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Das offene Wiki zur kritischen Einordnung von Pseudowissenschaft, Verschwörungserzählungen und Desinformation im deutschsprachigen Raum — 401 Artikel mit transparenten Quellen und dokumentiertem Korrekturrecht.

Netzfrauen

Aus Faktenradar

Seit 2013 verbreitete das Blog „Netzfrauen“ Beiträge zu Umwelt, Gesundheit und Gentechnik – mit hohem Engagement, aber auch mit massiven Faktendarstellungsproblemen. Eine Bilanz.

Gründung, Struktur und Reichweite

Gründung, Struktur und Reichweite

Das Blog „Netzfrauen“ ging im Herbst 2013 online. Initiatorin war Dorothea „Doro“ Schreier, geboren 1961, ehemalige Bankangestellte aus Schacht-Audorf bei Rendsburg. Nach eigenen Angaben wollte sie Frauen eine Plattform bieten, um sich im Netz zu vernetzen und gesellschaftliche Themen zu diskutieren. Die redaktionelle Arbeit konzentrierte sich jedoch schnell auf Schreier selbst: Trotz eines Teams von offiziell zehn Autorinnen stammte laut Impressum und Beobachtern der Großteil der Texte von ihr. Die Seite wurde über Google-AdSense finanziert; gleichzeitig betonte der Disclaimer, die Mitarbeit erfolge „unentgeltlich“. Die Facebook-Seite der Netzfrauen bezeichnete sich als „Bildungswebseite“ und zählte 2015 rund 170.000 Abonnenten. Die SHZ berichtete im März 2014 von 340.000 monatlichen Blog-Besuchern; ein Jahr später sprach Schreier von „fast einer Million“ Leserinnen und Lesern. Ob diese Zahlen durch Dritte überprüft wurden, ist nicht dokumentiert. Auffällig war die hohe Aktivität männlicher Kommentatoren, die sich mit einheitlichem Sprachduktus und oft anonymisierten Namen (z. B. „Stefan M.“, „Helmut B.“) für die Blogposition einsetzten – ein Umstand, der wiederholt interne wie externe Kritik auslöste.

Inhaltliche Schwerpunkte und wissenschaftliche Kritik

Inhaltliche Schwerpunkte und wissenschaftliche Kritik

Die Themenpalette reichte von Atomkraft über Gentechnik bis zu Ernährung und Impfstoffen. Dabei fiel ein wiederkehrendes Muster auf: apodiktische Warnungen vor angeblich bevorstehenden Katastrophen, ergänzt durch Verweise auf Einzelstudien oder Blogs, deren Ergebnisse nicht im wissenschaftlichen Konsens standen. Nach dem Reaktorunfall von Fukushima 2011 titelte Netzfrauen, es handle sich um den „gefährlichsten Moment in der Geschichte der Menschheit“ und warnte vor einem „Jahrhunderte andauernden tödlichen Strom von Radioaktivität“. Die Behauptung, eine Kernschmelze im Block 4 werde „unser aller Überleben“ bedrohen, widersprach offiziellen Lageberichten der IAEO und japanischen Behörden, die ein solches Szenario für technisch ausgeschlossen hielten. Auch die These, 98 Prozent des Meeresbodens vor Kalifornien seien „mit toten Tieren bedeckt“, wurde von Meeresbiologen widerlegt: Die Fläche betrug lediglich 20 Quadratmeter, und die Tiere handelte es sich um abgestorbene Salpen – ein regelmäßiges, natürliches Phänomen. Gleiches galt für Berichte über kahle Stellen bei Eisbären in Alaska: Forscher führten die Beobachtungen auf Bakterieninfektionen zurück, nicht auf radioaktive Verseuchung. Impfkritische Beiträge behaupteten schwerwiegende Nebenwirkungen der HPV-Impfung und führten diese auf eine angebliche „Bill-Gates-Allianz“ mit der WHO zurück. Die deutsche Impfkommission STIKO sowie das Paul-Ehrlich-Institut wiesen entsprechende Risikoangaben als nicht haltbar zurück. Auch zur Ebola-Epidemie 2014/15 veröffentlichte das Blog, es handle sich um eine „inszenierte Panik“ der Pharmaindustrie. Die Weltgesundheitsorganisation WHO betonte hingegen die außergewöhnliche Gefährlichkeit des Virus und die Notwendigkeit internationaler Gegenmaßnahmen.

