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Regentreff

Aus Faktenradar

Seit 1986 findet in Regen monatlich ein „Freier Treff für Grenzwissen“ statt. Organisiert von Buchhändler Oliver Gerschitz, zog das Format Vortragende aus Esoterik-, Verschwörungs- und später auch rechtspopulistischen Milieus an.

Vom UFO-Stammtisch zum Kongressformat

Vom UFO-Stammtisch zum Kongressformat

Anfang 1986 lud der Osiris-Buchversand aus Schönberg erstmals zu einem UFO-Stammtisch in den niederbayerischen Grenzort Regen ein. Aus dieser Runde entwickelte sich der „Regentreff“, der sich seitdem als monatliche Veranstaltung etablierte und ab 2000 jährlich um einen mehr­tägigen Herbstkongress erweitert wurde. Veranstalter ist weiterhin Osiris-Inhaber Oliver Gerschitz, der die Treffen als „offenes Forum für Grenzwissen“ bewirbt. Themenliste und Selbstbeschreibung umfassen Ufos, alternative Geschichtsschreibung, angebliche Geheimtechnologien, Esoterik sowie „klassische“ Verschwörungsnarrative. Die Teilnehmerzahl schwankt lokalen Medienberichten zufolge zwischen 80 und 200 Besuchern pro Abend; der Herbstkongress zieht bisweilen Gäste aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an.

Programm und umstrittene Inhalte

Programm und umstrittene Inhalte

Das Spektrum der Vorträge reicht von Archäokryptologie und „Hohlerde“-Spekulationen bis zur Leugnung anthropogener Klimaveränderung. Immer wieder finden sich Referenten, die die Germanische Neue Medizin (GNM) nach Ryke Geerd Hamer propagieren; ein Christian Kaiser präsentierte sich dabei wiederholt als Ansprechpartner. Eine RBB-Sendung dokumentierte zudem, dass im April 2015 der Medizinlaie Ali Erhan für das Chlordioxid-haltige „Wundermittel“ MMS warb – ein Produkt, das europäische Gesundheitsbehörden wegen erheblicher Nebenwirkungen warnen. Im Buch- und Informationsstand am Veranstaltungseingang kursierten in der Vergangenheit auch Publikationen, die in die Nähe des Holocaustleugnungs­spektrums geraten; ein Prospekt fragte etwa zynisch, „dass die SS in den Konzentrationslagern mit teuerster High-Tech versuchte, das Leben der dortigen Häftlinge zu retten“[1]. Der bayerische Staatsschutz überprüfte die Veranstaltung wiederholt wegen des Verdachts rechtsextremer Aktivitäten, ohne bisher öffentlich ein Ermittlungsverfahren anzukündigen.

Wechselnde Locations und wachsende Kritik

Wechselnde Locations und wachsende Kritik

Bis 2005 tagte der Regentreff im Kolpingsaal der katholischen Kolpingsfamilie Regen, danach zog man in den Landgasthof „Zur alten Post“ im Stadtteil March um. Zwischenzeitlich nutzte Gerschitz auch das Donaucenter Schubert in Osterhofen und die Sonnentherme Eging am See. 2025 kehrte die Runde lokalen Medien zufolge in das Kolpinghaus zurück. Die Zusammenarbeit mit dem katholischen Sozialverband stößt seit Jahren auf Kritik: Das Kolpingwerk Deutschland erklärte unlängst, „jegliche Form von Extremismus“ abzulehnen und distanziert sich „von Vertragsabschlüssen einzelner Mitglieder oder Einrichtungen auf lokaler Ebene mit Antisemiten, ,Querdenkern‘ und Corona-Leugnern“[2]. Die Bundessatzung verpflichte zur Förderung demokratischer Werte und christlicher Prinzipien; Veranstaltungen, die gegen diese Grundsätze verstoßen, seien in Kolpinghäusern unzulässig. Trotzdem wurde der Saal weiter vermietet – betreut wird er laut Bayerwald-Wochenblatt vom CSU-Stadtrat Wolfgang Stoiber, der dort einen Partyservice betreibt.

Ein Netzwerk aus Publizisten und Aktivisten

Zu den wiederkehrenden Rednern zählen Esoterik-Autor Dieter Broers, der Schweizer Ufologe Erich von Däniken, der ehemalige „Hartgeld“-Redakteur Thomas Bachheimer sowie der Impfgegner Stefan Lanka. Auch AfD-nahe Akteure waren zuletzt präsent: Der Publizist Collin McMahon, Mitarbeiter des Europaabgeordneten Joachim Kuhs und enger Vertrauter des Bundestagsabgeordneten Petr Bystron, sprach 2022 über „Freie Medien“. Der Oberbayerische Stefan Spiegelsberger, Kolumnist des „Deutschland Kuriers“ und Mitglied im AfD-Kreisverband Mühldorf, referierte über geopolitische Verschwörungsmuster. Dass ausschließlich Männer das Podium besetzen, fällt dabei ebenso auf wie die thematische Durchmischung: von angeblichen Chemtrails (Paul Schlie) über „Exopolitik“ (Robert Fleischer) bis hin zur angeblichen „Bevölkerungsreduktion“ (Gabriele Schuster-Haslinger). Das ehemalige Regentreff-Forum, bis 2013 online, fungierte als Kommunikationsplattform und Werbeportal für den Osiris-Versand; ein rückwärts laufender Countdown, der am 12. August 2013 endete, blieb bis heute unerklärt.

Öffentliche Wahrnehmung und wissenschaftliche Einordnung

Medienwissenschaftler und Extremismusforscher ordnen den Regentreff seit Jahren in das Schnittfeld zwischen Esoterik- und Rechtsszene ein. Der Sozialwissenschaftler Rainer Fromm bezeichnete das Phänomen als „Verschwörungswahn zwischen grauen Männern, alten Ufos und der schwarzen Sonne“[3]. Die wiederkehrende Kombination aus Weltverschwörung, Geschichtsrevisionismus und alternativmedizinischen Heilsversprechen zeige, wie sich in der Szene „pseudowissenschaftliche Narrative mit rechtspopulistischen Feindbildern verzahnen“. Kritiker fordern seit Jahren, die Veranstaltung nicht mehr öffentlicher Räume zu bieten; Kommunalpolitiker verweisen jedoch auf die Versammlungsfreiheit, solange keine strafbaren Inhalte vorliegen. Oliver Gerschitz selbst sieht sich als „Vermittler unterdrückter Informationen“ und bestreitet rechtsextreme Gesinnung. Ob der Regentreff künftig weiterhin in Regen stattfinden kann, dürfte auch von der zivilgesellschaftlichen Aufmerksamkeit und der Bereitschaft der Location-Betreiber abhängen.

Weblinks

  1. Dokumentation von Vorträgen und Rednerlisten 2004-2006
  2. Offizielle Veranstaltungsseite des Regentreffs
  3. Kurzreport über Kongress 2026 mit Einordnung

Einzelnachweise