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LESA

Aus Faktenradar

Seit 2004 warb die Berliner LESA Maschinen GmbH für ein Holz-Kleinkraftwerk mit 60 % Wirkungsgrad – ein Wert, der das Carnot-Limit sprengt. Kein Prototyp wurde je öffentlich vorgeführt, dennoch flossen Millionen von Anlegergeldern. 2023 endete das Projekt in der Insolvenz.

Gründung, Versprechen und physikalische Behauptungen

Gründung, Versprechen und physikalische Behauptungen

Die LESA Maschinen GmbH ging 2004 aus einer Idee des gelernten Kirmesautomatenbauers Bernhard Schaeffer hervor. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Gelia Lerche gründete er das Unternehmen mit Sitz in Berlin, um einen „Mischdampf-Motor“ zu kommerzialisieren. Als Arbeitsmedium sollte ein Gemisch aus Wasser und Benzol dienen; durch die angebliche Zusatzwirkung des Benzoldampfs versprach man sich einen thermischen Wirkungsgrad von nahezu 39 % – deutlich über dem nach dem Carnot-Limit maximal möglichen Wert von etwa 22 % bei den geplanten Prozesstemperaturen. In Firmenunterlagen wurde sogar von 60–65 % ausgegangen und explizit behauptet, den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik „widerlegt“ zu haben. Für die angebliche Grundlage verwies Schaeffer auf ein 1931 erteiltes Patent des Ungarn Arnold Irinyi sowie auf vermeintliche Weiterentwicklungen des Ingenieurs Rudolph Doczekal. Die Fachdiskussion der frühen 1930er-Jahre hatte Irinyis Versuche jedoch bereits als fehlerhaft verworfen, was in der Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure und im „Archiv für Wärmewirtschaft und Dampfkesselwesen“ dokumentiert ist.

Finanzierungsmodell und Renditekalkulationen

Finanzierungsmodell und Renditekalkulationen

Um die Entwicklung zu finanzieren, wandte sich LESA an private Kleinanleger. Bereits 2008 kursierte eine Informationsbroschüre, in der ein garagengroßes 30-kW-Kraftwerk mit Holzhackschnitzeln als Brennstoff beschrieben wurde. Die Anschaffungskosten beliefen sich laut Prospekt auf 120 000 €, die sich über elf Jahre aus dem Stromverkauf tilgen sollten. Für eine Beteiligung von 1 000 € kalkulierte das Unternehmen eine Gesamtrendite von über 800 000 € innerhalb von 20 Jahren, bei Fremdbetrieb immerhin noch 300 000 €. Später stieg der Mindestbetrag auf 2 500 €; dafür wurden fünf Prozent Grundverzinsung plus drei Prozent Gewinnbeteiligung in Aussicht gestellt. Die Berechnungen basierten auf einer konstanten Einspeisevergütung von 17,84 Cent/kWh, die das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) 2009 für Biomasseanlagen zunächst vorsah. Allerdings sank der gesetzliche Wert für Holzstrom jährlich um ein Prozent, und die Höchstbemessungsleistung von 30 kW musste das Gerät 8 760 Stunden im Jahr abliefern, um die prognostizierten 47 711 € Bruttoeinnahmen zu erzielen. Hinzu kamen unrealistisch niedrige Brennstoffkosten: Für 94 Tonnen Hackschnitzel pro Jahr rechnete LESA mit einem Heizwert von mehr als 4 kWh/kg – ein Wert, der nur bei Pellets erreichbar ist, für die jedoch kein EEG-Bonus gewährt wird. Mit Waldhackschnitzeln wären 150–200 Tonnen nötig gewesen, was allein 15 000 € Materialkosten im Jahr verursacht hätte.

Öffentliche Wahrnehmung, Zweifel und ausbleibende Nachweise

Öffentliche Wahrnehmung, Zweifel und ausbleibende Nachweise

Trotz wiederholter Ankündigungen wurde der Öffentlichkeit nie ein laufender Prototyp vorgeführt. Stattdessen hieß es in Rundschreiben und Online-Foren stets, man befinde sich „kurz vor dem Durchbruch“ oder müsse „nur noch kleine Probleme“ lösen. Im Dezember 2008 erklärte das Unternehmen, die Maschine laufe „eindeutig“ über dem Carnot-Wirkungsgrad – eine Behauptung, die unabhängige Messungen nie erhärteten. Auf Drängen von Anteilseignern lehnte LESA wiederholt externe Gutachten ab. Als 2011 Liquiditätsengpässe drohten, vermittelte die Beratungsfirma MAC Management aus Köln angeblich einen Kredit von 125 Millionen Euro eines „Großinvestors“. Bis zur Auszahlung sollten Anleger erneut 500–1 000 € als Überbrückungsdarlehen bereitstellen. Die Bilanzen, die LESA beim Bundesanzeiger einreichte, belegen den kontinuierlichen Rückgang der stillen Einlagen: von 4,3 Millionen Euro (2007) auf 530 000 Euro (2013). Geschäftskonten führte das Unternehmen bei der anthroposophisch geprägten GLS-Bank und der Ethik-Bank. Seit 2014 waren kaum noch Aktivitäten dokumentiert; im Jahr 2023 beantragte die GmbH Insolvenz, und im April 2023 wurde sie liquidiert.

Patente, Kooperationen und historische Einordnung

Bernhard Schaeffer hinterlässt mehrere Patente, darunter die 1991 angemeldete „Wärmekraftmaschine“ (DE 4101500 A1) sowie drei weitere Schutzrechte aus dem Jahr 2008 zu Ventilsteuerungen, Kolbenkraftmaschinen mit hydraulischer Kraftübertragung und Mischdampferzeugung. Neben LESA war sein Name auch bei der „Weltwärmeenergie“ verbunden, einem Zusammenschluss mit der Velberter Permobil GmbH & Co. KG, deren Geschäftsführung der Anthroposoph Hans Wilhelm Colsman innehatte. Die Gesellschaft wurde 2011 gelöscht. In der Szene der sogenannten „Freien Energie“ reiht sich das LESA-Projekt ein in eine lange Liste deutschsprachiger Initiativen, die unter Berufung auf vermeintliche Meisterleistungen der Thermodynamik Anlagenmodelle mit utopischen Renditen bewarben. Keines dieser Konzepte konnte die physikalischen Grundlagenexperimente unabhängig bestehen; die meisten endeten wie LESA in finanziellem Schaden für die Anleger.

Weblinks

  1. Insolvenzbekanntmachung LESA Maschinen GmbH

Veröffentlichungen