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Verschwörungstheorien zur COVID-19-Pandemie 2019-2020

Aus Faktenradar

Seit Ende 2019 begleiten Mythen, Halbwahrheiten und gezielte Falschmeldungen die weltweite Ausbreitung von SARS-CoV-2. Ihre Urheber reichen von Einzelpersonen über alternative Medien bis zu staatlichen Akteuren. Eine Analyse wichtiger Muster und Akteure.

Frühe Mythen: Virenleugnung, Biowaffen und angebliche Pläne

Frühe Mythen: Virenleugnung, Biowaffen und angebliche Pläne

Bereits wenige Wochen nach der Meldung unklarer Lungenentzündungen in Wuhan im Dezember 2019 kursierten im Internet erste Erklärungsmuster, die wissenschaftliche Erkenntnisse ignorierten oder bewusst umkehrten. In sozialen Netzwerken wurde die Existenz von Viren generell bestritten, andere Stimmen bezeichneten SARS-CoV-2 als „grippeähnliches Konstrukt“. Parallel dazu verbreiteten sich Narrative über einen künstlichen Ursprung: Das Virus sei im Labor als Biowaffe erschaffen und versehentlich oder vorsätzlich freigesetzt worden. Dabei wechselten die angeblichen Täter je nach Erzählung zwischen chinesischen, amerikanischen oder britischen Geheimdiensten. Solche Spekulationen erfuhren Verstärkung durch politische Akteure. Der Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete Mehmet Yildiz (Die Linke) twitterte im Frühjahr 2020, das Virus „diente den Imperialisten, China aufzuhalten“. Auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Hansjörg Müller erklärte in einem Video, eine „Corona-Hysterie“ lenke von der „globalen Finanz-Oligarchie“ ab. Der Gründer der Partei Neue Mitte, Christoph Hörstel, stellte in seinem Buch „Das Corona-Komplott“ die Frage, ob „Corona“ – lateinisch für Krone – „die Krone der Lüge“ nach „Terror- und Klimalüge“ darstelle. Solche Deutungen griffen nicht auf Erkenntnisse der Virologie zurück, sondern auf politische Feindbilder.

Staatlich organisierte Desinformation: Russlands Kampagne im Fokus westlicher Analysten

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Ein EU-internes Dokument des European External Action Service (EEAS) vom 16. März 2020 identifizierte 80 Fälle russischer Falschmeldungen seit Januar 2020. Ziel sei es, „das Vertrauen in staatliche Maßnahmen und Institutionen“ zu schwächen. Konkret wurden die spanischsprachige Ausgabe von News Front, das Netzwerk Sputnik Radio sowie die Webseite RIA Fan genannt, die unter anderem behaupteten, Migranten würden das Virus absichtlich verbreiten. Das Global Engagement Center (GEC) des US-Außenministeriums stellte ebenfalls eine koordinierte Twitter-Kampagne vom 21. Januar 2020 fest. Mehrere Wellen fraglicher Accounts – in der Berichterstattung oft als „Putinbots“ bezeichnet – verbreiteten widersprüchliche Botschaften: Mal sei Covid-19 harmlos, mal drohe eine Apokalypse. EUvsDisinfo kam zu dem Schluss, die Vielfalt der Narrative selbst sei Teil der Strategie, um Verunsicherung zu erzeugen. Der britische Desinformationsexperte Ben Nimmo wertete die Inkonsistenz jedoch als Hinweis auf „Standard-Antiwesten-Rhetorik“ statt auf eine zentral gesteuerte Operation. Die EU-Kommission kündigte daraufhin eine Gegenkampagne an, um Fakten zu verbreiten.

Widersprüchliche Krisenkommunikation: Donald Trump und Jair Bolsonaro

Widersprüchliche Krisenkommunikation: Donald Trump und Jair Bolsonaro

In den Vereinigten Staaten erzeugten öffentliche Auftritte von Präsident Donald Trump zwischen Februar und April 2020 weitreichende Verwirrung. Am 19. Februar erklärte er, das Virus werde im April „durch wärmeres Wetter verschwinden“, am 23. Februar warnte er intern vor bis zu zwei Millionen Toten. Am 25. Februar versicherte er, die Lage sei „fast luftdicht unter Kontrolle“, am 16. April prophezeite er „ein sehr schönes Bild“ nach der Krise. Internationale Aufmerksamkeit erregte seine Pressekonferenz vom 23. April, in der er die Injektion von Desinfektionsmitteln und die Nutzung von UV-Licht erwähnte. Die US-Gesundheitsbehörde CDC und Hersteller von Reinigungsmitteln reagierten mit Warnhinweisen. Trump korrigierte sich später, er sei „sarkastisch“ gewesen. In Brasilien verbreitete Präsident Jair Bolsonaro ebenfalls verharmlosende Botschaften. Auf eine Frage zu steigenden Todeszahlen antwortete er im Mai 2020: „Na und?“ Er bezeichnete die Pandemie wiederholt als „Hysterie“ und lud trotz steigender Infektionszahlen zu Grillfesten ein. Beide Politiker wurden von Wissenschaftlern und regionalen Regierungen kritisiert, weil ihre Aussagen Gesundheitsmaßnahmen untergruben.

