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Rosch

Aus Faktenradar

Seit 2010 wirbt eine Unternehmensgruppe um die Schweizer Rosch Energy AG mit Anlagen, die angeblich dauerhaft Strom ohne Brennstoff liefern. Physiker bezeichnen das Konzept als Perpetuum mobile, zahlreiche Firmen und Lizenznehmer sind inzwischen aktiv, Gerichtsverfahren und Expertengutachten dokumentieren die Auseinandersetzung.

Gründung und Firmengeflecht

Gründung und Firmengeflecht

Den Ausgangspunkt bildete die 2010 gegründete eurosch GmbH des Heilbronner Unternehmers Robert Schrade. Nach deren Auflösung 2011 entstand in Amriswil TG die Rosch Energy AG – der Name setzt sich aus „RObert SCHrade“ zusammen. Parallel dazu wurden weitere Gesellschaften formiert: die Rosch Innovations AG (heute Save the Planet AG), die Rosch Innovations Deutschland GmbH mit Sitz in Troisdorf sowie regionale Töchter in Kroatien, Mexiko, Südafrika und Thailand. Die Holdingstruktur zentralisierte sich später unter der Save the Planet AG, während Schrade selbst aus operativen Positionen ausschied. Als alleinige Lizenzpartnerin für Deutschland fungiert seit 2015 die „Die Erste KPP GmbH“, an der Sabine Baron beteiligt ist; ihr Vater Horst G. Baron war bis 2008 Vorstand der SHB Innovative Fondskonzepte AG. Weitere Lizenznehmer sind der österreichische Verein GAIA – Gesellschaft für autarke Energie, Hartmut Doblers E-Cat Deutschland GmbH sowie einzelne Handelsfirmen in Mexiko und der Schweiz.

Technische Behauptungen und vorgeblicher Funktionsmechanismus

Technische Behauptungen und vorgeblicher Funktionsmechanismus

Das zentrale Produkt ist das „Kinetic Power Plant“ (KPP), ein sogenanntes Auftriebskraftwerk. In frühen Präsentationen erklärte Rosch, zwei kommunizierende Wasserschächte würden infolge unterschiedlicher Querschnitte ein permanentes Fließgleichgewicht erzeugen – ein Konzept, das dem hydrostatischen Paradoxon widerspricht. Später präsentierte das Unternehmen ein anderes Modell: In einem unterirdischen Wasserbecken bewegten sich auf einer Kette befestigte Zellen, die am tiefsten Punkt mit Pressluft gefüllt und dadurch aufwärts getrieben werden sollten. Die angeblich überschüssige Auftriebsenergie müsse ausreichen, sowohl den Kompressor als auch einen Generator zu betreiben. Für diese Anordnung meldete Schrade im September 2009 ein deutsches Patent an (DE 102009043356 A1); das Verfahren wurde 2012 jedoch eingestellt, weil kein Schutzberecht erteilt wurde. Rosch kündigte Serienmodelle zwischen 5 kW und 250 MW an und behauptete, seit 2010 laufe ein Prototyp. Bei einer öffentlichen Vorführung im April 2015 in Deutschland durften Zuschauer das Gerät nicht öffnen; nach dem Abbau fanden Beobachter ein zugemauertes Kabelloch, das auf eine externe Stromversorgung hindeutete.

