Orthomolekulare Medizin
Die orthomolekulare Medizin verspricht Gesundheit durch hochdosierte Vitamine. Doch Studien zeigen: Die erhofften Effekte bleiben aus, während die Gefahren real sind.
Grundannahmen und historische Entwicklung
Als „orthomolekular“ bezeichnet man die Gabe von Stoffen, die dem Körper in Konzentrationen zugeführt werden, die laut Lehre über dem physiologischen Bedarf liegen. Ziel ist es, ein vermutetes biochemisches Ungleichgewicht zu korrigieren und damit Krankheiten zu verhindern oder zu lindern. Der Begriff geht auf Linus Pauling zurück, der 1968 in der Zeitschrift Science erstmals ein entsprechendes Konzept skizzierte. Pauling postulierte, dass moderne Lebensmittel durch Züchtung, Lagerung und Verarbeitung an lebenswichtigen Inhaltsstoffen verarmt seien; daher könne allein über die normale Ernährung der Bedarf nicht gedeckt werden. Diese Lücke sollten hochdosierte Präparate schließen – insbesondere Vitamin C, das Pauling selbst in Tagesmengen von bis zu 18 Gramm einnahm. Die Idee griff rasch um: In den 1970er Jahren entstand ein weltweiter Markt für Megavitamin-Produkte, der bis heute jährlich mehrere Milliarden Euro umsetzt. Neben Pauling propagierten auch andere Akteure wie der deutsche Arzt Matthias Rath das Konzept weiter und erweiterten es um Behauptungen zur Heilung von Arteriosklerose oder sogar AIDS. Die orthomolekulare Psychiatrie wiederum, vorangetrieben von Abram Hoffer und Humphry Osmond, setzte hohe Dosen Nicotinsäure zur Behandlung von Schizophrenie ein – ein Ansatz, der später von Carl C. Pfeiffer durch eine umstrittene „Biotypologie“ ergänzt wurde.
Anwendungsfelder und kommerzielle Vermarktung
Befürworter empfehlen orthomolekulare Regime bei nahezu jedem Krankheitsbild: von Krebs, multipler Sklerose und Arteriosklerose über Diabetes, Osteoporose und Rheuma bis hin zu grippalen Infekten. Die Präparate werden meist als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben, weil nur wenige Zubereitungen in Deutschland eine Arzneimittelzulassung besitzen. Die rechtliche Unterscheidung hat Konsequenzen: Werbung darf keine Heilungsversprechen enthalten, und die Kassen übernehmen keine Kosten. Dennoch lassen sich Hersteller durch geschickte Formulierungen („für die normale Funktion des Immunsystems“) in einer Grauzone bewegen. Viele Kunden greifen deshalb zu Produkten aus dem Ausland, die über Internetapotheken vertrieben werden und teils mehrfach über dem empfohlenen Höchstwert liegen. Allein 1994 belief sich der deutsche Verkauf von Vitamin-B- und Vitamin-E-Kombinationspräparaten nach Daten des Gesundheitswesens auf rund 70 Millionen Euro; der Weltmarkt für Vitamine wird auf etwa 2,5 Milliarden Euro jährlich geschätzt.
Studienlage: Fehlende Wirksamkeit bei Erkältung, Herz-Kreislauf und Krebs
Trotz mehr als fünf Jahrzehnten Forschung fehlt ein belastbarer Nachweis für klinische Vorteile. Die Cochrane Collaboration fand in einer Metaanalyse von 29 Studien mit über 11.000 Teilnehmern keinen Effekt von Vitamin C auf Häufigkeit oder Dauer von Erkältungen; nur bei Marathonläufern oder Polarforschern zeigte sich ein marginaler Nutzen. Auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen blieb die Bilanz ernüchternd: Die Alpha-Tocopherol-Beta-Carotene-Studie (ATBC) an 29.133 finnischen Rauchern ergab nach durchschnittlich sechs Jahren keine signifikante Reduktion kardialer Ereignisse unter 50 mg Vitamin E täglich. Die Cambridge-Heart-Antioxidant-Studie (CHAOS) zwar eine niedrigere Ereignisrate (4,0 % vs. 6,6 % unter Placebo), doch die Gesamtsterblichkeit stieg unter Vitamin E (3,5 % vs. 2,7 %). Die GISSI- und HOPE-Studien bestätigten jeweils das Fehlen eines signifikanten Schutzes. Auch hochdosiertes ß-Carotin erhöhte in der CARET-Studie bei 18.000 exponierten Personen die Lungenkrebsmortalität um 46 %. Für Vitamin B12 verlief eine 2010 in JAMA veröffentlichte Sechsjahresstudie mit 12.000 Herzinfarktüberlebenden negativ: Weder kardiale noch onkologische Endpunkte verbesserten sich messbar.
