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Vitalfeldtherapie

Aus Faktenradar

Die Firma Vitatec vertreibt Geräte, die dem Körper per Elektroden und Matten „fehlende Energie“ zuführen sollen. Tests zeigen widersprüchliche Messwerte, gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht.

Messung und Behandlung: So funktioniert das Konzept

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Bei der Vitalfeldtherapie unterscheidet der Anbieter Vitatec Products AG aus Baar (Schweiz) zwei Gerätetypen: das Diagnosegerät „Global Diagnostics“ und das Therapiegerät „MitoPlus“. Für die Diagnose werden dem Patienten Elektroden an beiden Füßen befestigt. Ein Computer erhebt binnen acht Minuten Signale und erstellt ein Diagramm mit 540 Messpunkten – von Nerven und Organen bis hin zu Gelenken. Die Software wertet diese Daten nach Firmenangaben aus, ohne offenzulegen, wie ein „Frequenzspektrum“ etwa der Luftröhre oder der weiblichen Brust ermittelt wird. Anschließend empfiehlt das Programm eine Therapie. Dabei liegt der Patient auf flachen Elektroden („Biotroden“), die mit dem MitoPlus verbunden sind. Das Gerät gibt elektromagnetische Schwingungen zwischen unter 1 Hz und über 100 GHz ab. Die Firma behauptet, diese Strahlung bilde „natürliche Umgebungsenergie“ nach und führe dem Körper die vermisste Energie zu. Obwohl der Energiebegriff in der Physik klar definiert ist, bleibt offen, was unter „Energiemangel“ im Sinne der Vitalfeldtherapie konkret gemeint ist. Die schulmedizinische Fachwelt erkennt keine Evidenz dafür an, dass der Mensch seinen Energiebedarf über elektromagnetische Strahlung deckt.

Wissenschaftliche Prüfung: Bananen erhalten Diagnosen für Kiefer und Genitalien

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Unabhängige Tests liefern widersprüchliche Ergebnisse. 2020 ließ das Schweizer Fernsehen in der Sendung „Kassensturz“ eine gesunde Redaktorin zweimal hintereinander untersuchen – die Auswertungen unterschieden sich deutlich. Als Kontrollobjekt diente eine Banane. Das System wies der Frucht Störungen im Kiefergelenk, im Bindegewebe und in den Genitalien zu. Auch das Bayerische Fernsehen („Report München“) prüfte Global Diagnostics 2019 mit einem Leberkäse und kam zu dem Schluss, dass das Gerät keine verlässlichen medizinischen Daten liefert. Als Konsequenz zog das zuständige Regierungspräsidium die CE-Kennzeichnung für das Diagnosegerät zurück. Der TÜV hatte das Produkt zuvor zertifiziert. Die Online-Plattform „Medizin Transparent“ fasste 2025 ihre Bewertung knapp zusammen: Die Vitalfeldmessung sei „unwissenschaftlich und zur Diagnose ungeeignet“.

Verbreitung und Kosten: Heilpraktiker bieten Anwendungen an, Kassen zahlen nicht

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Trotz fehlender Wirksamkeitsnachweise nutzen vor allem Heilpraktiker die Methode. Eine Erstuntersuchung mit Global Diagnostics kostet laut Anbieterangaben 80 bis 150 Euro, eine reine MitoPlus-Sitzung etwa die Hälfte. Für akute Beschwerden empfiehlt Vitatec ein bis drei Termine, bei chronischen Leiden wird wöchentliche Behandlung über Monate angegeben. Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten die Ausgaben nicht, weil keine ausreichenden Studien eine medizinische Wirkung belegen. Dennoch bewirbt die österreichische Ärztin Martie Truschnig-Wilders, Fachärztin für Laboratoriumsdiagnostik und ehemals Universitätsklinik Graz, das Verfahren. In einer nichtrandomisierten Retrospektivstudie ohne Kontrollgruppe stellte sie 2007 Übereinstimmungen zwischen Global-Diagnostics-Befunden und konventionellen Diagnosen heraus. Kritiker monieren, dass die Probanden zuvor ihre Beschwerden mitteilten; diese Angaben flossen unmittelbar in die Auswertung ein, wodurch eine objektive Blindiermöglichkeit entfiel.

Weitere Produkte und Hintergründe: Lichtgeräte, Digitalisierung homöopathischer Muster und Firmenstruktur

Neben den Hauptgeräten vertrieb Vitatec zeitweise „Optisan“, eine Leuchtdiodenlampe, die gepulstes Licht zwischen 1,85 Hz und 40 kHz aussendet. Laut Patentanmeldung soll das Gerät Entzündungen, Hauterkrankungen und „Wirbelsäulenblockaden“ lindern. Das Patent EP 1518585 B1 ist mittlerweile erloschen. Eine Zusatzeinheit namens „DigiSoft“ versprach, homöopathische Substanzen elektronisch zu erfassen und ihre „Frequenzmuster“ über die Biotroden auf den Patienten zu übertragen – ein Verfahren, das in der Radionik-Szene verbreitet ist, jedoch physikalisch unbestätigt ist. Entwickelt werden alle Systeme von Siegfried Kiontke, promovierter Physiker und Verwaltungsratspräsident der Vitatec-Gruppe. Kiontke publizierte mehrere Bücher im Eigenverlag, in denen er die Bedeutung „morphogenetischer Felder“ betont und anthropogene Klimaerwärmung sowie die wissenschaftliche Erforschung von HIV in Frage stellt. Laut Einträgen in Scientology-Datenbanken ist Kiontke „Operierender Thetan“ (Stufe OT VIII). Mehrere Verwaltungsrats- und Geschäftsführungsposten der Vitatec-Firmen werden von weiteren Mitgliedern dieser Organisation besetzt.

Weblinks

  1. SRF-Kassensturz: Esoterischer Humbug – Bioresonanz-Therapie
  2. BR-Report München: Betrug mit Messung wichtiger Gesundheitsdaten

Veröffentlichungen

  • Nicola Zink: Betrug mit der Bioresonanz – Der Leberkäse erfreute sich bester Gesundheit. HautinForm 4/2022