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Jim Humble

Aus Faktenradar

Der US-Amerikaner Jim Humble begründete eine Bewegung um das Produkt „Miracle Mineral Supplement“ (MMS), das in vielen Ländern verboten ist. Seine Organisation „Genesis II Church of Health and Healing“ verkaufte weltweit Scheintitel und verbreitete alternative Heilversprechen.

Vom Ingenieur zum Selbsternannten Bischof

Vom Ingenieur zum Selbsternannten Bischof

James Vernon Humble wurde am 27. Dezember 1932 in den USA geboren und verstarb am 1. September 2023. In früheren Lebensjahren arbeitete er als Ingenieur in der Raumfahrt- und Bergbauindustrie. Eigenen Angaben zufolge war er an Tests von Atombomben und an der Entwicklung von Interkontinentalraketen beteiligt. Später verfasste er Computerhandbücher und experimentierte mit verschiedenen chemischen Verbindungen. Aus dieser Tätigkeit entstand Mitte der 2000er-Jahre ein Gemisch aus Natriumchlorit und einer Säure, das er „Miracle Mineral Supplement“ (MMS) nannte. Humble behauptete, das Präparat wirke gegen Malaria, HIV, Hepatitis, Tuberkulose und verschiedene Krebsformen. Internationale Gesundheitsbehörden stufen Chlordioxid, das nach der Aktivierung des Natriumchlorits entsteht, als gesundheitsschädlich ein; in zahlreichen Staaten ist der Vertrieb für den menschlichen Gebrauch untersagt. Parallel zur Produktvermarktung gründete Humble 2010 die „Genesis II Church of Health and Healing“, deren Mitglieder MMS als „Gesundheitssakrament“ bezeichnen. Trotz kirchlichem Anstritt bezeichnete sich Humble selbst als „nicht religiös“, sondern als „spirituell“.

Weltweite Warnungen und rechtliche Schritte

Weltweite Warnungen und rechtliche Schritte

Seit 2010 veröffentlichten Gesundheitsämter in den USA, Kanada, Großbritannien, Deutschland und weiteren Ländern Warnungen vor dem Genuss von MMS. Die US-Gesundheitsbehörde FDA dokumentierte zahlreiche Nebenwirkungen bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen. Trotzdem organisierte Humble Seminare, in denen Interessierte lernten, das Mittel an Dritte weiterzugeben. 2016 zog er sich nach Mexiko zurück, nahe Guadalajara. In einem Interview mit ABC News relativierte er damals eigene Heilversprechen: „MMS heilt überhaupt nichts.“ 2017 übergab er die Geschäfte an Mark Grenon, der zusammen mit Familienangehörigen weiterhin Chlordioxid-Produkte vertrieb. Im August 2020 wurde Grenon in Kolumbien festgenommen und an die USA ausgeliefert; ihm wird der illegale Verkauf von Bleichmitteln zur inneren Anwendung vorgeworfen. Auch in der Dominikanischen Republik und in Haiti fanden Veranstaltungen statt, bei denen Humble oder seine Anhänger MMS an Einheimische abgaben und dafür Spenden einwarben.

Scheinkirche, Scheintitel und finanzielle Strukturen

Scheinkirche, Scheintitel und finanzielle Strukturen

Die „Genesis II Church of Health and Healing“ ist in den USA als Körperschaft registriert, genießt aber keine Anerkennung durch etablierte Religionsgemeinschaften. Für 10 US-Dollar kann jeder Interessierte Mitglied werden und eine Ausweiskarte erhalten, auf der vermerkt ist, dass der Träger keine Impfungen erhalten müsse. Gegen zusätzliche Gebühren vergibt die Organisation Titel wie „Minister of Health“ (750 USD) oder „Dr.“ (1.500 USD). Die Zahlungen fließen auf ein Konto, das laut Humble nur ihm und seinem Nachfolger bekannt sei. Die Kursabsolventen erhalten Zertifikate, die sie berechtigen sollen, MMS zu vertreiben und sich steuerlich als „Reverend“ oder „Bishop“ auszuweisen. Rechtlich handelt es sich um wertlose Papiere, da die verliehenen Grade keiner staatlichen Anerkennung unterliegen. Die Organisation bezieht sich auf eine angebliche apostolische Sukzession, die über mehrere freikirchliche Gruppierungen in den USA zurückverfolgt wird. Historische Recherchen zeigen, dass einige frühe Vertreter dieser Linien wegen pädophiler Verfehlungen aus kirchlichen Ämtern ausschieden.

Produktpalette jenseits von MMS

Neben dem klassischen MMS bot Humble später ein Präparat namens MMS2 an, das Calciumhypochlorit enthält. In Deutschland wird der Stoff als Schwimmbad-Desinfektionsmittel vertrieben; eine innere Anwendung ist nicht zugelassen. Parallel propagierte Humble die sogenannte Schwarze Salbe, eine Paste aus Kräuterextrakten, die nach Anbieterangaben Haut- und Brustkrebspatienten helfen soll. Bücher dazu vertreibt der „Jim Humble Verlag“ von Leo Koehof. Die Salbe führt häufig zu starken Gewebeschäden, da sie gesundes und krankes Gewebe unterschiedslos zerstört. Auch hierzu liegen mehrere Verbraucherwarnungen vor. Die Vermarktung erfolgte über Online-Shops, alternative Heilkongresse und soziale Medien. Prominente Unterstützer wie Andreas Kalcker oder Michael Harrah traten in Foren als „Bischöfe“ der G2-Kirche auf und verteidigten die Produkte gegen Kritik.

Rückzug und Nachfolge

Nach 2017 trat Humble nur noch selten öffentlich in Erscheinung. Die weltweite Werbung für MMS übernahmen andere Akteure, darunter die Familie Grenon und der deutsche Autor Andreas Kalcker. Letzterer lebt heute nahe Barcelona und veröffentlicht Videos über angebliche Erfolge von Chlordioxid. Die Anhängerschaft organisiert sich in Chatgruppen und verschickt Produkte trotz bestehender Verbote. Die FDA sicherte sich 2020 die Domain „genesis2church.is“, nachdem Ermittler nachweisen konnten, dass von dort aus Chlordioxid in die USA importiert wurde. Humble selbst hielt sich bis zu seinem Tod in Mexiko auf. Seine Tochter Paris Humble-Chavez ist nach Medienberichten aktive Scientologin; auch Humble soll laut Belltower.News von 1981 an mehr als 25 Jahre der Organisation angehört haben. Diese Verbindung nutzte er jedoch nicht offiziell für seine späteren Aktivitäten.

Weblinks

  1. Der Standard: Bishop Jim Humble und seine Sakramente, die nach Hallenbad duften
  2. Medizin Transparent: MMS – das gefährliche „Wundermittel“
  3. The Guardian: Miracle Mineral Solution – MMS is industrial bleach

Einzelnachweise

  1. Spiegel Online: MMS-Quacksalber werben auf Kongress in Hannover
  2. Belltower.News: Chlordioxid – Die Ideologie hinter CDL und MMS
  3. ABC News: Fringe church founder says MMS cure
  4. Fiscalía General de Colombia: Festnahme von Mark und Joseph Grenon