Risiken und dokumentierte Nebenwirkungen
Die Gefahren hochdosierter Zufuhr sind gut dokumentiert. Fettlösliche Vitamine (A, D, E, K) reichern sich im Körper an und können toxisch wirken. Bereits Dosierungen von mehr als 400 IE Vitamin E pro Tag korrelieren in drei unabhängigen Metaanalysen mit einer erhöhten Gesamtsterblichkeit. Vitamin C ab etwa einer Gramm-Dosis löst häufig Durchfall und Koliken aus, beeinflusst Östrogen-, Schilddrüsen- und Insulinspiegel, zerstört Vitamin B12 und steigert die Aluminium-Resorption mit potenziellen Knochen- und Neurotoxizitätsrisiken. Bei rund 10 % der Bevölkerung führt hohe Vitamin-C-Zufuhr zur Bildung von Oxalat-Nierensteinen. Vitamin B6 in Megadosen verursacht sensorische Neuropathien bis hin zu Lähmungserscheinungen; überdosiertes Niacin kann zu Leberschäden und Gelbsucht führen. Vitamin-A-Präparate steigern bei Rauchern und asbest-exponierten Arbeitern das Bronchialkarzinomrisiko. Selbst wasserlösliche Vitamine sind nicht generell harmlos: In mehreren Kohortenstudien verkürzte sich bei Langzeitnutzern hochdosierter Multivitamin-Produkte die durchschnittliche Lebenserwartung messbar.
Stellungnahmen von Fachgesellschaften und regulatorische Maßnahmen
Wissenschaftliche Organisationen wie die American Medical Association, die American Psychiatric Association und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sehen in der orthomolekularen Medizin kein legitimes Therapieverfahren. Die American Medical Society kommt in einem 1997 veröffentlichten Report zum Schluss, dass weitverbreitete Mangelzustände nicht bestehen, ungesunde Ernährung nicht der Hauptauslöser chronischer Krankheiten sei und Supplementierung diese folglich nicht heile. Die Fachverbände für Psychiatrie warnen eindringlich vor der Anwendung in der Schizophrenie-Therapie, da randomisierte Studien keine Überlegenheit gegenüber Placebo zeigten und Nebenwirkungen häufig seien. Regulierungsbehörden versuchen, durch Höchstmengen-Listen und Werbeverbote für Heilungsversprechen zu begrenzen, was angesichts des grenzüberschreitenden Online-Handels jedoch nur teilweise gelingt. Die Kostenübernahme durch gesetzliche Krankenkassen ist in Deutschland ausgeschlossen, solange kein nachgewiesener Nutzen vorliegt.
Weblinks
- Quackwatch: Orthomolecular Medicine
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Vitamin C und Zink nicht zur Infektprophylaxe empfohlen
- JAMA Meta-Analyse zu Antioxidanzien und Mortalität
Veröffentlichungen
- Armitage JM et al. Effects of homocysteine-lowering with folic acid plus vitamin B12 vs placebo on mortality and major morbidity in myocardial infarction survivors: a randomized trial. JAMA 2010;303:2486-94
- Bjelakovic G, Nikolova D, Gluud LL et al. Mortality in randomized trials of antioxidant supplements for primary and secondary prevention: systematic review and meta-analysis. JAMA 2007;297:842-57
- Hemilä H, Chalker E. Vitamin C for preventing and treating the common cold. Cochrane Database Syst Rev 2013;(1):CD000980