Alternative Medien und Einzelakteure: Von angeblichen Testfehlern bis zur „Hygienediktatur“

Neben politischen Akteuren etablierten sich zahlreiche alternative Webseiten und Blogger, die sich zur „Querdenker“-Bewegung zusammenfanden. Das Magazin „Rubikon“ behauptete am 31. März 2020, der von der Charité entwickelte PCR-Test weise „über 80 Prozent Falsch-Positive“ aus. Virologische Fachgremien wiesen diese Darstellung zurück und verwiesen auf Validierungsstudien mit Spezifitäten jenseits von 95 Prozent. Der ehemalige HNO-Arzt Bodo Schiffmann veröffentlichte YouTube-Videos, in denen er Infektionsschutzmaßnahmen mit dem NS-Ermächtigungsgesetz von 1933 verglich. Der Schauspieler Michael Lesch erklärte in einem Interview mit dem Verschwörungstheoretiker Oliver Janich, Deutschland befinde sich in einer „Hygienediktatur“, in der Kinder „vergiftet“ würden. Der österreichische Heilpraktiker Andreas Bircher riet in Videos zu 41-Grad-Bädern, weil das Virus „bei über 40 Grad absterbe“. Die Weltgesundheitsorganisation betont, Fieber allein reiche nicht aus, eine Infektion abzutöten. Zahlreiche dieser Inhalte wurden auf Portalen wie „KenFM“, „Kla.tv“ oder „Tichys Einblick“ geteilt und in sozialen Netzwerken weiterverbreitet.

Rechtsextreme und verschwörungstheoretische Parteien: NS-Vergleiche und Untergangsszenarien

In rechtsextremen Foren und Publikationen wurde die Pandemie wiederholt mit einem angeblichen „Systemsturz“ verknüpft. Die Online-Enzyklopädie „Metapedia“ behauptete, die Bundesrepublik nutze die Krise zur „Umerziehung“. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Sichert erklärte in einer Rede, die Regierung habe schon 2012 von einer Corona-Pandemie mit 7,5 Millionen Toten gewusst. Das Organ der MLPD, „Rote Fahne News“, sprach von „sich verdichtenden Indizien“ für einen künstlichen Ursprung. Der Blog „Roter Morgen“, der der ehemaligen KPD nahesteht, bezeichnete Infektionsschutzverordnungen als „Lügengebilde“ und verglich sie mit den Nazis 1933. Solche NS-Analogien zogen Gerichte auf: Mehrere Verfahren wegen Verharmlosung nationalsozialistischer Verbrechen wurden eingeleitet. Der Verfassungsschutz beobachtete zunehmend, dass rechtsextreme Gruppen Verschwörungserzählungen nutzten, um Proteste zu organisieren und die demokratische Staatsordnung in Frage zu stellen.

Fazit: Faktenchecks, Gegenkampagnen und die Rolle der Zivilgesellschaft

Die Vielfalt der Falschmeldungen zwang Wissenschaftler, Journalisten und Plattformbetreiber zu umfangreichen Faktenchecks. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt ermittelte, dass allein im März 2020 deutschsprachige Desinformationsbeiträge zu Corona mehrere Millionen Mal geteilt wurden. Initiativen wie Correctiv, die Gesellschaft für wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) und das Recherchezentrum „BR Data“ veröffentlichten regelmäßig Korrekturen. Die EU-Kommission startete die Informationskampagne „Facts Matter“, um wissenschaftliche Erkenntnisse aufzubereiten. YouTube, Facebook und Twitter entfernten zehntausende Videos und Accounts, die gegen Richtlinien zu medizinischer Fehlinformation verstießen. Dennoch zeigen Studien, dass einzelne Falschmeldungen bis zu drei Mal schneller verbreitet werden als Berichtigungen. Experten fordern daher eine stärkere Medienkompetenz in Schulen und eine kontinuierliche Aufklärung über wissenschaftliche Methoden. Die Covid-19-Pandemie hat offengelegt, wie schnell sich narratives Leerfeld mit Spekulation füllt, wenn transparente, nachvollziehbare Informationen fehlen.

Weblinks

  1. GWUP-Faktencheck zu Corona-Mythen
  2. Correctiv-Analyse zur Fehlerquote von PCR-Tests
  3. Reuters-Bericht zu russischer Desinformation
  4. WHO-Myth-Buster zu Covid-19
  5. CDC-Informationen zur Prävention
  6. RKI-Hygienetipps