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Das offene Wiki zur kritischen Einordnung von Pseudowissenschaft, Verschwörungserzählungen und Desinformation im deutschsprachigen Raum — 401 Artikel mit transparenten Quellen und dokumentiertem Korrekturrecht.

NachDenkSeiten

Aus Faktenradar

Seit 2003 kommentiert das Blog „NachDenkSeiten“ Politik und Gesellschaft. Was einst als kritische Gegenöffentlichkeit galt, steht heute in dem Verdacht, sich zum Sprachrohr rechter und rechtspopulistischer Positionen sowie zur Propagandahilfe für die BSW-Partei entwickelt zu haben.

Gründung und personelle Entwicklung

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Die NachDenkSeiten gingen am 30. November 2003 online. Initiator war der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Albrecht Müller, der zuvor vergeblich versucht hatte, gemeinsam mit Gewerkschaften und der Otto-Brenner-Stiftung ein alternatives Informationsangebot gegen die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft aufzubauen. Nachdem die Gespräche mit DGB und IG Metall scheiterten, startete Müller das Projekt eigenständig. Bis Oktober 2015 fungierte der Diplom-Volkswirt Wolfgang Lieb als zweiter Herausgeber; er verließ das Portal mit dem Vorwurf, die Seite habe sich inhaltlich und methodisch verengt. Seit 2011 gehört der ehemalige Spiegelfechter-Blogger Jens Berger zum Team, heute als Chefredakteur. Weitere feste Autoren sind Lars Bauer, Anette Sorg, Christian Reimann, Carsten Weikamp und André Tautenhahn. Florian Warweg, zuvor Leiter der Online-Redaktion von RT Deutsch, betreut das Projekt „Faktencheck der Faktenchecker“. Zwei Autoren treten lediglich mit Initialen (J. K., C. G.) in Erscheinung.

Inhaltliche Ausrichtung und Selbstverständnis

Inhaltliche Ausrichtung und Selbstverständnis

Das Blog versteht sich als „kritische Website“ und als Gegenöffentlichkeit zu etablierten Medien. Täglich erscheint die Rubrik „Hinweise des Tages“, in der Artikel aus der deutschsprachigen und internationalen Presse kommentiert werden. Schwerpunkte bilden die Finanz- und Eurokrise, die deutsche Europapolitik sowie Medienkritik. Die Autoren kennzeichnen sich als Gegner „neoliberaler“ und „konservativer“ Denkmuster und beanspruchen, systematische Manipulationen in der öffentlichen Meinungsbildung aufzudecken. Dabei bedienen sie sich zunehmend eines Vokabulars, das sonst eher Verschwörungskulturen zugerechnet wird: „Kampfpresse“, „Lückenpresse“ oder „Lügenpresse“ stehen für einen pauschalen Medienverdacht. Albrecht Müller wirft deutschen Leitmedien einen „Informationskrieg“ gegen seine Plattform vor, ohne dafür belastbare Belege vorzulegen.

Kooperationen und Netzwerke

Kooperationen und Netzwerke

Seit 2014 arbeiten die NachDenkSeiten mit dem Web-TV-Projekt weltnetz.tv des Unternehmers Dieter Böhm zusammen. Böhms Toskanaworld-Gruppe betreibt unter anderem den Thüringer Lokalsender Salve TV, der wiederholt Inhalte von RT Deutsch übernahm und sich im April 2017 für Marine Le Pen einsetzte. Auch sonst verweisen die NachDenkSeiten regelmäßig auf Autoren, die gleichzeitig für russische Staatsmedien wie RT Deutsch, Sputnik oder RIA Novosti tätig sind. Der Autor Tilo Gräser schrieb von 2017 bis August 2020 für Sputnik und verbreitete unter anderem Zweifel am offiziellen Untersuchungsergebnis zum Absturz von Flug MH17. Weitere Kooperationspartner sind das Magazin Rubikon, das Blog Free21 und die ehemalige KenFM-Plattform Apolut. Diese Vernetzung führt zu wiederholten Überschneidungen bei Themen und Personalien.

Kritik an Einzeljournalisten und Wissenschaftsfeindlichkeit

Im März 2014 veröffentlichte Albrecht Müller eine Liste mit neun namhaften Journalisten – darunter Josef Joffe, Stefan Kornelius und Claus Kleber – und forderte die Leser auf, deren Glaubwürdigkeit „im Mark“ zu erschüttern. Die Aktion wurde von der Süddeutschen Zeitung satirisch kommentiert; die NachDenkSeiten reagierten mit zwei ausführlichen Gegenartikeln. Gleichzeitig zeigen sich die Autoren seit Jahren skeptisch gegenüber wissenschaftlichen Konsenspositionen. So wurde die internationale Kampagne „March for Science“ 2017 als „Aufhetzung“ der Öffentlichkeit gegen vermeintliche „Alternative Fakten“ kritisiert. Statt die Forderung nach evidenzbasierter Politik zu unterstützen, wurde ein Leserbrief abgedruckt, der die Kampagne mit dem Giftgas-Einsatz im Ersten Weltkrieg durch den deutschen Nobelpreisträger Fritz Haber diskreditieren wollte.

Reichweite und politische Einflussnahme

Die Plattform erreicht nach eigenen Angaben monatlich zwischen 600.000 und 800.000 Unique User. Ihre Inhalte werden in sozialen Netzwerken intensiv geteilt, wobei Facebook-Gruppen wie „NachDenkSeiten-Leser“ oder „Aufstehen – Wagenknechts Sammlungsbewegung“ eine wichtige Rolle spielen. Seit Gründung der Bündnis-Sarah-Wagenknecht-Partei (BSW) im Januar 2024 fungieren die NachDenkSeiten als wichtiges publizistisches Sprachrohr: Interviews mit BSW-Funktionären, wohlwollende Berichte über Parteiveranstaltungen und programmatische Beiträge dominieren zunehmend das Angebot. Albrecht Müller trat wiederholt als Redner bei BSW-Veranstaltungen auf und wurde von der Partei offiziell als „Unterstützer“ geführt. Kritiker werfen dem Blog vor, sich damit von einer alternativen Medienplattform zur parteipolitischen Kampagnenwebsite gewandelt zu haben.

Verdacht auf systematische Desinformation

Mehrere Studien und Recherchen des vergangenen Jahres belegen, dass Inhalte der NachDenkSeiten wiederholt in pro-russischen Desinformationskampagnen auftauchen. So zitierte der russische Staatssender RT Deutsch die Seite als Quelle für angebliche US-Biolabore in der Ukraine, während das Online-Magazin „Volksverpetzer“ eine Reihe von Falschbehauptungen zu Corona-Impfstoffen und zur Energiekrise aufdeckte, die sich über die NachDenkSeiten verbreiteten. Die Otto-Brenner-Stiftung monierte „unwahre Tatsachenbehauptungen“ in Artikeln zur Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet die Plattform im Kontext sogenannter „Querfront“-Aktivitäten, ohne sie bisher offiziell als extremistisch einzustufen. Die Betreiber weisen alle Vorwürfe zurück und sprechen von einem „Informationskrieg“ gegen ihre Seite.

Weblinks

  1. Offizielle Website der NachDenkSeiten
  2. Zeit-Artikel „Wagenknechts Schreibbrigade“ (8.12.2023)
  3. taz-Analyse „Forscher über den Blog Nachdenkseiten“
  4. Bericht der Otto-Brenner-Stiftung zu „unwahren Tatsachenbehauptungen“
  5. Belltower-Beitrag „Antisemitismus von links?“