor für die Kommunikation des Instituts genutzt wurde, ist nicht mehr erreichbar. Auch von den offiziellen Webseiten der Europa-Universität Viadrina führen keine Links mehr zum Institut. Der ehemalige Leiter Harald Walach gibt auf seiner persönlichen Webseite an, dass er bis 2016 Professor für Forschungsmethodik an der Viadrina war und seither als freiberuflicher Wissenschaftler und Berater tätig ist. Ein Indiz für die Einstellung der Institutstätigkeit ist auch die Auflösung der SalutoCert GmbH im Jahr 2013, die zuvor ein sogenanntes „Qualitätssiegel“ für Praxen vergab, die mit Methoden der Alternativmedizin arbeiten. Hauptgesellschafter dieser GmbH war der Rechtswissenschaftler Stephan Breidenbach, der zugleich Dekan der Humboldt-Viadrina School of Governance ist. Ob das Institut formell aufgelöst wurde oder lediglich inaktiv ist, konnte bislang offiziell nicht bestätigt werden. Die Europa-Universität Viadrina selbst hat hierzu keine aktuellen Informationen veröffentlicht. Die Entwicklungen werfen jedoch Fragen zur Tragfähigkeit und wissenschaftlichen Legitimation solcher institutsähnlichen Strukturen auf, wenn sie stark auf private Drittmittel und umstrittene Kooperationspartner angewiesen sind.
Weblinks
- Europa-Universität Viadrina – Offizielle Webseite
- Steinbeis-Transfer-Institut Therapeutische Kommunikation