Fracking, „Kuhfladen“ und Satire als Quelle

Fracking, „Kuhfladen“ und Satire als Quelle

Ein besonders krasses Beispiel fehlender Quellenprüfung lieferte ein Artikel vom 17. April 2015. Unter dem Titel „Gasland – Fracking-Claims der Konzerne in NRW – Erdbeben in Leipzig“ verknüpfte das Blog ein Beben südöstlich von Halle (Saale) mit angeblich „geheimen Fracking-Bohrungen“. Als Beleg diente ein Bild, das zuvor ausschließlich auf dem Satireblog „der-kaiserschmarrn.com“ erschienen war – dort hatte es die fiktive Gewinnung von Gas aus „jahrtausende alten Kuhfladen“ in 15 Kilometern Tiefe illustriert. Die Netzfrauen übernahmen die Grafik, ohne deren satirischen Kontext zu kennzeichnen. Zudem verorteten sie die Autobahn A33 irrtümlich in Sachsen-Anhalt; tatsächlich verläuft sie in Nordrhein-Westfalen. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe erklärte das Beben mit der regionalen Störungszone Leipzig-Regensburg und wies jeden Zusammenhang zu Fracking zurück – die tiefste jemals durch Menschen erreichte Bohrung liegt bei zwölf Kilometern, Erdgasbohrungen finden deutlich oberhalb dieser Tiefe statt.

Tchibo, „Puschel-Gate“ und Umgang mit Gegenrecherche

Im Dezember 2015 riefen die Netzfrauen auf Facebook zum Boykott eines Tchibo-Schlüsselanhängers auf, dessen Bommel sie fälschlicherweise für Katzen- oder Hundefell hielten. Der Hersteller wies umgehend nach: Das Material bestehe laut Prüfinstitut zu 90 Prozent aus Polyacryl und zu 10 Prozent aus Polyester; echtes Fell werde seit 2008 nicht mehr verwendet. Mehrere Blogs – darunter die österreichische Aufklärungsplattform Mimikama – dokumentierten die Richtigstellung. Statt die Korrektur zu übernehmen, forderten die Netzfrauen von Mimikama eine Entschuldigung und löschten kritische Kommentare auf ihrer Facebook-Seite. Der ursprüngliche Verdachtsbeitrag verschwand schließlich ebenso wie die Korrektur. Stattdessen verbreitete das Blog Spekulationen über Beteiligungen der Familie Rothschild an Tchibo-Eigentümer Beiersdorf – eine Behauptung, für die keine Belege vorgelegt wurden.

Personelle Einbettung und politische Nähe

Doro Schreier war zeitweise in der deutschen Occupy-Bewegung aktiv und trat unter dem Facebook-Pseudonym „occupy“ auf. Mehrere Mitglieder der Bewegung bezeichneten sie als „führendes Mitglied“ des deutschen Ablegers des „Zeitgeist Movement“, einer Internetinitiative, die unter anderem Verschwörungstheorien zum Bankensystem verbreitet. Schreier bestritt eine formale Mitgliedschaft. Spannungen entstanden, nachdem sie 2012 auf Occupy-Seiten einen Artikel veröffentlichte, der den damaligen FDP-Politiker Hans-Olaf Henkel unkritisch würdigte. Der Text wurde inzwischen gelöscht, war aber Gegenstand von Beiträgen auf Heise online und den NachDenkSeiten. In diversen Publikationen wird das Netzfrauen-Blog zudem in einem Atemzug mit rechtsoffenen Desinformationsangeboten genannt – eine Einordnung, die sich vor allem auf die wiederholte Verbreitung von Fehlinformationen und die Ablehnung etablierter Medien stützt.

Ausklang und Bilanz

Anfang 2017 kündigte Schreier das Ende des Projekts an. Als Grund nannte sie personelle Überlastung und „zunehmende Anfeindungen“. Die Facebook-Seite wurde zunächst weiter betrieben, verzeichnete aber sinkende Interaktionsraten. Die Domain netzfrauen.org ist inzwischen offline; einige Beiträge sind über Web-Archive zugänglich. Faktenchecks von Wissenschaftsorganisationen, aber auch von Privatbloggern, attestieren dem Angebot eine Mischung aus zivilgesellschaftlichem Engagement und systematischer Fehlinformation. Die wiederholte Verwendung ungeprüfter Quellen, die Verweigerung von Korrekturen sowie die emotionalisierte Katastrophenrhetorik führten dazu, dass das Blog in der Öffentlichkeit zunehmend als Beispiel für „Alarmismus ohne Evidenz“ diskutiert wurde. Ob die Verantwortlichen langfristig Konsequenzen aus der Kritik gezogen haben, bleibt offen – eine abschließende Bilanz liegt bislang nicht vor.

Weblinks

  1. Archiv der Netzfrauen (Stand 2017)
  2. Mimikama: Recherche zu Tchibo-Vorwurf
  3. Bundesanstalt für Geowissenschaften: Erläuterung zum Erdbeben bei Halle 2015

Einzelnachweise

  1. Schleswig-Holsteinische Zeitung v. 3.3.2014: „Netzfrauen und Stil-Experten: Blogs aus SH“
  2. GWUP: „Jetzt wird’s richtig lustig – Die Netzfrauen und der charismatische Guru“, 1.8.2016
  3. Huffington Post: „Wirbel um Tchibo: Hunderte Nutzer fallen auf Facebook-Post herein“, 14.12.2015