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Das offene Wiki zur kritischen Einordnung von Pseudowissenschaft, Verschwörungserzählungen und Desinformation im deutschsprachigen Raum — 401 Artikel mit transparenten Quellen und dokumentiertem Korrekturrecht.

Strichcode-Verschwörung

Aus Faktenradar

EAN-Barcodes gelten als harsche Alltagsware, doch seit vier Jahrzehnten kursiert die Behauptung, sie bergen die „Zahl des Tieres“ und schadeten der Gesundheit. Woher stammt die Geschichte, welche Produkte wurden tatsächlich verändert – und was sagen Technik und Wissenschaft?

Vom Kassen-Scan zur Satanszahl: Die Entstehung einer Verschwörung

Vom Kassen-Scan zur Satanszahl: Die Entstehung einer Verschwörung

Am 26. Juni 1974 lief in einem Supermarkt in Troy (Ohio) eine Zehnerpackung Wrigley’s Juicy Fruit über das neue Laser-Lesegerät – der erste erfolgreiche Einsatz eines Barcodes im Handel. Nur acht Jahre später veröffentlichte die US-amerikanische Autorin Mary Stewart Relfe das Buch „The New Money System 666“ und behauptete, die drei längeren Trennstriche jedes Strichcodes seien nichts anderes als die Zahl 666, in der Offenbarung des Johannes mit dem „Tier“ assoziiert. Relfe warnte vor einem satanisch inspirierten Kontrollsystem und sah den Code als Vorbote einer Weltwährung unter Antichrist. Die These verbreitete sich vor allem durch religiöse Kleinverlage und Esoterikmedien; deutschsprachige Aufmerksamkeit erhielt sie ab 1995 durch einen Artikel des US-amerikaners Peter Andrew Lindenmann in der Zeitschrift „Borderlands“, in dem er Barcodes als „Mark of the Beast“ bezeichnete. Lindenmann, der ein abgebrochenes Ingenieurstudium und einen Doktortitel der als Titelmühle bekannten „Open International University of Alternative Medicine“ vorweist, wurde in entsprechenden Kreisen wiederholt als „Wissenschaftler“ zitiert. Seit den 1980er Jahren erscheinen in Esoterik- und Fundamentalmedien immer neue Varianten: Der Code wirke als „Antenne“ für „negative Schwingungen“, beim Scanvorgang würden Lebensmittel „bioenergetisch verbrannt“ oder mit „Elektrosmog“ versetzt. Diese Erzählungen finden sich bis heute in Blogs, Vortragsreihen und alternativen Fachzeitschriften wie „Raum & Zeit“ oder auf Portalen wie „Mein Seelenquell“, ohne dass belastende Messdaten vorgelegt würden.

Technik des EAN-Systems: Was die Striche tatsächlich enthalten

Technik des EAN-Systems: Was die Striche tatsächlich enthalten

Der heute weltweit gebräuchliche EAN-13-Code besteht aus 95 schwarzen oder weißen Einheiten zu je 0,33 Millimetern. Drei dieser Einheiten bilden ein Randmuster (101), zwei weitere kennzeichnen die Mitte (01010). Die restlichen Felder codieren zwölf Ziffern – sieben Linien pro Zahl – sowie eine Prüfziffer. Für jede Dezimalstelle existieren drei Varianten (A/B/C), damit Scanner die Leserichtung erkennen und Fehler aufdecken können. Die Behauptung, die Rand- und Mittelmarkierungen seien „666“, lässt sich technisch nicht aufrechterhalten: Weder besitzen die Trennzeichen die für eine 6 nötige Breitenabfolge, noch würde ein Scanner einen Code akzeptieren, der drei aufeinanderfolgende Sechser an diesen Stellen enthielte. Die Zählung beginnt rechts; die linke Seite nutzt Muster A und B, die rechte ausschließlich Muster C. Die GS1, die internationale Vergabestelle, weist ausdrücklich darauf hin, dass das erste Digit („Länderpräfix“) lediglich die nationale GS1-Gesellschaft identifiziert und keine verlässliche Herkunftsangabe erlaubt. Seit 2009 firmieren die Nummern unter der Bezeichnung Global Trade Item Number (GTIN), wobei sich am Prinzip – schwarze und weiße Balken als binäre 1 und 0 – nichts änderte. Die Spezifikation ist öffentlich einsehbar und bildet die Grundlage für Scanner in Handel, Logistik und Gesundheitswesen.

Zitate

Hier ist die Weisheit. Wer Verständnis hat, berechne die Zahl des Tieres; denn es ist eines Menschen Zahl; und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig. — Offenbarung des Johannes 13,18 (Luther 1984)

Weblinks

  1. GS1 General Specifications (PDF)
  2. OpenEAN – freie EAN-Datenbank
  3. GEPIR – Globale Datenbank der GS1
  4. GWUP-Bericht über durchgestrichene Barcodes

Veröffentlichungen

  • Mary Stewart Relfe: When Your Money Fails
  • Mary Stewart Relfe: The New Money System 666
  • Peter A. Lindenmann, Anja Luminaria: Barcodes: Mark of the Beast, in: Borderlands