Gerichtsverfahren und Expertengutachten

Gerichtsverfahren und Expertengutachten

Der österreichische Kritiker Wolfgang Süss bezeichnete das KPP-System wiederholt als Betrug. Im Juli 2016 erstatteten die Rosch-Geschäftsführer Detlef Dohmen und Hanns-Ulrich Gaedke Strafanzeige wegen übler Nachrede (§ 111 Abs 2 öStGB). Das Landesgericht Linz beauftragte daraufhin einen Sachverständigen. Im März 2017 stellte der Experte fest, dass das Konzept „ein Perpetuum mobile erster Art“ sei und die Energieerhaltung verletze; eine Ausnahme könne nur eine bisher unbekannte magnetische Wirkung darstellen. Auf Anfrage der Gutachter erklärte Rosch, „Berylliumchlorid-Magneten“ würden sich als Verbrauchsstoff abnutzen – eine chemisch unhaltbare Aussage, da Berylliumchlorid nicht magnetisch ist. Kurz vor der Hauptverhandlung im Juli 2017 zogen die Kläger ihre Anzeige zurück; Süss kann die Konstruktion weiterhin als Betrug bezeichnen. Ein zweites, von Gericht beauftragtes Beweisgutachten blieb infolge der Klagerücknahme ohne abschließende gerichtliche Würdigung.

Weitere Produkte und internationale Expansion

Neben den Auftriebskraftwerken bewarb Rosch weitere Konzepte, die nach eigenen Angaben „Gravitation und Magnetismus“ nutzen: einen „Magneto-Gravitationsmotor“, ein „Energiewasser“ mit angeblich zwei zusätzlichen Elektronen pro Wassermolekül sowie einen Knallgas-Generator („Rosch-Torch“). Serienreife oder unabhängige Tests wurden nie dokumentiert. Nachdem sich europäische Investoren zurückzogen, verlagerte die Gruppe ihre Aktivitäten nach Thailand, Korea und Mexiko. Im Dezember 2017 trat Rosch in Südkorea unter der Bezeichnung „UPG Europe“ auf; in Thailand kooperiert ein lokales Vertriebsbüro mit regionalen Investoren. Die Webpräsenz der Gruppe leitet Interessenten heute überwiegend an den österreichischen Verein GAIA weiter, der bis 2018 Kredite für 5-kW-Kleinanlagen vermittelte. Die Geschäftsführung der Save the Planet AG teilt mit, die Technik werde „vornehmlich im Ausland“ installiert, ohne Standorte oder Betreiber zu benennen.

Finanzielle Verhältnisse und regulatorische Hinweise

Über Umsätze oder Bilanzen veröffentlicht die Schweizer Muttergesellschaft keine Daten. Beobachter schätzen, dass allein für die deutsche Alleinlizenz mehrere Millionen Euro geflossen sein könnten; eine Bestätigung liegt nicht vor. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) führt kein offizielles Verfahren, warnte jedoch wiederholt vor ungedeckten Zusagen von „kostenloser Energie“. Das Schweizer Handelsregister erklärte die Eurosch AG 2014 mangels Domizil für aufgelöst; die Rosch Energy AG besteht weiter, ist aber nicht börsegelistet. Eine Reihe früherer Vertriebspartner – etwa die E-Cat Deutschland GmbH oder die TransAltec AG – haben die Zusammenarbeit inzwischen eingestellt oder sich aufgelöst. Für potenzielle Anleger bleibt der Nachweis einer funktionierenden Energiebilanz bislang offen; alle vorgelegten Prototypen wurden unabhängigen Messungen nicht zugänglich gemacht.

Zitate

Die Erde wird von einer Kraft durchdrungen, die alles Leben trägt – diese Energie wollen wir nutzen. — Werbeaussage der Rosch Innovations AG, zitiert in einer Präsentation vom 11. Juli 2014

Es handelt sich um ein Perpetuum mobile erster Art, da die Energieerhaltung verletzt wird. — Gerichtsgutachter Dr. R. Schmid, Gutachten März 2017

Weblinks

  1. Dokumentation von Wolfgang Süss zum KPP-Projekt
  2. Beobachter-Artikel über das fragwürdige Auftriebskraftwerk-Angebot
  3. Protokoll des SVR-Meetings 2014 mit Rosch-Präsentation (PDF)

Veröffentlichungen

Einzelnachweise

  1. Eintrag zur Eurosch AG im Schweizer Handelsregister, Firmennummer CH-124.129.727, Status: aufgelöst
  2. Gerichtsentscheid LG Linz 3 U 57/16 W – Rücknahme der Klage gegen Wolfgang Süss